Trendumkehr bei der Sächsischen Längsschnittstudie: Es lebe der Kapitalismus!

Gepostet am Aktualisiert am

Der Leipziger Medizinsoziologe Elmar Brähler befragt seit 25 Jahren eine Gruppe von Ostdeutschen, die zurzeit der Revolution 14, 15 Jahre alt waren. Die Gruppe war ursprünglich von DDR-Meinungsforschern ausgewählt und befragt worden. Sie bzw. eine Gruppe dieser ehemaligen Probanden befragt Brähler zweijährlich aufs Neue. Was dabei herauskommt?

Die Unzufriedenheit mit der Demokratie, mit dem „Kapitalismus“, mit dem westdeutschen Gesellschaftssystem wüchse von Jahr zu Jahr. Immer besser würde von Jahr zu Jahr die Sicht auf die sozialen Wohltaten der DDR, auf den Sozialismus überhaupt. Die Hoffnung auf den Untergang des gerade herrschenden Gesellschaftssystems verzeichne ebenfalls Wachstumsraten.

Die Studie mitfinanziert hat die IG Metall.

Im Fazit der o.a. Studie von 2007 steht das so: Die bis 2007 vorliegenden Trends führen alles in allem zu der Feststellung, dass der Zeitraum von fast zwei Jahrzehnten nicht ausgereicht hat, um einen nennenswerten Teil der jetzt 34-Jährigen politisch für das jetzige Gesellschaftssystem und seine Werte, Perspektiven und Verheißungen einzunehmen. Wesentlich ist dabei: Sie haben sich diesem System gegenüber nicht etwa „entfremdet“, sondern stehen ihm faktisch schon von der Wendezeit an mehrheitlich skeptisch oder ablehnend gegenüber, Ergebnis ihrer damaligen unmittelbaren, häufig traumatischen Erfahrungen mit der Politik der „Schöpferischen Zerstörung“ im Osten. Damit wurden bei einem beträchtlichen Teil von ihnen anfängliche positive Erwartungen in Frage gestellt oder diskreditiert. Diese kritische Haltung verstärkte sich bereits am Ende der Regierungszeit von Schwarz-Gelb, den kurzfristig wachsenden Hoffnungen nach dem Regierungswechsel 1998 zu Rot-Grün folgte ein noch stärkerer Absturz als zuvor, der sich auch nach den jüngsten Bundestagswahlen 2005 fortsetzt.

Die einschlägigen Fragen Prof. Dr. Brählers und der Mitarbeiter/-innen sind u. a.:

  • Sind sie mittlerweile froh, in einem geeinten kapitalistischen Deutschland zu leben oder hätten sie lieber die DDR zurück?
  • Sind sie inzwischen davon überzeugt, dass der Kapitalismus das beste Wirtschaftssystem ist, das die Geschichte bisher hervorgebracht hat?
  • Sind noch heute Langzeitwirkungen der Rezeption westlicher Sender zu beobachten? (Diese Frage stammt wohl aus dem von der SED genehmigten Fragebogen von 1988.)
Für die Leipziger Wissenschaftler/-innen ist die Bundesrepublik ein kapitalistischer Staat. Nicht „Marktwirtschaft“ oder „soziale Marktwirtschaft“, nein, „Kapitalismus“ wird der DDR gegenübergestellt.  Ein derart holzschnittartiges Verständnis der bundesdeutschen Wirtschaftsverfassung ist für Wissenschaftler ein Armutszeugnis.
Wir erinnern uns gern an den Sozialismus: Keine Arbeitslosigkeit, niedrigste Mieten, niedrige Lebenshaltungskosten, beste Gesundheitsfürsorge, lange Lebenserwartung, gesunde Umwelt usw.

Und jetzt das:

In der neuesten Studie von 2013 ist alles anders.

Bei den Leipziger Meinungsforscher/-innen sind zwar die Fragen dieselben geblieben, aber bei den Probanden hat die Ostalgie doch ziemlich abgenommen. Sechs Jahre später überwiegt die Zustimmung zum Kapitalismus. Ob die Otto-Brenner-Stiftung der IG Metall wieder mitfinanziert hat, konnte ich nicht herausfinden.

Stecken die jetzt vierzigjährigen Probanden in der Midlifecrisis? Haben Sie, die ursprünglich im Tal der Ahnungslosen ohne Westfernsehen lebten, erst mit zeitlicher Verspätung erkannt, dass im Kapitalismus doch nicht alles schlecht ist?

 

Advertisements

3 Kommentare zu „Trendumkehr bei der Sächsischen Längsschnittstudie: Es lebe der Kapitalismus!

    […] „Ihr fragt ja wie die Wessis!“ zitiert der Verlag in einer Vorankündigung aus dem Buch. Eigentlich hatte ich nichts anderes erwartet. Mir waren die Umfrageergebnisse aus dem Kompetenzzentrum des Leipziger Medizinsoziologen Brähler immer fragwürdig vorgekommen. Dessen Team hatte nämlich über ein Jahrzehnt Menschen befragt, die beim Zusammenbruch der DDR im 10. Schuljahr gewesen waren. Und die erinnerten sich an die DDR von Jahr zu Jahr positiver. […]

    Ampelmännchen und Todesschüsse sagte:
    16/06/2016 um 5:12 pm

    […] groß auf Seite 2. Ich habe gleich weiter geblättert. Herr Brähler hat jahrelang eine Panelstudie vorgelegt, aus der sich ergab, dass die untergegangene DDR von Mal zu Mal rosiger gesehen wurde als die […]

    […] Nov. 2014: Ich finde zufällig bei der Bundeszentrale für politische Bildung die neueste Umfrage von Herrn Brähler und seinen […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s