Bedenklicher rbb-Populismus

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Oft bewundere ich die Brandenburger rbb-Abendschau. In dem Zwei-Millionen-Einwohner Land passiert ja nun nicht so viel Wichtiges um damit täglich fast 30 Minuten Sendezeit zu füllen. Aber sie schaffen es meist, einem Land und Leute näherzubringen, in dem sie immer wieder von interessanten Menschen, von lebendigen Dörfern und sehenswerten Landschaften zu berichten. Unangefochtene Spitze ist die unterhaltsame Verpackung des ziemlich präzisen Wetterberichts.

Gestern stockte mir aber der Atem. Es ging um den GdL-Gewerkschaftsboss Weselsky, der zum neunten Mal mit einem Streik den öffentlich Personenverkehr lahmlegt. Der Mann ist eine Hassfigur geworden. Seit Monaten ist die individuelle Mobilität schwieriger bis unmöglich. Seit Monaten halten TV-Reporter/-innen auf Bahnsteigen und an Bushaltestellen frustrierten Mitbürger/-innen das Mikrofon hin und füllen damit ihre Sendungen. Gestern war es anders. Strahlend präsentierte der Abendschau-Moderator eine neue Idee der Berichterstattung: „Mach den Weselsky!“ Das Mitmach-Fernsehen motivierte Gebührenzahler/-innen, sich einen an einem Stab befestigten Weselsky-Schnauzer vors Gesicht zu halten und etwas über sich oder Weselsky zu deklamieren. Facebook-Likes werden sie sicher bekommen haben.

Erst schmunzelte ich, aber zunehmend kamen mir Bedenken. Dass mich das Bärtchen fatal an den Hitlerschen Schnäuzer erinnerte, spielt dabei die geringste Rolle. Die Erinnerung an „1984“ tauchte aber schon auf. Man kann gefahrlos bei Personen, die in der öffentlichen bzw. veröffentlichten Meinung unten durch sind, nachtreten. Man kann sie durch den Kakao ziehen, sich über sie lustig machen. Des Beifalls der Mehrzahl der Gebührenzahler/-innen ist man sich gewiss. Ja, man handelt sozusagen in ihrem Auftrag, weil man dafür die Gebühren rechtfertigt.

Was ist, wenn die Abendschau-Redaktion daran Gefallen findet? Ansätze dazu gibt es schon: Sprechblasen auf Fotos, locker-flockige Moderation. Für Sarrazin kommt die Idee zu spät (Immerhin ist die Journalistin, die von seiner „Fresse“ schrieb, regelmäßiger Talkshowgast bei einer rbb-Sendung.) Lucke bietet sich an, demnächst vielleicht von der Leyen, natürlich nicht das Personal der rot-roten Landesregierung. Statt all dem wünschte ich mir eine kompetentere Berichterstattung. Als es um die Einführung des Mindestlohns ging, hielt die Moderatorin mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg: „Wie kann man nur dagegen sein?“. Jetzt verliest sie kommentarlos die Stellungnahmen von Spargelbauern und Spreewaldgurkenproduzenten, die befürchten, dass sie ihren Anbau einschränken oder nach Polen verlagern müssen, weil sie die Bezahlung ihrer Saisonkräfte zum Mindestlohn ohne Preiserhöhung und Absatzverluste nicht hinbekommen. Bei allem Verständnis für die Streiks der Kita-Betreuer: Ein Interview mit einer klassenkämpferischen Verdi-Funktionärin wäre o.k., wenn mir jemand dann auch erklären würde, wer die Kosten trägt? Wir alle, der Staat, die Reichen, die Erzeuger der Kinder? Es erklärt mir auch niemand, was die Arbeitsministerin Andrea Nahles mit einem Gesetz bezweckt, das „Tarifautonomiestärkungsgesetz“ heißt („1984“ grüßt schon wieder!).

Wenn ich so etwas laut sage, wird mir entgegengehalten, dass in einer Nachrichtensendung nicht alles ausführlich gesagt werden könne. Dafür gäbe es doch die Hintergrundberichte im Internet, die Facebookseite oder die Zusatzclips auf der rbb-App. Ich will aber keine Zusatzinformationen recherchieren, sondern in derselben Sendung eine ausgewogene Berichterstattung haben. Und keine populistischen Scherze.

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