Ein charmanter Plauderer, der Dr. Gysi

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Ein sonntäglicher Höhepunkt ist das Frühstück mit begleitender Lektüre der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Manchmal zieht sich die Lektüre über mehrere Tage hin. Dabei sortiere ich viele Produkte schon gleich aus: Sport, Reise, Immobilien, Beruf und Chance.

Heute hat eine ganzseitige Eloge über Dr. Gregor Gysi den Genuss etwas getrübt. Die Journalistin Lydia Rosenfelder hat Dr. Gysi als charmanten, witzigen, schlagfertigen, altersweisen Gastgeber in einer seiner sonntäglichen Talkshows in einem Theater in Berlin-Mitte erlebt. Zugegeben, fast die Hälfte der Seite ist gefüllt mit sieben Porträtfotos vom nachdenklichen, lachenden, den Zeigefinger hebenden, den Brillenbügel zum Mund führenden Helden; fast wie in Zeiten des Neuen Deutschlands: Honecker auf jeder Seite.

Für mich bleibt Gysi ein SED-Kader. Er durfte jederzeit ausreisen, während Mitbürger wegen dieses Vorhabens eingesperrt oder erschossen wurden. In seiner Dissertation hat er eine Verschärfung des politischen Strafrechts der DDR vorgeschlagen. Die BStU belegt, dass er als IM seine Mandanten bespitzelt hat. Er bestreitet das und erklärt, er habe nicht MfS-Führungsoffizieren berichtet, sondern direkt an das Zentralkomitee. (Damit ist er im juristischen Sinn kein IM.) Er hat zusammen mit seinem Parteifreund Dr. Bartsch, heute ebenfalls MdB, Milliarden Mark an Parteivermögen für die Nachfolgeparteien der SED beiseite geschafft. Er hat geweint, als die DDR zu existieren aufhörte.

Frau Rosenfelder erwähnt, dass Gysi auch darüber plauderte, dass er in der DDR einmal einen Farbfernseher gekauft habe. Wenn sie sich wenigstens gefragt hätte, ob er den Preis für SED-Bonzen gezahlt hat oder den vierfachen, den die Arbeiter und Bauern hinlegen mussten.

Wenn man, wie ich hier Potsdam, Menschen trifft, die in Gysis Vaterland bespitzelt, verfolgt, zersetzt wurden, wünscht man sich, dass Bonzen wie er so viel Anstand gehabt hätten, sich nach der Revolution zurückzuziehen. Aber dafür ist er zu eitel. Und für die Medien ist er allemal interessanter als die, die seine alte Partei unterdrückt hat.

Ich hatte eingangs von einer Trübung meiner Stimmung geschrieben. Um ehrlich zu sein, ich fand den Artikel widerlich.

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