Der Beitrag der DDR zum Vietnamkrieg: die Tellermine PPM-2 – Fortsetzung

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(c) sachsenschiene.net

Uwe Siemon-Netto hatte in seinem Buch berichtet, dass keiner seiner Kollegen in einer Redaktionskonferenz Lust darauf hatte, zur Tellerminenproduktion in der DDR zu recherchieren.

Hier einiges, das ich allein im Internet gefunden habe:

Die Tellermine PPM 2 wurde im VEB Chemiewerk Kapen bei Dessau hergestellt. Auch die Selbstschussanlage SM-70 stammt aus Kapen (s. u.). Handgranaten aus Kapen wurden in alle Welt exportiert. Das Chemiewerk war eine Sprengstofffirma.

1935 wurde hier die Heeresmunitionsanstalt Dessau gebaut, in der während des Krieges u. a. auch 300 Zwangsarbeiter/-innen Giftgasgranaten herstellen mussten. Auch das Nervengas Lost wurde hier verwendet. Ca. 58.000 Tonnen Giftstoffe wurden in Granaten und Bomben abgefüllt.

1945 übernahm zunächst die US-Armee die Anlage, nach deren Rückzug ab Mai 1945 die Rote Armee. Diese hat Teile des Geländes bis 1991 als Kaserne und Munitionslager genutzt. Unklar ist, was hier an konventioneller Munition und Minen im Boden steckt.

KapenEtwa 40 Waggons mit Giftstoffen aus Kapen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg nach Wolgast gebracht und die Fracht auf Schiffe verladen, die dann in der Ostsee versenkt wurden. (Nach Die Erblast von Kapen oder Die Puddingfabrik im Oranienbaumer Forst von Joachim Specht, Emsdetten: 3. Aufl. 2011). Die UdSSR hat die Gebäude demontiert oder zerstört, Giftstoffe im Freien verbrannt, im Boden vergraben oder versickern lassen.. Die DDR hat in den 50er Jahren weiter an der Giftstoffbeseitigung gearbeitet. Kapen wurde Sammelstelle aller ehemaligen NS-Munitionsanstalten auf dem Territorium der DDR. U. a. wurden Zisternen in einem von den Sowjets teilweise zerstörten Kampfstoffbunker mit Entgiftungssschlämmen und Giftstoffen gefüllt und mit einer Betondecke verschlossen. Ab 1948 begann wieder die Chemiewaffenproduktion.

„In Dessau-Kapen gelagerte Kampfstoffe vernichteten die sowjetischen Truppen von 1945 bis 1947 durch Verkippung in die Ostsee, durch Verbrennung im vorhandenen Heizhaus (ca. 1 500 t reines Lost), sowie offene Verbrennung, Vergrabung und Versickerung. Ab 1952 erfolgte die Verbrennung in der speziell dafür gebauten Verbrennungsanlage: …Von 1952 bis 1956 wurde in Kapen Kampfstoff aus allen Teilen der damaligen DDR verbrannt, z. B. aus Ammendorf: Schwefel-Lost, Stickstoff-Lost aus Wolgast: Kampfstoffe, die bei Verladearbeiten in den Hafen gefallen waren, aus dem Steinbruch Schöna bei Delitzsch: Granaten, Bomben, Flaschen aus Berlin-Adlershof und Berlin-Lichtenberg: Granatengräber (Lostgranaten) aus dem Ersten Weltkrieg aus Berga (Bergwerksschacht): Arsenkampfstoffe. Darüber hinaus erfolgte eine Neutralisation durch Zusatz von Chlorkalk, Bunakalk und Wasser. Dieses breiige Gemisch wurde verrührt, bis die Analyse einen Zustand der Dekontamination ergab. Der arsenreiche Rückstand (ca. 160 m3) wurde in einen Keller verbracht. Von 226 italienischen Lostbehältern wurden 142 Stück auf diese Weise dekontaminiert. Mit Lost-Resten kontaminiertes Erdreich aus der ehemaligen Neutralisationsanlage, das in einem Schutzbunker eingelagert war, wurde 1982 geräumt. Es ist nicht bekannt, wohin diese kontaminierte Erde kam.
… In Halle-Ammendorf erfolgte in den Jahren 1945/46 die Abfüllung großer Mengen von Winter-, Sommer- und Stickstofflost in Behälter. Etwa 558 t wurden im Plastewerk Ammendorf im betrieblichen Kohlekraftwerk sowie im Chemiewerk Dessau-Kapen verbrannt. In den Jahren 1953/54 erfolgte der Abtransport der restlichen Kampfstoffe (etwa 67 t) sowie kampfstoffangereicherten Wassers in das Chemiewerk Dessau-Kapen, wo die Kampfstoffe verbrannt wurden.“ (Aus der Antwort auf eine Anfrage der Grünen im Bundestag; zitiert auf  geschichtsspuren.de.)

Nach der Revolution wurden die Altlasten aus den Bunkerräumen von der Kali+Salz Entsorgung GmbH und weiteren Firmen nach eigenen Angaben dauerhaft beseitigt. 2004 -2008, vor dem Verkauf des späteren Industrieparkgeländes, wurden von Remondis und anderen Firmen die Abwasseranlage, die Verbrennungsanlage, Versickerungsgräben und die Bodenfläche saniert.

Der Industriepark Dessora liegt gleich an der Autobahn A 9. Das Areal ist immer wieder vom Elbehochwasser betroffen. Umweltschützer befürchten, dass noch vorhandene Giftstoffe aus der Zeit der Giftgasgranatenproduktion dabei aus dem Boden geschwemmt werden.

Für das, was im DDR-Chemiewerk Kapen passierte, interessiert sich anscheinend niemand. Das beklagte ja schon Uwe Siemon-Netto in seinem Buch Duc, der Deutsche.

 

Der Spiegel berichtet 1991 über die Schwierigkeiten der Minenräumung an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Nachdem dort schon 920.000 Minen vergraben worden waren, wurden ab 1977 400.000 PPM 2 verlegt.
Fotos der Ruinen in Kapen von Jens Kaließ
Der ostalgische „Militärverlag“ hat im Buch Waffenschmiede DDR das Chemiewerk Kapen nicht aufgeführt. Panzer, Flugzeuge und Schiffe sind für Militärenthusiasten charmanter als Landminen.
Daten zur Selbstschussanlage SM 70, dem Tötungsapparat für Flüchtlinge an der Zonengrenze:
„100 bis 110 Gramm explodierender Sprengstoff TNT schleuderten aus dem Horn des Selbstschussautomats nach elektro-mechanischer Auslösung durch Spanndrähte am Grenzzaun in Sekundenbruchteilen zirka 80 bis 110 kantige Metallsplitter heraus. Die Verletzungswirkung war bis auf 120 Meter ausgelegt, der maximalen Reichweite der Splitter. Wobei sie in unmittelbarer Nähe tödlich wirkten. Entwickelt wurde die Selbstschussanlage mit Hilfe des militärtechnischen Institutes VUSTE aus der Tschechoslowakei ab 1966 im VEB Chemiewerk Kapen. Dort wurde die SM 70 dann auch hergestellt. Als „Geschosse“ wurden zunächst in der Erprobungsphase in Kapen noch Metallkugeln verwendet. Dann aber ersetzte sie der Entwicklungsingenieur „wegen der besseren Treffsicherheit“ durch die noch gefährlicheren und größere Verletzungen hervorrufenden Metallsplitter. Die „versuchsweise Einführung“ (Erprobung) erfolgte an der innerdeutschen Grenze auf DDR-Seite 1971 im Abschnitt Salzwedel-Lüchow/Arendsee-Prezelle. „Die Splitterwirkung an den beschossenen Wildarten: Reh- ,Schwarz- und Federwild lässt den sicheren Schluss zu, dass durch SM-70 geschädigte Grenzverletzer tödliche bzw. so schwere Verletzungen aufweisen, dass sie nicht mehr in der Lage sind den Sperrzaun zu überwinden.“ (Zitat aus dem Teilbericht über die taktische Erprobung der Splittermine SM 70 vom 17.8.1971 (VVS-Nr. G/079675)“ (aus Forum Deutsche Einheit, zweiter Eintrag)

Wie oft bei historisch-politischen Artikeln in Wikipedia einseitig linkslastig: Der Vietnamkriegs-Artikel könnte auch von einer Pressereferentin Ho Chi Minhs geschrieben worden sein: Die Schurken sind die Amerikaner.

Zum Teil I des Beitrages

 

 

 

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Ein Kommentar zu „Der Beitrag der DDR zum Vietnamkrieg: die Tellermine PPM-2 – Fortsetzung

    […] unbedeutenden oder gar nicht vorhandenen Waffenindustrie hat dem Vietcong eine halbe Million Tellerminen PPM2 geschickt. Eine der fürchterlichsten Waffen des […]

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