Götz Aly über 1968

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Götz Aly führt in seinem Buch „Unser Kampf 1968 – Ein irritierter Blick zurück“ den Nachweis, dass der Ruf der 68er, die großen Nazi-Ankläger gewesen zu sein und die Demokratie in Deutschland erst mit ihnen ihren Anfang genommen hätte, ein Mythos ist, eine von den 68ern selbst inszenierte Überschätzung ihres Wirkens.

„Tatsächlich setzten die wichtigsten Reformen in der Bundesrepublik in den frühen 1960er-Jahren ein. Träger dieser Mühen waren viele der heute 75- bis 85-Jährigen, die mit Remigranten, Antifaschisten und auch mit geläuterten Nazis gemeinsame Sache machten.

Das von Fritz Bauer, Hans Bürger-Prinz, Hans Giese und Herbert Jäger herausgegebene Manifest „Sexualität und Verbrechen – Beiträge zur Strafrechtsreform“ erschien 1963 und brachte das Thema in den Bundestag.

Ralf Dahrendorf redete mit seinem Buch „Gesellschaft und Demokratie in Deutschland“ 1965 einer neuen Debattenkultur das Wort.

Mit zwei Koitusszenen stellte der Film „Das Schweigen“ von Ingmar Bergmann den gültigen Sittenkodex massiv in Frage. Die Bundesprüfstelle ließ den Film im Namen der künstlerischen Freiheit 1964 ungekürzt passieren, elf Millionen Deutsche gingen hin. Zum fröhlicheren Liebesleben ermunterte nicht Rainer Langhans, sondern der 1928 geborene Journalist und Filmemacher Oswalt Kolle. Sein Film „Wunder der Liebe“ enthielt schlichte Hinweise, wie sich die zumeist mit einer milchigen Deckenlampe beleuchteten, ungeheizten und sehr kärglich eingerichteten Schlafzimmer gemütlicher gestalten ließen. Den unmittelbar Beteiligten, namentlich den Männern, legte Kolle nahe, wie sich einseitige Glücksminuten zu beidseitigen glücklichen Stunden erweitern ließen und regte an, dies oder das experimentell herauszufinden. Angesichts der von 68ern geprägten Männerparole „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ darf Oswalt Kolle vorbehaltlos zu den aufgeklärten Humanisten der frühen Bundesrepublik gezählt werden.

Ähnliche Übergänge fanden in der Parteipolitik statt. Den starken Einfluss alter Nazis in der FDP, die sich in den 1950er Jahren noch einen so bezeichneten Gauleiterflügel leistete, überwanden die Nachwuchskräfte der Partei. Zu den damals jugendlichen Helden des Umsturzes zählen Walter Scheel, Hans-Dietrich Genscher oder Liselotte Funke. Parallel dazu bildete sich seit 1961 unter den bundesdeutschen Wahlberechtigten Prozent für Prozent jene Mehrheit heraus, die sich Willy Brandt als Bundeskanzler vorstellen konnte – einen Mann also, den Konservative als „Vaterlandsverräter“ schmähten.

Diese rasanten Veränderungen in der deutschen Gesellschaft bildeten die Grundlage für 1968. Die Revoltierenden wurden zu Nutznießern, nicht zu Schöpfern des reformerischen Zeitgeistes. Folglich konstatierte der Kultursoziologe Wolfgang Eßbach, der selbst dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) angehört hatte, im Jahr 2006: „Man wird sagen müssen, dass viele der reformerisch Aktiven, die um 1930 geboren wurden und die um 1960 die Bundesrepublik neu zu gestalten begonnen hatten, in der historischen Erinnerung heute von den Achtundsechzigern um ihren Ruhm betrogen worden sind.“

Götz Aly: Unser Kampf 1968 – Ein irritierter Blick zurück, Frankfurt 2008

Die Rache von Alys gleichaltrigen, durch die Institutionen gewanderten 68er Genossen ist, dass er bis heute in Berlin keine Professorenstelle bekommen hat.

Siehe auch: Dutschke-Interview

 

 

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