„Es gibt mehr als die Ukraine“

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Das sagte gerade Bundesaußenminister Steinmeier. Es mag ihm nur so herausgerutscht sein, aber es kennzeichnet die deutsche Haltung im Konflikt um die Europaorientierung der Ukraine, die russischen Großmachtinteressen zuwiderläuft.

Ostmitteleuropa, das nahe Ausland Moskaus, wird als russisches Einflussgebiet respektiert. Basta! Wenn NATO und EU Russland nicht in Augenhöhe begegnen und auf seine Kosten expandieren, wie es nicht nur die Kommunistin Wagenknecht (Linkspartei) behauptet, sondern auch Gauland (AfD) und Gauweiler (CSU) tun, dann war es doch schon falsch, die baltischen Staaten und Polen in die NATO und die EU aufzunehmen.

Jetzt trifft sich die alte Garde der Putin-Versteher in der SPD, natürlich auch Gazprom-Lobbyist Gerhard Schröder, in einem Aufruf gegen die Verschärfung von Sanktionen und für die Überwachung der „Friedenspflicht der Bundesregierung“. Um die alten Männer der SPD herum gruppieren sich auch andere, Diepgen, Herzog, Teltschik, die linke Grüne Antje Vollmer und die unvermeidliche Ex-Bischöfin Käßmann sowie Wirtschaftsbosse mit Geschäftsbeziehungen zu Russland. Die SPDler haben schon die Bürgerrechtler der DDR übersehen, als sie sich mit der SED über Gemeinsamkeiten verständigten (Eppler-Papier). Heute kommt kein Wort des Verständnisses für die Demonstranten des Maidan über ihre Lippen, dafür aber abfällige Bemerkungen über die Ukraine, wie man sie bisher nur aus Moskau kannte.

Die Unterzeichner wenden sich gegen Medien, „die ganze Völker dämonisieren, ohne deren Geschichte ausreichend zu würdigen“. Im Kontext des Papiers kann nur Russland als Opfer der westdeutschen einseitigen Presseberichterstattung gemeint sein. Woher haben die Damen und Herren ihre Weisheit?

Es gibt die Vermutung, dass den alten deutschen (fast immer) Männern, die Putin verstehen, der Überfall Hitlers auf die UdSSR und die Kriegsverbrechen der Wehrmacht in Russland präsent sind. Dieses Trauma erklärt ihr Verständnis für die russische Sicht der Dinge. An den Kriegsverbrechen der Deutschen in Osteuropa gibt es nichts zu beschönigen. Das deutsche Trauma verstellt allerdings den Blick auf unbequeme Wahrheiten in den „Bloodlands“, Ostmitteleuropa und Osteuropa. Für viele der dort (über-)lebenden Menschen sind nicht nur die Verbrechen der Deutschen unvergessen, sondern auch die der Russen. Oft haften die sogar stärker im Gedächtnis. In der Ukraine kämpften Partisanen noch bis in die 50er Jahre gegen Russland, 1919 hatten die Bolschewisten die kurze Unabhängigkeit der Ukraine und der Krim beendet. Stalins Zwangskollektivierung führte 1932/33 zum Hungertod von mindestens vier Millionen ukrainischer, polnischer und kasachischer Bauern. Die Ukrainer hatten, nachdem Hitler und Stalin nicht mehr verbündet waren, sondern ersterer letzterem den Krieg erklärte, Hitler als das kleinere Übel und Verbündeten gegen die Russen angesehen. Deswegen werden sie bis heute von Moskau als Faschisten beschimpft.

Es sieht so aus, dass bei den Unterzeichner/-innen des Aufrufs eine peinliche Unkenntnis der Geschichte Ostmitteleuropas und Osteuropas besteht.

Dass sie vor einem Krieg warnen, zeigt, dass sie Putins Krieg in der Ost- und dann in der Südostukraine gar nicht zur Kenntnis genommen haben.

Sie stellen den Westen auf die gleiche Stufe wie Putin.

(Die beiden letzten Gedanken stammen aus einem Kommentar im Tagesspiegel v. 8.12.14 von Juliane Schäuble.) Update: Beim Wiederlesen am 25.2.17 staune ich: Wie schnell sich der einstmals liberale Tagesspiegel nach links bewegt hat. Ich bezweifle, dass so etwas 2017 ins Blatt käme.

In neuere russische Lehrbücher hat Putin hineinschreiben lassen, dass er nach Stalin der erfolgreichste Führer des Vaterlandes wäre.

Das von Geschichtslehrern und Wissenschaftlern kritisierte neue russische Geschichtslehrbuch soll nun doch überarbeitet werden. Spricht das jetzt für Putins gelenkte Demokratie? (nach: Jutta Scherrer, Russland verstehen?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 47-48/2014. Die ersten vier der sieben Aufsätze zum Ukrainekrieg sind äußerst lesenswert!).

Karl Schlögel schreibt über diesen dumm-dreisten Aufruf, der dem Westen die Schuld am Ukrainekrieg gibt.

Ein weiterer Osteuropahistoriker, Bert Hoppe, wundert sich in der FAZ v. 10.12. über das „groteske“ Geschichtsbild der Initiatoren Horst Teltschik und Antje Vollmer, in dem wie so oft bei Putin-Versteher/-innen nur der „Nachbar“ Russland und dessen Ängste vor den Kriegstreibern NATO und EU vorkommen, nicht aber die Ukraine und andere zwischen Deutschland und Russland gelegene Völker.

Ralf Fücks, Vorsitzender der Heinrich-Böll-Stiftung der Grünen über Tatsachen und Meinungen (Rede bei der Verleihung des Hannah-Arendt-Preises).

Die Geschichte der Ukraine in Wikipedia

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Ein Kommentar zu „„Es gibt mehr als die Ukraine“

    […] Siehe auch hier! […]

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