Der Korridor

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Die FAZ muss damit leben, dass ihre Putin-kritischen Leitartikel in Leserbriefen empört zurückgewiesen werden. In der Eigenwerbung der Zeitung wird gerne vom klugen Kopf gesprochen, der hinter der aufgeschlagenen Zeitung stecke. Das kommt auch bei den Leserbriefen zum Ausdruck: Gefühlt ist die Hälfte der abgedruckten Zuschriften von Doktoren, Professoren und Freiherren verfasst. Der akademische Grad ist aber kein Hinderungsgrund für Putin-Verständnis.

So schrieb kürzlich eine Dame, im Vergleich zur Annexion der DDR durch die BRD sei die Landnahme Russlands in der Ukraine ein höchst demokratischer Vorgang. Heute tut ein Leser, diesmal kein Akademiker, sein Narrativ kund: Bei der Sicherung der Transitstrecken nach Berlin (West) sei man doch damals sehr diplomatisch vorgegangen. Viermächteabkommen, weitere verbindliche Verträge und vor allem: Anerkennung der bestehenden Lage. So könnte man doch jetzt auch verfahren. Warum stellten sich alle so an und verweigerten Russland eine Landverbindung zur Krim?

Wo soll man anfangen? Ging es Putin um einen Korridor durch die Ukraine? Hat er das je gefordert? Meint der FAZ-Leser mit Landverbindung die Anerkennung der Besetzung der Ost- und Südukraine? (Schließlich braucht Putin auch einen „Korridor“ nach Transnistrien.) Schlägt nach jeder russischen Aggression die Stunde der westlichen Realpolitiker, die die Fakten anerkennen, die Putin geschaffen hat? Also auch keine Sanktionen?  Recht hat der FAZ-Leser insofern, dass die Ost- und Südukraine für Kiew realpolitisch verloren sind.

Die Forderung, dass die internationale Gemeinschaft den Wiederaufbau dieses Gebietes finanziert, wird nicht lange auf sich warten lassen. Matthias Platzeck hat so ähnlich schon argumentiert.

Mir fällt beim Stichwort Korridor etwas ganz anderes ein: Im Versailler Friedensvertrag war festgelegt worden, dass die Provinz Posen-Westpreußen polnisch und die Stadt Danzig unter internationale Verwaltung gestellt wird. Ostpreußen war damit ohne Landverbindung zum Reichsgebiet. Alle deutschen Regierungen zwischen 1919 und 1939 haben mit Polen über einen Korridor verhandelt, eine Transitstrecke über Danzig nach Ostpreußen. Polen lehnte alle Vorschläge ab. Die deutschen Regierungen verzichteten auf die Forderung nach Rückgabe Posen-Westpreußens, es ging nur noch um Danzig und einen Korridor, eine Landverbindung mit Danzig und Ostpreußen. (Die polnischen Grenzkontrollen waren für deutsche Transitreisende schikanös.) Die Regierungen sicherten Polen in Danzig auch Hafenrechte zu (obwohl es mit Zoppot einen benachbarten polnischen Hafen gab.)

Polen fühlte sich von seiner Schutzmacht England bestärkt, keine Kompromisse einzugehen. Nur auf die Pläne eines Krieges gegen Deutschland, die der polnische Präsident Marschall Pilsudski hegte, ging London nicht ein.

Der Ribbentrop-Molotow-Pakt führte zu einer Kursänderung gegenüber Polen. Hitler fingierte den Überfall auf den Sender Gleiwitz, bei dem SS-Männer in polnischen Uniformen auftraten.

Ich glaube, dass ich schon an anderer Stelle im Blog darauf hingewiesen habe: Die Rechtfertigung der putinschen Politik („Der einzig rational Handelnde“ meint ein anderer FAZ-Leserbriefschreiber) durch deutsche Putin-Versteher/-innen könnte zu einer Historisierung des „Dritten Reiches“ führen. Da hilft kein Beschwören, dass man nichts und niemanden mit Hitler vergleichen dürfe.

Was übrigens meine Klagen über die ostalgischen und russophilen Lesebriefe in den Potsdamer Zeitungen angeht: Wenn man tiefer in den deutschen Osten vorstößt wird es schlimmer. Kürzlich bekam ich eine Ausgabe der Mitteldeutschen Zeitung (Halle) in die Hand…

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