Ein Philosoph als Putin-Versteher

Gepostet am Aktualisiert am

Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin gilt laut Stern als einer der renommiertesten Philosophen Deutschlands. Das war er bisher auch für mich. Bis ich darauf aufmerksam wurde – durch den Blog von Boris Reitschuster -, dass er sich als Putin-Versteher geriert. Bei Ex-Kanzler Schröder ist nachvollziehbar, dass er seinen Arbeitgeber als lupenreinen Demokraten ausgeben muss. Dass der Philosoph Prof. Dr. Nida-Rümelin ihn noch übertrifft, war mir neu.

Einige Highlights aus seinem Stern-Artikel:

Er erwartet in einer hoch entwickelten Demokratie eine gewisse kritische Distanz gegenüber Nato- und CIA-gesteuerten Informationen. (Es ging in dem Absatz um den Flugzeugabschuss.)

„Im Vergleich allerdings zum chinesischen Regime ist die politische Praxis Putins noch vergleichsweise zivil.“

Im Vergleich zur Praxis des saudischen Feudal-Regimes könnte Russland als Hort der Menschenrechte durchgehen, jedenfalls werden dort ehebrechende Frauen nicht gesteinigt, Russland finanziere keine islamistischen Terroristen, und es gäbe sogar Parlaments- und Präsidialwahlen mit konkurrierenden Parteien. Der renommierte Professor hat anscheinend noch nie davon gehört, dass kritische Journalisten ermordet, unabhängige Zeitungen und Fernsehsender verboten und kremlkritische Gegenkandidaten wegen Steuerhinterziehung angeklagt werden.

Der Russlandkenner misstraut Nato- und CIA-gesteuerten Informationen und verlässt sich anscheinend lieber auf das russische Fernsehen.

Sein Argumentationsmuster ist der Whataboutism. Dass das so heißt, habe ich auch erst jetzt gelernt. Dabei ist das Muster altbekannt. Jakob Augstein, auch ein Osteuropaexperte, sagt zum Flugzeugabschuss über der Ostukraine: „Die USA haben auch schon einmal ein Flugzeug abgeschossen und sich noch nicht einmal entschuldigt.“ Für Nida-Rümelin müssen China und Saudi-Arabien herhalten, um die Harmlosigkeit Putins zu belegen.

Mit Terrorismus hätte Putin nichts am Hut, weiß er. Nun, Prof. Dr. Nida-Rümelin ist kein Kaukasus-Experte.

„Der Vorwurf des Neo-Imperialismus gegen Russland klingt nach Kriegs-Propaganda, er ist geeignet, die Situation in der Ukraine militärisch eskalieren zu lassen.“ Prof. Nida-Rümelin hat klar erkannt, wer der Kriegstreiber ist: NATO, CIA, EU.

Russland wäre nicht neo-imperialistisch, im Gegenteil, es würde von einem kraftstrotzenden China, dem Islamismus und einer mehr noch als die USA imperialistischen EU bedroht, die gewaltige Geländegewinne(!) gemacht hätte. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Juncker und Schulz mit Stahlhelm auf dem Feldherrnhügel östlich Lemberg. So plastisch hat das nocht nicht einmal Frau Dr. Wagenknecht vorgetragen.

Ähnliches  lese ich täglich in der Leserbriefspalte der Potsdamer Märkischen Allgemeinen von in der DDR sozialisierten Mitbürgern oder Linksparteiaktivisten. Dass einer angeblich renommiertesten deutschen Philosophen kein höheres Reflexionsniveau besitzt, ist traurig.

„Die Zahl der Mitgliedsstaaten (der EU) hat sich fast verdoppelt.“ Das meint er kritisch, das muss wohl Imperialismus sein, anders kann es sich Herr Nida-Rümelin nicht erklären. Dass die EU so attraktiv ist, kann doch wohl nicht daran liegen, dass sich ein Dutzend Konzern- und Bankchefs dieses Instrument im Hotel Bilderberg erfunden haben.

Russlands Einflusszonen sind zu respektieren, ist das Credo der SPD-Altvorderen, auch Nida Rümelin muss man dazu zählen. Ich bin mir sicher, dass aus seiner Feder keine Verteidigung der Festlegung deutscher Einflusszonen während(!) des Ersten Weltkriegs stammt oder Verständnis für die Interventionen der USA in Lateinamerika. Aber bei Russland zeigt er Empathie. Einflusszonen sind für Nida-Rümelin nur dann schlecht, wenn es sich um die der USA und der EU (Was meint er damit?) handelt.

Wer kann mir erklären, warum es immer wieder vor allem SPD-Politiker/-innen sind, die kein Verständnis für die ukrainischen Versuche haben, das immer noch existierende sowjetische Denken und Handeln zu überwinden. Auch der ehemalige Bürgerrechtler Matthias Platzeck findet kein Wort des Verständnisses für die Menschen auf dem Maidan. Nur eine strenge Untersuchung der Todesschüsse von „Faschisten“ forderte er. Sonst hat niemand geschossen? Die SPD-Politiker haben in ihrer Fixierung auf die Machthaber schon die Bürgerrechtsentwicklung in der DDR verschlafen, während sie mit der SED zusammensaßen. Die Neugründung der SPD in Ostdeutschland haben sie lange nicht anerkannt. Nicht nur mit der SED tauschte sich die SPD über gemeinsame Werte aus, auch mit der Fatah. (Der Journalist Oliver Jeges fragt sich, wie es kommt, dass Sozialdemokraten eine Schwäche für autoritäre und totalitäre Machthaber zu haben scheinen.)

Putins eurasische Wirtschaftsunion sei überhaupt nicht ernsthaft diskutiert worden, klagt Nida-Rümelin. Wenn er sich kundig gemacht hätte, würde er – vielleicht – erkannt haben, warum das so war: Es ist ein Gebilde, das mit seinen Zollsätzen und Export/Import-Regelungen auf die Bedürfnisse Russlands so zugeschnitten ist wie der ehemalige RGW. Weißrusslands Diktator Lukaschenka würde liebend gerne die „imperialistische“ EU vorziehen, wenn er gedurft hätte.

Wer den Stern-Artikel lesen möchte: „Die Vorwürfe gegen Putin klingen stark nach Kriegspropaganda“.
Was ich nicht verstehe:

Ich habe gelernt, dass die Europäische Union und ihre Vorgängerinstitutionen ein erfolgreiches Projekt der Verständigung und Aussöhnung von Völkern und Staaten sei, die sich im Laufe ihrer Geschichte mehrfach bekämpft hatten, die „Erbfeinde“ waren. Ihr gemeinsamer Markt, die Freizügigkeit innerhalb EU-Europas, die Gewährleistung von Bürger- und Freiheitsrechten sind so attraktiv, dass Staaten Schlange stehen, um aufgenommen zu werden. Es ist kein Paradies entstanden, es gibt berechtigte Kritik an der überbordenden Brüsseler Bürokratie, es gibt Streit zwischen den Mitgliedern, aber es gibt politisch-institutionelle und juristische Regeln für die Konfliktlösung. Warum reden die im Blog genannten Politiker/-innen der beiden sozialistischen Parteien, Linke und SPD, so abfällig über die angeblich aggressive, militaristische EU, die Russland einkreisen und Druck auf ostmitteleuropäische Staaten ausüben würde, damit die beiträten?

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s