Lebensgeschichten. Oder: Das Private ist politisch. Opfer der DDR-Repression erzählen

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Die Potsdamer Fachhochschulprofessorin Helene Kleine hat vier Geschichten von Menschen aufgeschrieben, die mit der SED-Herrschaft in Konflikt gerieten: Lebensgeschichten oder: das Private ist politisch. Erschienen ist der Band in der Publikationsreihe der Beauftragten des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur als Band 4.

(Ich bin immer noch voller Bewunderung, dass die brandenburgische SPD, die zwar 20 Jahre brauchte, um diese Behörde zu schaffen, doch darauf bestand, sie so zu nennen, trotz der Einwände der Genossen von der Linken. Obwohl diese sich nach eigenen Angaben doch rückhaltlos mit der SED-Herrschaft auseinandergesetzt hatten, scheint ihnen das Wort Diktatur schwer zu fallen.)

Es geht mir hier nicht um eine Buchvorstellung. Es ist gut, dass es das Buch gibt. Allzuleicht und allzu schnell wird vergessen, wie es hier einmal war und dass die Vergangenheit noch lange nicht vergangen ist. Empfehlenswert ist die Lektüre der Schicksale auf jeden Fall. Vielleicht hätte die Autorin sich etwas mehr Mühe mit ihrem Erzählstil geben können.

Sie fügt ein Schlusskapitel an, in dem sie „einige Aspekte des politischen Systems der DDR“ darstellt. Das geht in Ordnung, auch wenn es sicherlich genügend fundierte Literatur dazu gibt, auf die man hätte verweisen können. Die Leser/-innen, die sich für die berichteten Schicksale interessieren, werden sowieso die DDR kennen. Darum geht es mir hier: Warum stehen in diesem ansonsten korrekten Kapitel die folgenden Sätze?

„Die Lebenswelten der Generationen in Ost und West gleichen sich. Es wird einem Nachkriegskind, aufgewachsen in Essen-Katernberg in den 1950er Jahren, nicht schwerfallen, sich in den Nachkriegsalltag eines Gleichaltrigen in Berlin-Friedrichshain hineinzudenken. Und die Jugendlichen in den 70er und 80er Jahren im Osten hörten Rockpalast und Nightflight, nahmen die Musik auf Tonband auf und tranken – unter anderem -Tee dazu. Wie die West-Jugendlichen auch. … [Ost- wie Westeltern] waren sauer auf ihre langhaarigen, etwas schlaffen Söhne und die geschminkten Töchter in engen Jeans. (p 153)

Na ja, in der DDR konnte man schon mal im Zuchthaus landen, wenn man nach West-Berlin fuhr, um sich Rockplatten zu besorgen oder Bands erhielten Auftrittsverbot und die Volkspolizei sprengte illegale Konzerte. Und es ist ein kleiner Unterschied, ob Westeltern etwas gegen langhaarige Frisuren haben oder ein Staat den Musikgeschmack kontrolliert und alle Kinder und Jugendlichen in die Staatsjugendorganisation zwingt. 

Aber es geht weiter. Die Professorin Kleine steigert sich sogar:

Auch die politischen Strukturen in Ost und West scheinen ja so unterschiedlich nicht gewesen zu sein: Es gab eine Verfassung in der DDR, das Grundgesetz in der Bundesrepublik, es gab Wahlen hier wie dort, Parteien, Volksvertreter und die Regierung, hier wie dort. Und es gab die Justiz mit Gesetzen, Gerichten, Richtern, Staats- und Rechtsanwälten. Und natürlich Gefängnisse. … Verweigerung (des Wehrdienstes) war bis in die 1970er Jahre auch in der Bundesrepublik kein Kinderspiel. (p 153)

So so, da hatte die DDR ein parlamentarisches System mit allem Drum und Dran?

Ich habe den Absatz mehrmals gelesen und mich gefragt, ob ich das falsch verstehe. Sie schreibt ja: West- und Ostdeutschland „scheinen“ so unterschiedlich nicht gewesen zu sein. Und nach diesen Sätzen erklärt sie dann doch einige Aspekte des DDR-Staates, damit die Probleme, die ihre Protagonisten mit der SED hatten, besser verstanden werden. Hat sie mit den die Diktatur verharmlosenden Sätzen also bloß referieren wollen, was man sich in der Bevölkerung über die gemütliche Nettzueinander-Kuschel- und Rechtsstaat-DDR erzählt? Dann müsste ich nur auf meine Bemerkung vom verbesserungswürdigen Erzählstil zurückkommen. Vielleicht hätte ein Lektor gutgetan.

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