Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern

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Auch Herr Ramelow kritisiert (im heutigen FAS-Interview) die Sanktionen gegen Moskau. Er verhält sich neutral im Ukrainekrieg. Hauptsache, die Thüringer Wirtschaft floriert.

Was mich verblüfft, ist, dass sich niemand an andere Geschichtsepochen erinnert.

Die Deutsche Bank, noch mehr die Dresdner Bank, haben in der Nazizeit gute Geschäfte mit den Machthabern gemacht. Die AEG hat 1944 mehr Gewinn eingefahren als 1939. Wer es weiß, schimpft auf die Kapitalisten, die mit jedem Geschäfte machen würden, Hauptsache, der Profit stimme. Beim Ukrainekrieg ist das umgekehrt: Sanktionen schadeten der deutschen Wirtschaft. Weg damit! Bei anderen Gelegenheiten heißt es, die Wirtschaftsbosse hätten zu viel Einfluss auf die Politik. Jetzt geben Linke und Rechte den Wirtschaftsbossen recht.

Kaum jemand wird die Gewinne der AEG 1944 verteidigen wollen. Aber 2014 ist alles egal: Menschenrechtsverstöße, Völkerrechtsbruch, Einschränkung der Meinungsfreiheit, Auslandseinsatz des Militärs, Hauptsache, die Kohle stimmt und die Arbeitsplätze in Thüringen sind sicher.

Man soll Putin nicht mit Hitler vergleichen dürfen. Aber drängt sich der Vergleich nicht auf?

„Heim ins Reich“ hieß vor 80 Jahren die Parole, mit der „Volksdeutsche“ „Reichsdeutsche“ werden sollten: Österreich, Sudetenland, Danzig, Memelland. Putin sieht Russland als Schutzmacht aller Russen und sogar Russischsprechenden im „nahen Ausland“. Die rechtlichen Grundlagen für jederzeitigen Militäreinsatz zu deren Schutz, wie immer man den Anlass definieren mag, hat die Duma längst geschaffen.

Putin verschafft sich nicht wie Hitler in Sachen Sudetenland die Zustimmung anderer Staaten, bevor er die Ukraine besetzt (Münchner Abkommen).

Die deutschen Putin-Versteher/-innen wollen, dass Russlands Einflusszonen respektiert werden. Sie sind womöglich dieselben, die gegen die USA auf die Straße gegangen sind, weil die Lateinamerika als ihren Hinterhof betrachtet haben. Sie müssten eigentlich auch Verständnis dafür haben, dass man während (nicht vor dem) des Ersten Weltkrieges von deutschen Einflusszonen (Belgien, Lothringen) sprach. Das steht aber in Geschichtsbüchern als Beleg für die deutsche Lust am Weltkrieg.

In den sozialen Medien und sogar in der Rechtsprechung wird man sehr aufmerksam, wenn jemand die Ehe zwischen Mann und Frau für wichtiger hält als sexuelle Vielfalt. Putin und seine Getreuen dürfen dagegen homophob, rassistisch und sexistisch sein und das dekadente Europa beschimpfen. Das nimmt man hin und hält bei derartigen Tischreden russischer Gäste in Deutschland brav den Mund (Jakunin, Matthias Platzeck). Ex-Siemens-Vorstandsvorsitzender Löscher wird demnächst Direktor bei den russischen Staatsbahnen. Putins Kommunikationsexperten haben recht: Die Deutschen seien ziemlich empfänglich für russische Propaganda.

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