Das Leben im goldenen Käfig kann nicht die persönliche Freiheit ersetzen

Gepostet am Aktualisiert am

DDR-Verklärer blenden die soziale Ungleichheit in ihrem untergegangenen Vaterland völlig aus. Täten Sie es nicht, könnten sie ihr Weltbild nicht aufrecht erhalten. So werden z. B. die Privilegien der Nomenklatura verschwiegen. Aber noch nicht einmal die Privilegien waren systemstabilisierend.

Uwe Jürgensen war Internist im Regierungskrankenhaus in Berlin-Buch, einem modernen, medizinisch perfekt ausgestatteten Haus mit Hotelatmosphäre. Seine Frau arbeitete dort als Krankenschwester.

Das Ehepaar hat ein Buch über seine Ausreise in den Westen geschrieben: „Verraten und verkauft“ (Es ist die 3. Auflage seit 2008; allerdings bei einem neuen Verlag.)

Dr. Jürgensen sieht sich als Mitläufer. Er sagt, dass sie wie die Made im Speck gelebt hätten. Aber das Gefühl, in einem goldenen Käfig zu leben, beschleicht ihn trotz allem. Er erlebt das Misstrauen, das unter den Bewohnern von Wandlitz, seinen Patienten, herrscht. Er macht sich verdächtig, weil er vom jugoslawischen Botschafter, den er auch behandelt hat, zum Urlaub nach Jugoslawien eingeladen wird. Seine Frau hat West-Verwandtschaft, zu denen sie verbotenerweise Kontakt haben. Das MfS überwacht alle Krankenhausmitarbeiter. Dann will er auch noch das Amt des Parteisekretärs, das er eher lustlos betreibt, loswerden.

Von ihrem Fluchtplan erzählen sie der Mutter von Dr. Jürgensen und dem Stiefvater. Sie geben den Plan wieder auf. Dann werden sie auf dem Weg zum Urlaub in Ungarn verhaftet. Die siebenjährige Tochter kommt zu einem fremden Ehepaar, die Eltern sitzen zwei Jahre in Cottbus und Hoheneck. Dann werden sie freigekauft und dürfen mit Tochter ausreisen. Die Stasi bietet vergeblich an, dass er eine eigene Praxis bekäme, wenn er bliebe.

Verraten wurden sie von seiner Mutter und seinem Stiefvater.

Mindestens genauso lesenswert, bewegend und noch schlimmer, was die Haftbedingungen angeht, ist die Geschichte der Geigerin Eva-Maria Neumann und ihrer Familie: Sie nahmen mir nicht nur die Freiheit. Die Geschichte einer gescheiterten Republikflucht“, München: Piper 3. Aufl. 2012.

Ein Amazon-Rezensent schreibt über das Buch: „Dieses Einzelschicksal steht stellvertretend für all die Opfer einer deutschen Diktatur, die von vielen Westdeutschen schöngeredet wurde. Warum wollte man die Wahrheit nicht wissen? Ist eine linke Diktatur eine bessere, nur weil sie links ist? Wie Eva-Maria Neumann erleben musste, haben die Machthaber sich der gleichen Mittel und vorhandenen „Materialien“ der vergangenen Diktatur bedient. Es ist bezeichnend, dass in einer Familie drei Generationen Opfer beider deutscher Diktaturen wurden. Schon deshalb sollte dieses Buch an den Schulen gelesen werden. Aus eigener Erfahrung tendiert das Wissen vieler deutscher Lehrer zum Thema DDR gegen Null. Diese Buch mit seinen vielen Details zum Leben in der DDR und dem Umgang mit dem Andersdenkenden führt hoffentlich endlich dazu, dass die Opfer der letzten deutschen Diktatur ernst genommen werden und nicht das Hauptaugenmerk immer noch auf der Schonung und materiellen Sicherung der Täter liegt. Eva – Maria Neumann gebührt Dank und Respekt für dieses Buch.“

Frau Neumann erzählt ein bemerkenswertes Detail zur Wasserfolter.

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