Frank Dikötter, Maos Großer Hunger. Massenmord und Menschenexperiment in China

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„Parteifunktionäre gingen bei der Misshandlung der Dorfbewohner voran.“

„In einer Kommune in Luodong misshandelten mehr als die Hälfte der Parteikader die Bauern und prügelten etwa 100 Personen tot.“

„Menschen wurden nackt ausgezogen und der Kälte ausgesetzt.“

„Man verbrannte Menschen mit glühendem Werkzeug.“

„Eine 80jährige Frau, die es gewagt hatte, ihren Truppführer zu melden, weil er Reis gestohlen hatte, wurde in Urin gebadet.“

Man riss (Menschen) die Haare aus und schnitt ihnen Ohren und Nase ab.“

„Um Menschen einzuschüchtern, inszenierte man fingierte Hinrichtungen und Beerdigungen. Manche Unglückliche wurden bei lebendigem Leib begraben.“

In der Kommune Longgui, wo jeder Fünfte das Jahr 1959 nicht überlebte, wurden manche Menschen eilig am Straßenrand eingegraben; ihr Grab wurde mit einem Schild gekennzeichnet, auf dem „Faulenzer“ stand.“

(pp 381 – 387)

Während des „Großen Sprungs“ 1958 -1961, dem Versuch der gewaltsamen Industrialisierung Chinas, die ein Massensterben auslöste, kamen ca, 45 Millionen Menschen um. (Die Schätzungen reichen von 20 bis 55 Millionen.) Mindestens 2,5 Mio starben durch Misshandlung und Folter. „Es war eines der größenwahnsinnigsten Menschenexperimente“ (Klappentext).

Das wohl bekannteste Buch über die unfassbaren Menschenopfer beim „Großen Sprung nach vorn“ist „Tombstone“von Yang Jisheng. Dieses und weitere Bücher, auch das von Dikötter werden in New York Review of Books besprochen.

Der in Hongkong lehrende niederländische Sinologe Frank Dikötter konnte neuere Quellen erschließen, die inzwischen wieder gesperrt sind, u. a. Partei- und Polizeiarchive, und führte Interviews mit Zeitzeugen und Nachkommen der Opfer. Er beschreibt sachlich und präzise den ungeheuerlichen Zivilisationsbruch, der in der Volksrepublik China bis heute ein Tabu ist. Der Massenmörder Mao Tse Tung genießt sogar neue Bewunderung, da die KPCh einen staatsmonopolistischen Kapitalismus pflegt, den sie mit verstärkter Hinwendung zur marxistischen Ideologie einhegen will.

In Deutschland, wo man alte und neue Diktatoren zu bewundern scheint, gebührt Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt das „Verdienst“, Mao zu exkulpieren. Mao hätte nicht damit gerechnet, dass sein ehrgeiziges Projekt so viele Menschenopfer verlangt. Die Quellen besagen etwas anderes. Frank Dikötter sagt der Basler Zeitung: „Mao wusste ziemlich genau, was vor sich ging. Das beweisen die zahlreichen Dokumente in den Regionalarchiven. Aber sein Denken war nach Jahrzehnten des Guerillakriegs vollends militarisiert, verlorene Schlachten gehörten für ihn dazu. Er nahm die Verluste wissentlich in Kauf. Auch wenn Tausende starben, nahm er das ungerührt zur Kenntnis.“

Eine Anmerkung zum problematischen Wikipedia-Artikel über den Großen Sprung nach vorn: Er ist von einer erschöpfenden Länge, es hat den Eindruck, dass jedes Kilo Getreide jeder Volkskommune aufgeführt ist. Zwar wird auch Dikötter zitiert, aber der Tenor ist: Ambitioniertes Projekt mit Höhen und Tiefen, leider kam eine Hungersnot dazwischen, die KP-Führung kauft im Ausland Getreide, um die Hungersnot zu mildern. Weder in China noch im westlichen Ausland wäre das Ausmaß der Hungersnot bekannt gewesen.

In dem schier endlosen Artikel mit 167 Fußnoten kommt das Wort Terror zweimal vor: ein Forscher wird genannt, der davon in seinem Buch geschrieben haben soll, und ein regionaler Parteiführer wird genannt, dessen Terror zu besonders vielen Hungertoten geführt haben soll (sic!). Aber die Parteiführung hätte Soldaten geschickt, die den Parteikader verhaftet hätten.

Keine fünf Jahre nach dieser Katastrophe startete Mao ein neues Menschenexperiment, die „Kulturrevolution“ (1966-75). Die Schätzungen der Toten gehen von 500.000 bis 20 Millionen. Neuerdings geht man von knapp 2 Millionen aus (Daniel Leese), 20 Millionen wurden politisch verfolgt.

Man lese dazu die atemberaubende Diskussion des Wikipedia-Artikels über die Kulturrevolution.

 

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5 Kommentare zu „Frank Dikötter, Maos Großer Hunger. Massenmord und Menschenexperiment in China

    […] Umerziehungslager kamen oder gleich erschossen wurden. Er hat schon in seinem Buch über den „Großen Sprung“ Helmut Schmidts Behauptung widerlegt, dass Mao nichts gewusst hätte von den fürchterlichen […]

    […] Von dem in Hongkong lehrenden niederländischen Historiker Frank Dikötter stammt das Buch „Maos Großer Hunger. Massenmord und Menschenexperiment in China“, (1958-61) das ich in diesem Blog rezensiert habe. […]

    […] et.al. betrachten die DDR wie vor ihnen Intellektuelle die Sowjetunion Stalins, das China Mao Tse Tungs oder das Kambodscha Pol Pots: Sozialingenieure haben ihre Version einer […]

    […] es tut. (Im Literaturverzeichnis nicht erwähnt, aber m. E. als Vertiefung ebenfalls gut geeignet: Frank Dikötter, Maos Großer Hunger. Massenmord und Menschenexperiment in China 1958-1962). Sie stellt die Frage, […]

    […] es tut. (Im Literaturverzeichnis nicht erwähnt, aber m. E. als Vertiefung ebenfalls gut geeignet: Frank Dikötter, Maos Großer Hunger. Massenmord und Menschenexperiment in China 1958-1962). Sie stellt die Frage, […]

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