Die DDR lebt: Die roten Barone sind heute Millionäre

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Während ich gerade das Narrativ einer Berliner Feministin und Bloggerin über die böse Treuhand gelesen habe, fiel mir ein, dass die unterbliebene Auflösung der Landwirtschaftlichen Produnktionsgenossenschaften (LPG) nach der Revolution in Ostdeutschland kein vergleichbares Thema in der Öffentlichkeit ist. Ihre Aufarbeitung wurde von den rot-roten Regierungsparteien erbittert bekämpft.

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Die Linkspartei hielt sogar einen Kongress ab, auf dem sie die großen sozialistischen Güter als Wegbereiter moderner Agrarbetriebe feierte. (Warum dann die Güter der ostelbischen Junker zerschlagen wurden, verstehe ich nicht so ganz. Das wären heute doch sicher moderne Agrarbetriebe.)

Wenn sich die Treuhand das geleistet hätte, was auf dem Land in Brandenburg (noch schlimmer in Mecklenburg-Vorpommern) passiert ist, wäre das Geschrei groß. Die Treuhand, siehe die o.a. Bloggerin, die ihre Erkenntnisse unter dem verschwurbelten Namen „Wostkinder-Blog“ auf faz.net verbreiten darf, soll die Schätze des funktionierenden und erfolgreichen Industriestaates DDR geplündert und gierigen Westkonzernen in den Schlund geworfen haben. Die brauchten wohl unbedingt zur Auffrischung ihrer Bilanzen den ostdeutschen Markt und die maroden Fabrikhallen, um im globalen Wettbewerb zu bestehen.

Bei der „Abwicklung“ der DDR-Landwirtschaft ging es genauso zu, wie es dem „Westen“ unterstellt wird, aber unter umgekehrten Vorzeichen. Die meisten DDR-Großbetriebe blieben erhalten. Das Narrativ geht so, wie es auf dieser Homepage beschrieben ist.

Ihr Vermögen wurde nicht anteilig auf die Genossenschaftsbauern verteilt. Die früheren LPG-Vorsitzenden sind heute Geschäftsführer und Eigner der Güter. Die früheren Bauern und späteren LPG-Landarbeiter mussten sich andere Jobs suchen, weil die neuen alten Bosse mit weniger Mitarbeitern und mehr Technik produktiver wurden als die LPGen. Von 300 Genossen teilten sich am Schluss 7 den LPG-Besitz nach der „Wende“. Wie dabei getrickst, betrogen und gefälscht wurde, interessierte damals nicht und heute erst recht nicht mehr. Die Mehrheit der LPG-Nachfolgeunternehmen hat sich flächendeckend auf Kosten der ehemaligen Mitglieder bereichert» , sagt Bauernbund-Präsident Kurt-Henning Klamroth.

Spiegel-Titelbild

Ein Bericht der Lausitzer Rundschau beschreibt die Bauernproteste gegen die LPG-Mafia.

Rote Barone nannte man die LPG-Vorsitzenden wegen ihrer Machtfülle auf dem Land. Sie war der der adligen Großgrundbesitzer vergleichbar; die heutigen Besitzer stehen dem in nichts nach. Das Wort Genossenschaft ist falsch; es ist kommunistische Propaganda, in Wirklichkeit waren die LPGen Staatsbetriebe wie die sowjetischen Kolchosen.

Ermöglicht wurde die Entwicklung nach 1990 durch eine Großbetriebe begünstigende Gesetzgebung und Regierungspraxis. Die ehemaligen roten Barone haben in Brandenburg ihren eigenen Landwirtschaftsverband. Es ist die Nachfolgeorganisation der „Gegenseitigen Bauernhilfe“, die in der DDR die Zwangskollektivierung organisiert hatte. Die kleineren und mittelständischen Bauern, deren Rückkehr in Brandenburg nicht erwünscht war, haben ihren Verband. Vorsitzender des ersteren ist in Brandenburg der heutige SPD-Politiker Udo Folgart. Unter einem Kanzler Steinmeier wäre er Bundeslandwirtschaftsminister geworden. Er war Vorsitzender der LPG Paaren bei Potsdam. Nach der „Wende“ wird die LPG umgewandelt in die Agro-Glien GmbH Paaren. Geschäftsführer bis heute: Udo Folgart. 

Eine Untersuchung der Universität Jena kam zu dem Schluss, dass nahezu alle der über 1.700 LPG-Umwandlungen fehlerhaft waren. (Ca. 4.000 LPGen gab es in der DDR.) In der Regel wurden die ausscheidenden Mitglieder über den Wert der Betriebe durch falsche Bilanzen betrogen.

Der Mitteldeutsche Rundfunk produziert seine DDR-Dokumentationen ausgewogen: Er bedient die Sehnsucht nach „Schön war die Zeit“-Sendungen und bringt dann doch auch erstaunlich kritische Filme zustande. Gegen ersteres ist nichts einzuwenden, wenn es darum geht, Erinnerungen an Ostseeurlaub, an Kinderbücher und Spielfilme, Schlagerstars und Fußballspiele aufzufrischen. Gefährlich wird es nur dann, wenn suggeriert wird, dass das Leben in einer Diktatur sich nicht groß vom Leben in einer Demokratie unterschied.

In einer Dokumentation darüber, wie westdeutsche Investoren sich an volkseigenen DDR-Immobilien bereichert hätten, kommt ausführlich ein ehemaliger LPG-Vorsitzender zu Wort, der seine LPG behutsam in einer moderne Agrofirma umgewandelt habe. Er habe Bauern, die gehen wollten, fair ausbezahlt und mit denen, die bleiben wollten, dann die neue (echte) Genossenschaft aufgebaut. Der Kommentator erwähnt am Schluss, dass das nicht immer so vorbildlich gelaufen sei. (Er umschreibt damit ca. 90% aller Fälle.)

Dann kommt auch noch die Treuhand ins Spiel: Die durch die sowjetische Bodenreform in der SBZ 1947/48 enteigneten Rittergüter durften nicht zurückgegeben werden, angeblich, weil die Russen das so wollten. Das ist umstritten, Gorbatschow hat diese Forderung verneint hat. Die Treuhand gab die, eine Million Hektar umfassenden Flächen, die dringend bewirtschaftet werden mussten, schnell an Pächter ab. An wen? An die gewendeten roten Barone, die als einzige in der Lage waren, diese riesigen Flächen angemessen zu nutzen. Als 1994 gesetzlich geregelt wurde, dass Alteigentümer zwar nicht das Alt-Eigentum zurückerhalten dürfen, aber Ackerland zu niedrigen Preisen kaufen könnten, stand im Gesetz plötzlich auch, dass „Neueinrichter“ ebenfalls verbilligt zugreifen durften. Neueinrichter waren die roten Barone, die jetzt ihr Gut unter einem neuen Namen betrieben. Das Bodenreformland ging zu 90% an die SED-Seilschaften. SED-Altvordere saßen überall in den Behörden, vom Landratsamt bis zu den Liegenschaftsverwaltungen der Landesregierungen. Brandenburgs damaliger SPD-Landwirtschaftsminister Edwin Zimmermann unterstützte in einem Brief an Vertreter der Landwirtschaftsämter und der Verbände: Man solle Ansprüche von sog. Bodenreformopfern bzw. deren Erben beim Verkauf keinerlei Beachtung zu schenken. (Der Brief liegt der taz vor.)

Der Wert der ostdeutschen Ackerflächen ist erheblich gestiegen. Die altneuen Geschäftsführer dürften durchweg Vermögensmillionäre sein. Sie hatten ihre Güter nach der Revolution weit unter Wert von den Liegenschaftsverwaltungen der neuen Bundesländer kaufen dürfen.

Inzwischen interessieren sich westeuropäische Agrarkonzerne für Güter im Osten. Es lockt das große Strukturen begünstigende politische Klima und es locken die Subventionen der EU. Einzelne Betriebe erhalten über eine Million € jährlich. Seit Jahren wehrt sich Deutschland gegen eine von der EU gewollte Deckelung der Beihilfen. Sie soll jetzt, nach Jahrzehnten großzügiger Förderung, kommen.

In der rbb-Abendschau beklagen die Moderatoren die gestiegenen Preise für Ackerflächen und den Ausverkauf an ausländische Agrarkonzerne. Für die Erklärung der Hintergründe reicht dann wohl die Zeit nicht mehr.

Der Politikwissenschaftler Uwe Bastian hat in seiner Dissertation Ostvorpommern in Mecklenburg-Vorpommern untersucht. Er stellt fest: „Die agrarindustriellen Strukturen wie sie durch die Zwangskollektivierung unter der SED-Diktatur hergestellt wurden, sind in der Regel beibehalten worden. Bis zu 90 Prozent des Agrarlandes im untersuchten Gebiet befinden sich heute im Privatbesitz ehemaliger SED-Agrarfunktionäre. In den neuen Bundesländern existieren über 4.000 landwirtschaftliche Großbetriebe mit Nutzflächen größer als 1.000 Hektar. Eine Ablösung ehemaliger regionaler Eliten ist weitgehend ausgeblieben.“

Der Jenaer Jura-Professor Walter Beyer hat festgestellt, dass nahezu alle der 1.700 LPG-Umwandlungen fehlerhaft sind. Das Vermögen wurde zu niedrig angesetzt, um Auszahlungen an die Landarbeiter niedrig zu halten, Vermögenswerte wuden „vergessen“, Vollversammlungen waren nicht abstimmungsberechtigt, da zu wenige Genossenschaftsbauern anwesend waren. In einem Fall wurde der Panzerschrank, in dem das Protokoll der Sitzung aufbewahrt wurde gestohlen. Er fand sich wieder, ohne das Protokoll.

BStU-Historiker Christian Booß: „Es ist in Brandenburg leichter, einen Betrieb zu klauen als ein Auto.“

Zur unterbliebenen LPG-Abwicklung siehe im Blog auch hier und hier!

Ein Bericht im Deutschlandradio Kultur 2008

Wenig erstaunlich, dass die SED-Nachfolger die die LPG preisen. Erstaunlich, dass die Bundeszentrale für politische Bildung in der weiter existierenden DDR-Landwirtschaft (sic!) ein Erfolgsmodell sieht. Dei kriminellen Machenschaften interessieren die politschen bildner nicht.

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Ein Kommentar zu „Die DDR lebt: Die roten Barone sind heute Millionäre

    […] aller Brandenburger Regierungen bevorzugte nach der Wende die LPG-Nachfolger. Die “roten Barone”, die mächtigen SED-Genossen, die LPG-Vorsitzende waren, waren plötzlich Besitzer oder […]

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