Die Narrative des Ukrainekrieges

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Vor ein paar Jahren, nicht ganz zehn Jahre sind es wohl, begann der öffentliche Siegeszug des Narrativs. Die Filmemacherin, der Buchautor, alle erzählten plötzlich nicht mehr eine Geschichte, sondern hatten ein Narrativ. Ich hatte es mir mit Erzählung übersetzt und nicht weiter darüber nachgedacht, außer dass ich mich wunderte, warum es jetzt plötzlich dieses Fremdwort sein musste.

Dann tauchte es auch in der Geschichtswissenschaft und den Geschichtslehrplänen auf. Die Konsequenz dieser neuen Sprachregelung erkenne ich erst heute. Da rächt sich, dass ich mir die Prophet/-innen der Postmoderne nicht rechtzeitig angeeignet habe.

Ich weiß, dass es mit geschichtlichen Wahrheit so einfach nicht ist. „Die“ Wahrheit zu finden ist schwierig bis unmöglich. Nur die Verkünder/-innen linker und rechter Heilslehren haben bekanntermaßen die Wahrheit gepachtet und nennen/nannten bisweilen ihre Zeitung auch so. Dennoch glaubte ich, dass es in Geschichtswissenschaft und -didaktik Ziel sein sollte, mit wissenschaftlichen Methoden der Wahrheit nahezukommen. Da hatte ich mich gewaltig getäuscht. Klar wurde mir dies, als beim Thema DDR-Aufarbeitung ein renommierter Historiker davon sprach, dass es unterschiedliche Narrative dessen gäbe, was die DDR war. Das ist an sich keine revolutionäre Erkenntnis. Das kann man hier in Ostdeutschland jeden Tag hören. Das Revolutionäre ist, dass das jetzt sozusagen postmodern geadelt wird: Die unterschiedlichen Narrative sind alle gleich gültig. Man hat vor der Erkenntnis, dass es keine objektive Wahrheit gibt, kapituliert und das Gegenteil zur Maxime erhoben: Alles ist wahr, alles ist richtig, alles ist gleich gültig.

Im ostdeutschen Geschichtsunterricht wird dieses dialektische Kunststück noch didaktisch durch den Missbrauch des westdeutschen „Beutelsbacher Konsens“ untermauert: Schüler dürfen nicht überwältigt werden, man muss alle Meinungen gelten lassen. (Beim Beutelsbacher Konsens ging es darum, unterschiedliche politikdidaktische Konzepte in einem demokratischen Staat zu akzeptieren, nicht darum im Unterricht pro und contra DDR auszubuchstabieren.) Wenn es um Stasi geht, muss man folgerichtig auch den Stasi-Vernehmer anhören und sein Narrativ gelten lassen? Darf man die parlamentarische Demokratie und ihre Grundsätze nur noch als ein Narrativ unter vielen darbieten?

Vollends absurd wurde das Narrativ durch Putins Propagandaapparat in der Ukrainekrise: Seine Kommunikationsexpert/-innen haben pausenlos Narrative abgefeuert: Die Kiewer Faschisten, die Ukraine gibt es gar nicht, das Flugzeug war schon vor dem Absturz voller Leichen, eigentlich sollte Putins Flugzeug abgeschossen werden.

Anything goes. Vor allem in Deutschland

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Ein Kommentar zu „Die Narrative des Ukrainekrieges

    […] zu jeder Nachricht, die angeblich von der EU oder der NATO lanciert worden wäre, ein eigenes Narrativ. Das erleichtert die ausgewogene Berichterstattung des Fernsehens […]

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