Der Potsdamer Garnisonkirchenstreit (3)

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Dem Thema „Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche“ habe ich mich nur langsam genähert (siehe hier). Kirchen faszinieren mich nicht besonders. Bei dieser Kirche bewirkte allerdings die Sprengung des beschädigten Baus 1968 durch die SED und die Lücke, die dies im Stadtbild hinterließ, einiges Interesse. Vor allem aber ist es der verbissene Kampf von Aktivist/-innen gegen den Wiederaufbau. Die Kirchengegner, vereint in Initiativen, von denen eine sich „Friedenskoordination“ nennt und der Linkspartei verbunden ist, fürchten die Wiederkehr des preußischen Militarismus, ein neues Bündnis von Thron und Altar, eine Bundeswehrkirche, ein Walhalla für Preußenfans, nicht zu reden vom „Barockfaschismus“, mit dem die Zugezogenen auch den letzten Rest sozialistischer Baukultur in Potsdam vernichten würden, wenn das DDR-Rechenzentrum, das auf dem Kirchengrundstück steht, auch noch abgerissen werden würde. Es sind wortgleiche Sätze dabei, mit denen schon die SED den Abriss begründete.

Die apodiktische Verkündigung einfacher historischer Wahrheiten, gerne in Parolen auf Pappplakaten in Fernsehkameras gehalten oder auf Demonstrationen gerufen, hat ihren Reiz für die Medien. Kaum eine Zeitung konnte den Inhalt eines Bürgerbegehrens gegen die Garnisonkirche richtig wiedergeben, aber über den Fortschritt bei der Unterschriftensammlung der Kirchengegner wurde wochenlang berichtet.

Jetzt kam mir eine Veranstaltung im Potsdam-Museum sehr gelegen. Ein Buch wurde vorgestellt: Pflugscharen zu Schwertern – Schwerter zu Pflugscharen. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert von Anke Silomon. Vorgestellt wurde es vom früheren Präses der Evangelischen Kirche in Deutschland, Altbischof Dr. Wolfgang Huber und dem Leiter des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden, dem Obristen Prof. Dr. Matthias Rogg.

Wieder einmal habe ich gelernt, dass es lohnt, genauer hinzuschauen, diesmal auch aus kirchlicher Sicht hinzuschauen. Es gibt mehrere Garnisonkirchen in Deutschland, überall dort, wo es viel Militär gab. Soweit es sie noch gibt und in ihnen ein Gemeindeleben stattfindet, setzt man sich auseinander mit der Geschichte der Kirche in der Kaiserzeit und in der Zeit des Nationalsozialismus. In der Wilhelmshavener Garnisonkirche, die in wirklich schlimmem Maße eine Nazikirche gewesen war, finde eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte statt. In Potsdam darf das nicht sein, dort wird die Wiederkehr der Vergangenheit befürchtet.

Die Militärseelsorge war im Kaiserreich und weiterhin bis 1945 Teil des Militärapparates. Viele Pfarrer, zivile und militärische, hielten militaristische Predigten und schürten 1914 die Kriegsbegeisterung. Auch von der Ideologie der Nationalsozialisten ließen sich Pfarrer anstecken. Andere wurden strikte Nazigegner.

Ein Neuaufbau der Militärseelsorge bei der Gründung der Bundeswehr war daher innerkirchlich umstritten. Allerdings sollte auch Soldaten und ihren Angehörigen Religionsausübung möglich sein, auch bei militärischen Einsätzen. 1957 wurde dazu ein Vertrag zwischen den Kirchen und der Bundesregierung abgeschlossen. Die DDR hatte keine Militärseelsorge zugelassen. Die evangelischen Landeskirchen im Osten unterzeichneten nach der Vereinigung erst 2004 den Vertrag über die Militärseelsorge in Deutschland. Unter ostdeutschen evangelischen Pfarrern finden sich auch solche, die den Wiederaufbau der Garnisonkirche ablehnen.

Die Potsdamer Garnisonkirche war Hofkirche, Kirche der preußischen Könige. Hier wurden Friedrich Wilhelm I. und sein Sohn Friedrich II. bestattet. Sie war Militärkirche für die Potsdamer Garnison, aber gleichzeitig auch Zivilkirche für Potsdamer Bürgerinnen und Bürger. Sie wurde von der reformierten und der lutherischen Gemeinde genutzt.

Die Wiederherstellung war schon in der DDR ein Ziel. Anderswo wurden 17 Kirchen gesprengt. Noch 1965 wurde ein Bauzaun errichtet. 1966 allerdings wurden die Baumaßnahmen eingestellt, Baumaschinen abgezogen. Es gab angeblich Engpässe bei der Materialbeschaffung.

Wie schon in einem anderen Beitrag beschrieben, wurde sie eher zufällig Ort der Eröffnung des Reichstages von 1933. Das Foto, auf dem Reichskanzler Hitler sich nach der Veranstaltung vom Reichspräsidenten Hindenburg verabschiedet, wurde als Symbol der Versöhnung zwischen dem konservativen, aristokratischen Preußen und den Nationalsozialisten verstanden. Die Nazis selbst erkannten erst allmählich die Wirkungsmacht dieses Tages und heute wird das möglicherweise noch stärker so gedeutet, als es von den Zeitgenossen so verstanden wurde.

Man erfährt in dem Buch, dass die Nationalsozialisten die Kirche für eine Fahnenweihe benutzten. Die Gemeinde wehrte sich gegen eine weitere, wurde aber dazu gezwungen. Für viele Potsdamer, für viele Militärs, auch für die Familien der Offiziere des Widerstandes war sie aber auch die Kirche, in der sie Weihnachten gefeiert haben, konfirmiert oder getraut wurden.

Nach der Beschädigung durch Bomben drei Wochen vor dem Kriegsende wurde sie bis zur Sprengung wieder als Kirche und Gemeindezentrum genutzt. Auch diese 23 Jahre Gemeindeleben in der SBZ und DDR gehören zur Geschichte der Garnisonkirche. Die Gemeinde nannte die Kirche jetzt „Heilig-Kreuz-Kirche“. Mehrfach gab es in der DDR Anläufe zur Restaurierung, es gab sogar staatliche Zuschüsse dafür. Auch sollte aus städtebaulichen Gründen die Silhouette des Turms wieder hergestellt werden. Die SED-Oberbürgermeisterin sprach von Materiallieferung. Dahinter stand wohl ein Dissens zwischen den Denkmalschützern, dem kirchlichen Bauamt und der SED. Diese vermutete, dass unter dem Deckmantel von Sicherungsmaßnahmen die Wiederherstellung der Kirche vorangetrieben würde. 1966 beschloss die SED-Bezirksleitung die Sprengung. Die Sprengung war bis in SED-Familien hinein umstritten. Das Potsdamer Fremdenverkehrsamt hatte lange Jahre mit dem Slogan geworben: „Besuchen Sie die Garnisonkirche, die Geburtsstätte des Faschismus.“ Im Dezember 1966 erkannte der SED-Bezirkschef eine zunehmende Baufälligkeit. Das Gebäude solle als Symbol des preußischen Militarismus getilgt werden. Er hätte sich schon mit Kulturminister Klaus Gysi abgestimmt. Gysi bat den Genossen Bezirkschef darum, sich nicht auf ihn zu berufen. Man müsse über einen Abriss gründlich nachdenken. Dieser würde in der BRD und international auf Unverständnis stoßen und eine Kampagne gegen die DDR auslösen. Auch der russische Kulturoffizier Ludschuweit, der sich um den Erhalt von Schlössern und Parks verdient gemacht hatte und Potsdamer Ehrenbürger war, hatte sich gegen einen Abriss ausgesprochen. Die Oberbürgermeisterin aber hatte ihre Meinung inzwischen geändert. Als Ulbricht, der Potsdam sowieso nicht mochte, 1967 die Stadt besuchte, soll er gefragt haben, was denn die Ruine da noch suche.

Es war ein günstiger Umstand, dass zwei Kirchengegner am Eingang Flugblätter verteilten. So konnte man den Kontrast erleben zwischen Unterstellungen, Befürchtungen und Behauptungen und den differenzierenden, argumentierenden und nicht zuletzt sprachlich wohltuenden Vorträgen.

Garnisonkirche im Stadtbild
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