8. Mai als Gedenktag in Brandenburg: Gemischte Gefühle

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Als einziger politischer Gedenktag steht jetzt, mit den Stimmen von Linkspartei, SPD und Grünen beschlossen, der 8.5. im Feier- und Gedenktagsgesetz.

In der Feierstunde des Landtages sprach die grüne Abgeordnete Heide Schinowsky zum „Tag der Befreiung“ dazu.

Ich empfand ihre Rede als oberflächlich. Sie enthielt die nötigen historischen Versatzstücke, wurde aber der Ambivalenz dieses Tages für Brandenburg nicht gerecht. Hier meine Mail an sie:

Sehr geehrte Frau Schinowsky,

ich empfand nicht, dass Ihre Rede in der Feierstunde des Landtages anlässlich des 70. Jahrestages des Tages der Befreiung vom Hitlerfaschismus und des Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa das Thema wirklich traf.

Im Mittelpunkt Ihrer Rede steht die Ermordung der europäischen Juden durch die Deutschen. Wären da Daten wie der 9.11. oder der 27.1 nicht geeigneter? Es ist doch auch gewiss nicht so, dass der Holocaust durch den Gedenktagsbeschluss des Landtags vor dem Vergessen bewahrt werden muss.

Sie erwähnen mit Recht, dass der Holocaust für die SED kein Thema war. Dann werden Sie aber sehr „diplomatisch“: die Aufarbeitung der Nazizeit war im Osten nicht nur „schwierig“, auch sie fand im Osten nicht statt, wenn man vom verlogenen Antifaschismus der SED absieht, übrigens bis heute nicht. Die Nazis waren ja angeblich alle im Westen. Und über die Fehler des Westens lässt sich gut richten. Ich will das nicht vertiefen, aber – als Westdeutscher – wenigstens darauf hinweisen, dass die Aufarbeitung der Nazizeit in Westdeutschland keineswegs mit den 68ern begann, sondern – bei allen Widerständen – von Anfang an auch existierte. Große Prozesse, wie der Ulmer Einsatzgruppenprozess oder der Auschwitz-Prozess fanden vor 1968 statt. Es ist ein von den 68ern selbst und Alt- und Neu-Linken gepflegter Mythos, den Sie bemühen. Es waren militante 68er, die jüdische Einrichtungen in Brand steckten und die PLO darauf brachten, die israelischen Teilnehmer der Olympischen Spiele von 1972 als Geiseln zu nehmen.

Sie erwähnen die „gemischten Gefühle“ der Ost-Mitteleuropäer gegenüber dem Gedenken am 8.5. Warum schlagen Sie dann nicht vor, den von diesen bevorzugten Gedenktag 23. August, Unterzeichnung des Ribbentrop-Molotow-Paktes, ins Brandenburger Feiertagsgesetz aufzunehmen? Ist es in Brandenburg nicht opportun, Verbrechen faschistischer und kommunistischer Regimes in einem Atemzug zu nennen?

Und schließlich auch kein Wort zu viel dazu, dass für Ostdeutschland der Tag der Befreiung der Beginn einer neuen, 45 Jahre währenden Diktatur war. Da schauen sie ganz schnell „nach vorne“. Den Einwohnern Ostdeutschlands verging die Freude über die Befreiung vom Hitlerfaschismus ziemlich schnell. Zehntausende – angeblich alles Nazis und Werwölfe, aber gerne auch adlige Grundbesitzer, freie Bauern, Unternehmer – verschwanden in den russischen Straflagern, im GULag oder in DDR-Zuchthäusern, vier Millionen Menschen flüchteten in den folgenden Jahrzehnten aus dem vom Hitlerfaschismus befreiten Landstrich in die „sich refaschisierende BRD“ (Brandenburgs Ex-Justizminister Schöneburg, früher SED, jetzt Die Linke.)

Christoph Hein sagte in einer verdienstvollen Veranstaltungsreihe der Berliner Grünen; „Weglassen ist eine einfache Form der Lüge.“ Sie haben immerhin angedeutet, dass der Naziterror am 8.5. vom Sowjetterror abgelöst wurde.

Jetzt ist es an mir, diesem gesetzlichen brandenburgischen Gedenktag mit „gemischten Gefühlen“ zu begehen und den Grünen aus der Zeit der Enquetekommission nachzutrauern.“

Frau Schinowsky hat mir geantwortet und dargelegt, dass sie sich sehr wohl der Ambivalenz dieses Tages in Ostdeutschland bewusst ist. Die Grünen planen zu diesem Thema eine vertiefende Veranstaltung.

Warum die Grünen, die mit der Bürgerrechtsgründung Bündnis 90 fusionierten, nicht im Gegenzug den 9.11. aushandelten, verstehe ich nicht. In Thüringen stimmten, mit einer Ausnahme, sogar die Linken zu, dass der 17.6. Gedenktag für die SED-Opfer wird.

Nachtrag: Siehe auch Günter Ederer zu den Befreiungs-Gedenktagen und dem, was nicht gesagt wird.

Nachtrag 2: Auch das Schweigen zum 23. August in Deutschland ist auffällig. Die SED-Nachfolger pushen die Anerkennung das 8.5. als Tag der Befreiung durch die Rote Armee. Die Kooperation der Nationalsozialisten und der Kommunisten im Ribbentrop-Molotow-Pakt wird unter den Teppich gekehrt. Auch das Feuilleton und linke Historiker schreiben ungerne über das Bündnis zwischen Stalin und Hitler und beschweigen die Verbrechen der Kommunisten. Wie Günther Ederer empört schreibt: „Eher Pech gehabt, von den Sowjets umgebracht worden zu sein.“

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4 Kommentare zu „8. Mai als Gedenktag in Brandenburg: Gemischte Gefühle

    […] der Tag der „Befreiung vom Faschismus“ in die Brandenburger Gedenktageliste aufgenommen wurde (U. a. mit den Stimmen von Grüne/Bündnis90). Jetzt geht es ein Stückchen weiter. Die […]

    […] Kürzlich hatte Rot-Rot mit den Stimmen der Grünen den 8. Mai zum Brandenburger Gedenktag der Befreiung Deutschlands vom Faschismus beschlossen. […]

    […] Siehe auch:  8. Mai als Gedenktag in Brandenburg: Gemischte Gefühle […]

    […] Die Grünen hatten für den Doppelhaushalt 2015/16, mit der Begründung, dass Konsens darüber bestünde, dass Schüler/-innen zu wenig über die DDR in der Schule erfahren würden (2015!; GS), beantragt, Fahrten zu Gedenkstätten der SED-Diktatur zu bezuschussen und die Anrechnungsstunden für die Gedenkstättenlehrer zu erhöhen. Beides wurde von Rot-Rot abgelehnt! (Rot-Rot hat gleichwohl einen neuen Gedenktag eingeführt!) […]

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