Umstrittener Jugendwiderstand in Werder 1948-1953

Gepostet am Aktualisiert am

In der Potsdamer Gedenkstätte Lindenstraße, dem ehemaligen Stasi-Gefängnis mitten in der Stadt, wurde das Buch „Wir wollten was tun.“ Widerstand von Jugendlichen in Werder an der Havel 1949-1953 vorgestellt. Es erscheint in der Schriftenreihe der Beauftragten des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur.(Das Buch steht bis jetzt noch nicht auf der Seite.)

Iris Bork-Goldfield hat die Geschichte ihres Vaters Werner Bork recherchiert. Der war nach Kriegsende Schüler in Werder. Er und einige seiner Mitschüler/-innen standen der beginnenden sozialistischen Diktatur kritisch gegenüber. Sie lasen im nahen Berlin (West) Zeitungen und Zeitschriften, gingen dort ins Theater, besuchten den British Council und das Amerikahaus. In der Schule fielen sie durch kritische Fragen auf. Werner Borks Noten wurden wegen seiner politischen Haltung herabgesetzt. Da er nun keine Chance mehr für das Abitur hatte, bewarb er sich in West-Berlin um Aufnahme in die Hochschule für Politik.

Er und seine Freunde wollten etwas tun. Sie tippten Flugblätter und verteilten sie. Später konnten sie mit Hilfe von in West-Berlin erhaltenen Flugblattraketen tausende streuen.

Werner Bork und ein Freund bekamen mit, wie ihre Väter auf Geheiß des Rates des Kreises 1948 Wahlergebnisse fälschen mussten.

Die Proben und Aufführungen ihrer Schülertheatergruppe wurden zu Treffpunkten, an denen man frei reden konnte. Als man sie aufforderte, dem Kulturbund der gerade gegründeten DDR beizutreten, löste sich die Gruppe auf.

Bork zog 1951 nach West-Berlin um, weil er bemerkte, dass er beobachtet wurde. Mitschüler/-innen, darunter auch solche, die zu ihm keinen Kontakt hatten, wurden verhaftet. Sieben wurden in Moskau erschossen. Denunziert hatte ihn ein Werderaner „Geheimer Mitarbeiter“ des MfS, der ihn später auch aus West-Berlin zu entführen versuchte. Nach der Wende wurde der Mann in Werder Schützenkönig.

Einer seiner Lehrer an der Hochschule, Ernst Tillich, war Vorsitzender der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU; siehe die Anmerkung unten!). Sie war angesichts des Massensterbens in den ostzonalen sowjetischen Arbeitslagern von ehemaligen Nazigegnern gegründet worden. Anfänglich wurde sie von Spenden aus der Bevölkerung unterstützt, dann übernahm der amerikanische Geheimdienst die Finanzierung. Tillich machte Bork auf mögliche Folgen von Widerstandshandlungen aufmerksam. Davon ließ dieser sich nicht abbringen. Vom KgU erhielt er Flugblätter, Zeitungen und Zeitschriften, z. B. den „Monat“, und westliche Literatur, die in der DDR verboten war: Silone, Koestler, Orwell.

Die in West-Berlin arbeitenden westlichen Geheimdienste wurden auf die Werderaner Schüler aufmerksam. Man war daran interessiert, möglichst viel aus der SBZ zu erfahren. Bork notierte auch Nummernschilder von Militärfahrzeugen und warb Menschen an, die sowjetische Truppenübungsplätze observierten. Er erhielt dafür Geld und falsche Ausweise. Den Kontakt zum BND brach er ab, als er merkte, dass er es dort mit Nazis zu tun hatte.

Einige der Anwesenden bei der Buchvorstellung verbissen sich in der Diskussion in diesen Teil des Widerstandes der Werderaner. Ein Mann, der sich als Autor von Publikationen zur KgU vorstellte, wiederholte mehrfach den Vorwurf, Bork hätte eine Siebzehnjährige zum Widerstand verführt und dadurch in den Tod geschickt.

Die SED-Diktatur geriet dabei ins Hintertreffen. Ich versuche, dem etwas Positives abzugewinnen.In einem früheren Beitrag schrieb ich, dass die Ostdeutschen ein zweites Mal um die Aufarbeitung ihrer Geschichte herumkommen: Die NS-Geschichte hat ihnen die SED erspart. Die Nazis waren angeblich ausschließlich im Westen und herrschten dort weiter. Deswegen musste man den „antifaschistischen Schutzwall“ bauen. Im Osten gab es nur OdF (Opfer des Faschismus) und heldenhafte antifaschistische Widerstandskämpfer.

Die Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte bleibt ihnen bisher auch erspart. Am Untergang der DDR sind angeblich die Treuhand und die gierigen westlichen Konzerne schuld. Das meint sogar Werner Schulz, einst Bürgerrechtler und jetzt Grüner. Das Folgende sagt er nicht, aber ich höre es immer wieder: Es hätte viel Gutes gegeben – ich zähle das hier nicht auf – und der Alltag war sowieso irgendwie normal. Nur wer sich nicht angepasst hatte, bekam Probleme. Wer wegen eines Ausreiseantrages ins Gefängnis musste, hätte ihn nicht zu stellen brauchen.

Wenn darüber gestritten wird, ob ein Schüler 1948 richtig gehandelt hat, wenn er die SED-Diktatur bekämpfte und dabei auch Informationen über die Rote Armee als nützlich ansah, könnte das ein erster Schritt zur Reflexion des Verhaltens von DDR-Bewohner/-innen sein, denn wenn man mit dem Finger auf Herrn Bork zeigt, zeigen drei Finger derselben Hand auf einen selbst zurück. Was hat man selbst in der DDR gemacht? Widerstand geleistet, ohne Spionage zu treiben? Sich angepasst? Bereitwillig die Organe über verdächtige Nachbarn informiert? Die Angst davor, über sich selbst Rechenschaft ablegen zu müssen, sorgt dafür, dass man mit dem Finger auf andere zeigt.

Beim Widerstand ging es im Westen nach dem Ende der Nazizeit ähnlich zu. Das Gedenken an Widerständler war lange umstritten, besonders lange beim Offizierswiderstand. Die Mitglieder der Roten Kapelle, die den Sowjets militärische Informationen lieferten, waren desavouiert, weil sich unter ihnen Kommunisten befanden und weil sie eben Spione waren. Die Kommunisten dagegen verehren sie. Lange Jahre nach der Akzeptanz des Offizierswiderstandes ist jetzt auch der Widerstand der Roten Kapelle anerkannt.

Vom „kleinen“ Widerstand gegen die SBZ/DDR ist hierzulande wenig die Rede, weder in der Forschung, noch in den Medien oder in der Gesellschaft. Nur von der Friedlichen Revolution Ende der 80er und ihrer Entstehungsgeschichte weiß man mehr. Der 17. Juni 1953 wird gelegentlich erwähnt. Gefühlt behaupte ich: wenig und mit abnehmender Tendenz. So stand am 17. Juni 2015 in den PNN nur, dass man in Potsdam des A-Bomben-Abwurfs in Hiroshima gedacht habe. (Warum im Juni und nicht im August?) Letztes Jahr um diese Zeit redete man im rbb mehrmals vom Arbeiteraufstand in Ostberlin, bis jemand den Redakteur/-innen gesagt haben muss, dass über eine Million Menschen am und um den 17. Juni 1953 herum in der gesamten DDR demonstriert hatten. Ich wette, dass die nachwachsenden Generationen mit dem Datum nichts mehr anfangen können. Im Schulunterricht ist kaum Zeit für das Thema DDR, da kann man nicht jedes Detail erwähnen. An die Friedliche Revolution erinnert in Ostdeutschland so gut wie kein Platz oder Denkmal, an den 17. Juni noch weniger. Eine Straße des 17. Juni gibt es nur im Westen Berlins.

In Werder habe man sich lange schwer getan, an die Jugendlichen zu erinnern. Man muss also Herrn Bork und seiner Tochter als Autorin dankbar sein, dass das Buch geschrieben wurde und eine Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte und dem Verhalten seiner Einwohner/-innen auslösen könnte.

Es wird geschätzt, dass ca. 10.000 Menschen Ende der 40er Jahre in der SBZ/DDR ihr Leben riskierten, weil sie Flugblätter herstellten und verteilten, die Forderung nach freien Wahlen an Wände malten oder auch „nur“ im Unterricht kritische Fragen stellten oder in Berlin (West) von den Unterdrückungsmaßnahmen berichteten und Westberliner Zeitungen hereinschmuggelten.

In der Medienkiste „Ampelmännchen und Todesschüsse“ könnte man „Die Schleife an Stalins Bart“ und „Das schweigende Klassenzimmer“ im weitesten Sinne als Auskunft zum Widerstand zählen.

Eine Anmerkung zur Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU): Die KgU konnte der SED allenfalls Nadelstiche versetzen. Aber der Hass auf sie war grenzenlos. Für die Kommunisten war es eine vom US-Geheimdienst finanzierte Verbrecherbande. Diese Sicht wird bis heute von Linken gepflegt. Ganz so einfach war es nicht. (Zur KgU ausführlich bei Bettina Greiner, Verdrängter Terror, Geschichte und Wahrnehmung sowjetischer Speziallager in Deutschland, 2010 Hamburger Edition, pp 343ff)

Das Entsetzen im Westen über die kommunistische Diktatur war groß; Da verschwanden Menschen spurlos, wurden aus Berlin(W) verschleppt, Mitglieder der zwangsvereinigten SPD landeten im Zuchthaus, der erste Potsdamer Oberbürgermeister und seine Frau wurden in Moskau erschossen.

In der KgU waren Sozialdemokraten, ehemalige Nazis und Nazi-Widerständler aktiv. Vor allem waren sie Antikommunisten. Sie führte Flugblattaktionen durch, aber auch Sprengstoffanschläge. Hunderte Aktivisten oder zumindest Verdächtige wurden von der SED eingesperrt oder hingerichtet. Nach einigen Jahren wurde die KgU von der CIA finanziert. Der Geheimdienst wollte Informationen aus der DDR und keine Agitation und Anschläge. Dem Verlangen folgte die KgU nicht. 1959 löste sie sich, auf Verlangen des West-Berliner Senats und der Bundesregierung auf.

Literatur: Enrico Heitzer, Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU). Widerstand und Spionage im Kalten Krieg 1948 – 1959, Köln 2015

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