Meinungsjournalismus

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Im Spiegel findet ein Gespräch zweier Spiegel-Mitarbeiter mit Peer Steinbrück statt. Steinbrück lässt sich nicht nur kritische Fragen stellen, er kritisiert zurück, schließlich führt man ja angeblich ein Gespräch. Steinbrück beantwortet Kritik an Politikern mit Kritik an der Presse. Er spricht von Rudeljournalismus und Meinungsjournalismus. „Das sehen wir anders“ antworten die Betroffenen und wollen nicht darüber reden.

Das ist schade. Der zunehmende Meinungsjournalismus vergällt mir schon seit längerem die Spiegel-Lektüre. Jakob Augsteins Kolumne lese ich nicht mehr. Im Zweifel sind immer die USA, die EU oder Israel schuld, egal um welche Krise  es sich handelt. Der rechtspopulistische Gegenspieler des Linkspopulisten Augstein, Jan Fleischhauer, geht in der Regel von Fakten aus. Augstein will gar nicht so genau wissen, was in Gaza los ist. Hinfahren und selbst recherchieren will er nicht. Im Zweifel sind die Juden schuld.

Zu Augstein gesellt sich neuerdings Stefan Berg. Seine frustrierte Bürgerrechtler-Weltsicht bringt es mit sich, dass er in seinen Texten immer wieder einmal einen Satz gegen den Bundespräsidenten unterbringen muss. Manche Protestanten aus der alten DDR suchen immer noch nach dem Dritten Weg zwischen Kommunismus und Marktwirtschaft und nehmen dem Protestanten Gauck übel, dass er das nicht tut.

Jetzt holt holt Berg zum Schlag gegen die „Hybris des Westens“ aus. Warum? Weil der Westen der Menschheit Demokratie und Marktwirtschaft aufzwingt und jeglichen Respekt vor alternativen Gesellschaftsordnungen, wie in China, Libyen und dem Irak vermissen lässt.  Zwang zur Demokratie, westliche Hybris, kein Respekt vor den Gesellschaftsordnungen Chinas (und der DDR?). Russland und die Türkei böten dem Westen aber die Stirn. Dem deutschen Osten hat die westliche Hybris sogar die westdeutsche Nationalhymne aufgezwungen. Und dazwischen der Bundespräsident, der so viel von Freiheit redet und dann auch „immer ein wenig von sich“. Aber die Strafe folgt auf dem Fuß: 25 Jahre nach der Revolution „schwächelt die Demokratie“. Die Bürger wendeten sich (vom Westen?) ab.

Warum ist Berg so zurückhaltend, was die Nennung des Namens Putin betrifft? Der müsste doch sein Held sein. Putin sieht doch auch den Werteverfall des Westens: alles dekadente Homosexuelle. Putin kämpft doch auch gegen die Hybris des Westens, sogar mit Waffengewalt, was einem Kriegsdienstverweigerer doch eigentlich missfallen müsste, und er missachtet alle friedens- und grenzsichernden Verträge der 90er Jahre. Die wurden Russland wohl von den Europäern aufgezwungen. Allem Anschein nach hat Berg für das korrupte, von Oligarchen und Geheimdienstleuten regierte Russland mehr Sympathie als für die Zivilgesellschaft der EU.

Wenn das so weiter geht, kann ich auf den Spiegel verzichten. Russia Today ist kostenlos.

Nachtrag 1/2016: Mein Spiegel-Abonnement hatte anschließend gekündigt.  Jetzt lebe ich ein Vierteljahr ohne den Spiegel. Und er fehlt mir nicht.

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Ein Kommentar zu „Meinungsjournalismus

    […] ist nicht so, dass ich den Spiegel als besonders wichtige Lektüre betrachte. Mir steckt zu viel Meinungsjournalismus darin. Aber manchmal hat er auch recht. Das Titelthema der Ausgabe 11/2015 heißt […]

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