Potsdamer Garnisonkirchenstreit (4)

Gepostet am Aktualisiert am

Der Architekturjournalist Matthias Grünzig hat in Archiven gesucht und zu Tage gefördert, dass die evangelische Kirche in der DDR gar kein Interesse am Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche gehabt hätte. Für die Garnisonkirchengegner ist das ein gefundenes Fressen. Über seinen Fund berichten seit über einem Jahr die Zeitungen; jetzt war er Redner auf einer von der brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung geförderten Veranstaltung „Zwischen Mythenbildung und wissenschaftlicher Forschung„. Dort trug er seine These vor: Die evangelische Kirche hätte die Garnisonkirche nicht in ihrer Prioritätenliste gehabt, sondern lieber neue, helle, moderne Gemeinderäume in den DDR-Neubaugebieten favorisiert. Ihr sei anderes wichtiger gewesen als der Wiederaufbau der Garnisonkirche. In der Bevölkerung wäre die Ruine als Schandfleck wahrgenommen worden. Im Übrigen wäre es der Zeitgeist – in Ost und West gleichermaßen – gewesen, der die überkommenen Gotteshäuser als Ballast gesehen hätte.

Der Potsdamer Historiker Martin Sabrow findet es gut, dass eine Geschichtslegende (?) entlarvt werde. Aber er weist dann doch darauf hin, dass es zwischen kirchlichen und staatlichen Akteuren einen Unterschied gegeben habe, was wohl übersetzt heißt, die SED habe die Kirche sprengen lassen und nicht die Evangelische Kirche der DDR.

Ex-Ministerpräsident Stolpe, in der DDR Jurist beim Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR, versucht, das zurechtzurücken. Er widerspricht Grünzigs Vorwurf, er hätte Gemeinderäume in den Neubau-Plattensiedlungen bevorzugt. Es sollte aber verhindert werden, dass die Kirche dort gar nicht mehr vorgekommen wäre. Man hätte mit wenig Geld viel erreichen wollen. Daher sei auch die Potsdamer Nikolaikirche, die weniger beschädigt war, als erste wieder aufgebaut worden. (Im Gegensatz zur Garnisonkirche war der Prediger der Nikolaikirche ein Nazi; GS)

Was ich nicht ganz verstehe: Bei allem Respekt vor der Forschung des Journalisten Matthias Grünzig, die angeblich Mythen und Legenden zerstöre. (Welche eigentlich?) Aber wieso soll der Zeitgeist der 60er Jahre und die Prioritätensetzung der Evangelischen Kirche in der DDR ein Argument gegen den Zeitgeist des 21. Jahrhunderts sein, der den Wiederaufbau und die Restaurierung von Schlössern und Kirchen präferiert?

Nachtrag Juni 2017: Jetzt soll Herr Grünzig aus Anlass seiner Buchvorstellung wieder Legenden zerstören dürfen: Die Landeszentrale hat ihn eingeladen.

 

 

Advertisements

3 Kommentare zu „Potsdamer Garnisonkirchenstreit (4)

    […] Christoph Dieckmann) Beistand bei einem guten Bekannten geholt, dem Anti-Garnisonkichen-Aktivisten Matthias Grünzig geholt. Er war einer der drei Hauptredner auf einem Treffen, das der Veröffentlichung des […]

    Gefällt mir

    […] Er will angeblich Mythen und Legenden zerstören, von denen sich herausstellt, dass sie gar keine sind. Vor zwei Jahren war er mit denselben Dokumenten schon einmal […]

    Gefällt mir

    […] der eingeladenen Garnisonkirchengegner, der Architekturjournalist Matthias Grünzig, ist für den Wiederaufbau des Turms. Er bleibt sich treu mit einer neuen steilen Aussage: […]

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s