Russisch: eine Sprache oder ein völkischer Begriff?

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Nikolai Klimeniouk macht in einem lesenswerten Artikel in der FAS vom 15.2.15, p 32, darauf aufmerksam, dass es widersprüchliche Bedeutungen dessen gäbe, was mit Russisch gemeint sei.

In der Sowjetunion gab es eine strikte Nationalitätenpolitik, die manchen Ethnien ein Territorium zuwies, manche überhaupt nicht beachtete, auf jeden Fall aber die Zugehörigkeit in den Personalpapieren vermerkte. Die einzige erlaubte Sprache war für das gesamte Sowjetreich das Russische. Sie war die Lingua Franca und das Bindeglied aller Nationen in der UdSSR. Natürlich waren die ethnische Russen das privilegierte Volk. Wer es irgendwie schaffte, versuchte im Pass als Russe eingetragen zu werden.

Das dem Russischen eng verwandte Ukrainisch galt als Dialekt, als Sprache von Bauern. Über die Ukrainer als Tölpel sich lustig zu machen, gehört zur russischen Folklore.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion lebten in den plötzlich selbstständig gewordenen Provinzen Millionen von ethnischen Russen und noch viel mehr ethnische Nichtrussen, deren Muttersprache aber das Russische war.

Putin und seine völkische Propaganda behaupten, Russland seit der Beschützer aller Russen und sie seien heim ins Reich zu holen. Dabei handelt es sich eben auch um Russisch sprechende Bürger, die aber keine ethnischen Russen sind. Die neu entstandenen Staaten, z. B. die baltischen und die Ukraine hätten nun den Fehler gemacht, ihre Russisch sprechenden Mitbürger auszugrenzen, Russisch als Amtssprache nicht zu akzeptieren und vor allem, sie nicht auf Russisch anzusprechen und zu informieren. Das überließen sie der finanziell exzellent ausgestatteten russischen Propaganda. Diese würde ihnen, vom Kinderprogramm bis zu den Nachrichten mit Verschwörungstheorien und antidemokratischer Hetze suggerieren, dass sie von Faschisten umgeben seien, die ihnen an die Gurgel wollten.

Selbst bei den drei Millionen Russisch Sprechenden in Deutschland nähme das Gefühl zu, dass man doch eigentlich Russe sei. Klimeniouk lebt seit kurzem in Berlin. Er erzählt mehrere verstörende Begebenheiten aus diesem Kreis, in dem er Freunde hat. Das seien bestens integrierte, hervorragend Deutsch sprechende Akademiker. Die ließen ihre Kinder die Gute-Nacht-Geschichten von den guten Russen und den bösen Faschisten im russischen TV sehen und freuten sich darüber, dass die Krim jetzt wieder „ihnen“ gehöre.

Nikolai Klimeniouk bestärkt die sowjetischen Nachfolgestaaten und die EU darin, das Russische nicht Putin zu überlassen, sondern es dadurch aufzuwerten, dass die Russisch sprechenden Bürger/-innen ein Informationsangebot in ihrer Sprache erhalten, das sich von dem Putins unterscheidet.

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