Vor 75 Jahren: Der Ribbentrop-Molotow-Pakt

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Am 23.8.1939 wurde der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt unterzeichnet. Außenminister Ribbentrop war mit seinen Bemühungen um eine Verständigung mit Groß-Britannien gescheitert. Für ihn war der Vertrag mit der UdSSR ein großer persönlicher Erfolg. (Er war später dagegen, dass Russland von der Wehrmacht überfallen wurde.) Stalin hatte erkannt, dass Hitler nun doch kein vorübergehendes Phänomen war, deshalb verbündete er sich nach dem Scheitern von Verhandlungen mit London und Paris mit ihm, nicht zuletzt, um die westlichen Mächte zu ärgern. Immerhin zwei Jahre, 1939 bis 1941, unterstützte er mit Öl-, Getreide- und anderen Rohstoff-Lieferungen Hitlers Krieg im Westen.

In einem geheimen Zusatzprotokoll gestand Hitler Stalin Finnland, Estland und Lettland, Bessarabien und die Nordbukowina zu. Das Deutsche Reich sollte Litauen erhalten. Stalin lieferte Hitler im Gegenzug tausende deutsche Kommunisten aus, die seit 1933 in die Sowjetunion geflohen waren und von denen viele im Zuge des Roten Terrors im GULag gelandet waren.

Hitler bekam durch den Vertrag freie Hand gegenüber Polen. Er hoffte, England und Frankreich würden nicht eingreifen, wenn er gegen Polen Krieg führte. Beide Diktatoren teilten sich das Land. Auch Stalin war kein Freund der Polen. Der polnische General Pilsudski hatte in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg die noch schwache Sowjetunion militärisch besiegt und sich Teile Litauens und der Ukraine (Wolhynien, Ostgalizien) einverleibt. Stalin war damals einer der Befehlshaber der von Pilsudski besiegten Roten Armee gewesen. Für die Russen war die Besetzung Ostpolens ein Akt der Befreiung der dort von Polen unterdrückten Völker. (Nach russischen Angaben waren von den 10 Millionen Einwohnern nur 1 Million Polen, die anderen vor allem Ukrainer, Weißrussen und Juden. Andere Quellen sprechen von 5 Millionen polnisch Sprechenden. Polen hatte in der Zwischenkriegszeit eine rigorose Polonisierungspolitik betrieben. Aus dem russisch besetzten Polen wurden nach polnischen Angaben 800.000 bis 1,2 Mio. Menschen nach Sibirien und Zentralasien deportiert – mehrheitlich Polen; es waren aber auch Deutsche und Juden dabei. Die Sterblichkeit lag bei 30%. Nach sowjetischen Angaben belief sich die Zahl der Deportierten nur auf 300.000. Allein 250.000 bis 300.000  polnische Soldaten gerieten in sowjetische Gefangenschaft. Keinem wurde der Status von Kriegsgefangenen zuerkannt, tausende wurden ‚liquidiert‚.

Hitler und Ribbentrop befolgten bis 1938 die von allen vorhergehenden Weimarer Regierungen verfolgte Polen-Politik: Verzicht auf die im Versailler Friedensvertrag abgetretene Provinz Posen-Westpreußen, aber Rückgabe der Freien Stadt Danzig bei Gewährung polnischer Zugangsrechte zu den Häfen der Stadt und einen exterritorialen Straßenkorridor durch das abgetretene Gebiet nach Ostpreußen. Polen war zu keinen Verhandlungen bereit gewesen. Schon bei den in Versailles festgelegten Volksabstimmungen hatte Polen auch Gebiete mit deutscher Abstimmungsmehrheit für sich gefordert. Es kam zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, so dass britische Soldaten, die die Abstimmung überwachen sollten, Deutsche schützen mussten.

Die polnische Regierung hatte mehrfach in London um Beistand bei einem Überfall auf das Reich gebeten. Eine deutsch-polnische Grenze an Oder und Neiße wurde in der Zwischenkriegszeit als realistisches und berechtigtes polnisches Ziel gesehen.

Die Aufteilung Polens unter den beiden Diktatoren markiert den Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Vera Lengsfeld erinnert an den Hitler-Stalin-Pakt, u. a. daran, dass Wehrmacht und Rote Armee 1939 im besetzten Polen gemeinsame Paraden abhielten, dass der NKWD und die Gestapo dort Koordinierungstreffen durchführten. Das Europäische Parlament habe 2009 eine Entschließung „zum Gewissen Europas und zum Totalitarismus“ angenommen hat, mit der Forderung, den 23. August zum gemeinsamen Gedenktag für die Opfer aller totalitären und autoritären Regime zu erklären. Seitdem ist dieser Gedenktag fester Bestandteil der Erinnerungskultur der baltischen und anderer osteuropäischer Staaten. Bis heute verlaufe die Erinnerung an den Hitler-Stalin-Pakt in Europa sehr unterschiedlich. In Polen und im Baltikum sei das deutsch-sowjetische Abkommen ein zentraler Bezugspunkt der nationalen Erinnerungskulturen.

Das fiel mir schon in der Gedenkstätte Leistikowstraße in Potsdam auf, einem ehemaligen KGB-Gefängnis: Das einzige, was man dort lesen konnte: „Die Hitlerarmee überfiel 1939 Polen.“

Auch die Linkspartei spricht nicht gerne über den Hitler-Stalin-Pakt. In bewährter Manier gedenkt sie an diesem historischen Datum des Stalinisten „Teddy“ Thälmann. Der wurde, so Frau Lengsfeld, am 18. 8. im KZ ermordet. Stalin hatte nicht das geringste Interesse, seinen treuen Anhänger ins Arbeiter-und-Bauern-Paradies zu holen.

Die Gebiete, die Hitler 1939 Stalin zugestand, werden heute von den deutschen Putin-Versteher/-innen als legitime Einflusssphären Russlands angesehen.

Putin redet davon, die Russischsprachigen in den Nachbarstaaten heim ins Reich zu holen. Hitler machte 1938 in Österreich und in der Tschechoslowakei, 1939 in Danzig dasselbe.

Updates November 2014: Putin lobt den Ribbentrop-Molotow-Vertrag. Timothy Snyder dazu. Der polnische Historiker Wlodzimierz Borodziej dazu. Borodziej stellt übrigens fest, dass Polen nach dem Ende der UdSSR darauf verzichtet habe, auf der Rückgabe des 1945 von Stalin weggenommenen Ostpolens zu bestehen.

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Ein Kommentar zu „Vor 75 Jahren: Der Ribbentrop-Molotow-Pakt

    […] Siehe auch das Posting vom 23.8.2014! […]

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