Mein Leben ohne den SPIEGEL beginnt

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Seit 55 Jahren gehörte die montägliche, manchmal auch schon sonntägliche SPIEGEL-Lektüre (Sonntags am Kiosk im Rhein-Main-Gebiet oder in Berlin) zu den Alltagsgewohnheiten. Zuletzt war aber der Kauf bloß noch Gewohnheit, nicht mehr das „Durcharbeiten“ des Heftes. Zu viele Titelstorys lagen zwischen Apotheken-Rundschau und Focus.

Von Anfang an war der genormte Schreibstil, den Enzensberger früh analysiert hatte, gewöhnungsbedürftig: Der Faktenkern verbarg sich hinter Human-Interest-Schilderungen und Personalisierungen. Tageszeitungen berichten in der Regel präziser und knapper.

Wenn ich in den letzten Jahren nach dem Durchblättern gefragt wurde: „Steht etwas Interessantes drin?“, wusste ich schon gar nicht mehr, was ich gerade gelesen hatte. Ich hebe gerne Zeitungsartikel mit Themen, die mich interessieren, auf. Ausrisse aus dem SPIEGEL sind seit Jahren nicht mehr dabei.

Einige Namensartikel las ich gar nicht erst, etwa die Jakob Augsteins, der mit dem Glaubenssatz: Im Zweifel links. Dabei zweifelt er nie. Immer sind es die USA oder Israel, höchstens noch die EU oder die Bundesregierung, die schuld an jedweder Schweinerei auf der Welt sind. Es fällt schwer, bei ihm zwischen Antisemitismus und antiisraelischer Einstellung zu unterscheiden.

NVA-Kriegsdienstverweigerer Stefan Berg arbeitet sich, nahezu egal, worüber er schreibt, am angeblich militaristischen Bundespräsidenten ab und grämt sich, dass die DDR-Elite und die Stasi-Spitzel sich immer noch Vorwürfe anhören müssen und nicht in die Gesellschaft intergriert wären (17.11.2014). Die SPIEGEL-Journalistin Barbara Supp hält Frauke Petry von der AfD vor, dass diese über Genderismus spotte. (Jetzt hab´ich es sozusagen SPIEGELamtlich: Ich bin Rechtspopulist, weil ich für die Pseudowissenschaft vom Gender nichts übrig habe.)

Bei Nikolaus Blome dachte man sofort an seine Herkunft von der Bild-Zeitung, aber so übel waren seine Artikel gar nicht. Er ist wieder weg vom Spiegel.

Vor allem im Deutschlandteil ist erkennbar, dass die Journalisten auch Ereignisse herbeischreiben und Politik mitgestalten wollen. Da werden Gerüchte kolportiert, Bundeskanzlerkandidaten auf den Schild gehoben. Das Wort Skandal kommt auf zwei Seiten dreimal vor, ohne dass der Leser am Ende so richtig weiß. worin der Skandal eigentlich besteht.

Für die Umstellung des Erscheinungstages von Montag auf Samstag mag es für den Verlag viele Gründe geben. Für mich ist es kein Gewinn. Ich erhalte schon drei dicke Wochenend- bzw. Sonntagsausgaben von Tageszeitungen. Das liebe ich, aber mehr geht dann auch nicht.

Im Spiegel gab es früher oft Highlights, lesenswerte Essays, große Reportagen, zuletzt immerhin die Berichte von Auschwitz-Überlebenden.

Fünf Sterne bekommt bekam der Leserservice. Aber siehe das Update: „Telefonterror des Spiegels?“

Nachträge:

Die Loslösung vom Spiegel ging reibungslos. Ich vermisse ihn nicht. Ein einziges Mal im letzten Halbjahr habe ihn im Zeitschriftenregal in die Hand genommen und nach Anlesen eines Kommentars des Chefredakteurs gleich wieder hingelegt. Es war, glaube ich, das Heft zu den sexuellen Übergriffen in Deutschland in der Silvesternacht.

Oliver Zimski im Blog „Achse des Guten“ hat sich die Mühe gemacht, die Meinungsäußerungen von 5 der 6 Spiegel-Kolumnisten zu den sexuellen Übergriffen an Silvester auf SPON durchzulesen: Augstein, Lobo, Berg, Sokowski, Diez. (Nur der Alibi-Konservative unter den Spiegel-Kolumnisten, Jan Fleischhauer, hat anscheinend nicht dazu geschrieben.)

Er liest von rassistischer Hetze, „instrumentellem Rassismus“, gekränktem Nationalismus, kulturellen Hochmut gegenüber dem Islam. Es werde relativiert und verharmlost, man verdamme Pauschalurteile gegenüber Flüchtlinge, stelle aber deutsche Männer unter sexistischen Generalverdacht. Nur gut recherchiert über die Ereignisse würde nicht geschrieben.

Kommentar von Rainer W. Birrel am 23. 11. 16 auf AchGut: „Mein Gott, der SPIEGEL! Er spiegelte einst die Wirklichkeit. Mal rauh, mal mit der feinen Klinge, aber meist mutig und kontrovers. Unser Land hat dieser Zeitschrift viel Aufklärung zu verdanken. Sie rieb sich an Regierungen und selbst der öffentlichen Meinung. Wenn man das erlebt hat, kann man nur erschüttert den Kopf schütteln: Welch ein Absturz in Belanglosigkeit.“

Kommentar von Andreas Rochow am 22.11. 16auf AchGut „Früher war es mal ein Nachrichtenmagazin, das Geschichte schrieb. Jetzt schreibt es nur noch Geschichten, von Nachricht keine Spur.“

 

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Ein Kommentar zu „Mein Leben ohne den SPIEGEL beginnt

    […] Kürzlich habe ich nach Jahrzehnten der Spiegel-Lektüre das Abonnement gekündigt. […]

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