25 Jahre Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. Eine Veranstaltung in Berlin

Gepostet am Aktualisiert am

Am 1. Juni 1990 trat der Staatsvertrag über zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland in Kraft. Die DDR übernahm das wirtschafts- und sozialpolitische System der Bundesrepublik und führt die D-Mark als alleiniges Zahlungsmittel ein.
Aus diesem Anlass luden der Berliner Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in den Eichensaal des Wirtschaftsministeriums in der Invalidenstraße ein.

Ich bin aus einer Art Pflichtbewusstsein hingegangen, weil ich als interessierter Zeitgenosse und Blogger gerne zu Veranstaltungen zum Thema DDR gehe. Neue Erkenntnisse habe ich mir nicht erhofft.

Dann kam es doch ein wenig anders. Es war eine lebhafte Veranstaltung.

Das Gebäude, in dem der Bundeswirtschaftsminister residiert, hat eine wechselvolle Geschichte. Es war vor dem Ersten Weltkriege und unter den Nazis eine Akademie für das militärärztliche Bildungswesen. In der DDR war es Regierungskrankenhaus und dann Oberster Gerichtshof. Das Gebäude lag direkt an der Mauer. Im Propagandakrieg zwischen West und Ost postierte der Westen sein „Studio am Stacheldraht“ mit Informationen aus dem freien Westen gerne unmittelbar gegenüber dem Krankenhaus, in dem die kranken SED-Bonzen lagen. Es wurde später nach Berlin-Buch verlegt.

Der Wirtschaftshistoriker Prof. Werner Abelshauser (Bielefeld) führte in das Thema ein. Er stellte zuerst die Ausgangslage der DDR und die Probleme der Planwirtschaft dar, dann ging er auf die Schwierigkeiten des Einigungsprozesses ein.

Hauptgrund der wirtschaftlichen Probleme der DDR sind für ihn weniger ökonomische Disparitäten zu Beginn der Teilung als die Abschaffung der Unternehmer und der fehlende Zwang, sich in der Weltwirtschaft als leistungsfähige Exportnation zu zeigen. (Sein Buch „Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945“ habe ich im Blog schon zitiert.) Die Auslandsschulden stiegen von 2 Mrd Valutamark 1970 auf 40 Mrd Valutamark 1989.

Die Diskutanten waren

Dr. Johannes Ludewig, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium a. D. (CDU)
Prof. Dr. Richard Schröder, 1990 SPD-Fraktionsvorsitzender in der Volkskammer, und
Werner Schulz, 1990 Volkskammerabgeordneter (Bündnis 90), unter souveräner Leitung von Ulrike Hermann, Wirtschaftsjournalistin der taz.

Zitiert wurde das bei diesem Thema Bekannte: Das Politbüro war von seinen eigenen Diensten vor dem bevorstehendem Bankrott gewarnt worden. Die Bundesregierung stand vor dem Problem, die neu gewonnenen Freiheiten der Ostdeutschen ganz schnell wieder zu kassieren und Zoll- und Personenkontrollen an der ehemaligen Zonengrenze einzuführen, um die drohende Massenabwanderung in den Westen zu verhindern. An eine Währungsumstellung auf der Basis 1:4, was in etwa der Realität entsprochen hätte, war nicht zu denken. Die DDR wäre Hartz-IV-Land geworden. Der Umtausch in 1:1 und 1:2, wie er dann stattfand, verschlechterte die sowieso schon schlechte Konkurrenzfähigkeit ostdeutscher Betriebe noch mehr.

Herr Ludewig hob auf die westdeutschen Ängste vor einer Wiederholung des 17. Juni 1953 ab. Deswegen habe man schnell handeln müssen. (Die immer wieder zu hörende Angst vor einem 17. Juni – auch von Herrn Bräutigam in Brandenburg geäußert – zeigt m. E,. wie schlecht man in Bonn über die Situation in der DDR und in Moskau informiert war. Die Verunsicherung durch die Perestroika und die Lähmung durch den Aufstand der Ostdeutschen waren den Bonnern nicht bewusst. Gegen Abelshauser polterte er, dass die Wirtschaftshistoriker Unsinn verbreiten würden. Niemand habe die Währungsreform und das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg im Sinn gehabt, als es um die Währungsunion ging. Abelshauser belegte seine Aussage später mit Zitaten von Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Ingrid Matthäus Meier u.a.

Richard Schröder kommentierte in der ihm eigenen, unübertrefflichen Art: „Das war 1989 ein Dammbruch. Egal, was Sie machen, Sie holen sich nasse Füße“.

Werner Schulz enttäuschte, ich hatte ihn bisher positiver gesehen. Kein Wunder, dass es so viel Übereinstimmung zwischen Linken und linken Grünen im Bundestag gibt. Die DDR-Wirtschaft sei konkurrenzfähig gewesen, das hätte man ja am Quelle-Katalog gesehen, in dem viele Waren aus DDR-Produktion stammten. Außerdem hätte man während der Wende den ersten FCKW-freien Kühlschrank produziert. Die viel versprechende Luftfahrtindustrie sei von den Russen verhindert worden. Die DDR wäre nicht pleite gewesen. Man hätte die Wirtschaft flott machen können, wenn man gewollt hätte. Der Westen hätte sich die Filetstücke der DDR-Wirtschaft unter den Nagel gerissen und den Rest platt gemacht, weil er die DDR als Absatzmarkt für Westprodukte brauchte.

Schulz nennt als Beispiel West-Unternehmer, die Betriebe gekauft hätten, sich Subventionen geholt hätten und kurze Zeit später den Betrieb zugemacht hätten. Schröder zeigt, dass Schulz´Behauptung auch anders gesehen werden kann. Er nennt als Beispiel einen westdeutschen Unternehmer, der im Vertrauen auf die Expertise der Treuhand einen Betrieb saniert hätte. Als die ihm ursprünglich avisierte regelmäßige Bestellung von Waggons aus Russland ausblieb, habe er in der Tat, aber erst dann, den Betrieb, mit Verlusten, aufgegeben. Schulz grummelt weiter: „Es war nicht alles schlecht.“

Auch die Treuhand kriegt ihr übliches Fett ab. Neugierig machte Schröders Bemerkung, dass er auf die Freigabe weiterer Akten zur Treuhand hofft. Die Betrugsrate in der Treuhand sei übrigens geringer gewesen als im Wirtschaftsleben üblich. Auch die häufig beklagte „Deindustrialisierung“ (Platzeck) der DDR sei mit Vorsicht zu betrachten. Der Industrialisierungsgrad der ostdeutschen Wirtschaft läge derzeit bei 18%, der von Frankreich bei 10%%.

Ein Abend, der sich dann doch gelohnt hat!

Mitschnitt der Veranstaltung

Nachtrag Oktober 2015: Werner Schulz erhält das Bundesverdienstkreuz.

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