Das merkwürdige Dokumentationszentrum Prora

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Die Monumentalbauten in Prora auf Rügen sollten als NS-Seebad 20.000 Werktätigen gleichzeitg zu Ostseeurlaub verhelfen. Drei Jahre wurde gebaut (1936-39), der Bau blieb unvollendet und wurde von den Nazis nie genutzt. 1937 erhielt die Anlage auf der Pariser Weltausstellung den Architekturpreis. Von 1945 bis 1990 richteten die Russen Internierungslager und die SED-Herrscher Kasernen für verschiedene Truppenteile und die Bausoldaten ein. In beiden deutschen Diktaturen liebte man Monumentalbauten.

In der DDR galt Prora als die berüchtigste Kaserne des Staates. Hier war ein Fallschirmjägerbataillon stationiert und Marineinfanterie, eine Schulungsstätte für ausländische Offiziere, eine Militärmusikschule, ein Reservistenzentrum, ein Grenztruppenerholungsheim. Die Kaserne hatte eine hohe Selbstmordrate, auch unter den Bausoldaten gab es Fälle. Bausoldaten waren die seit 1964 geduldeten Kriegsdienstverweigerer, die z. B. als uniformierte Arbeiter für den Fährhafen Mukran/Sassnitz eingesetzt wurden, den Hafen für die militärische Schnellfähre ins russische Ostpreußen.

Zwei Jahre nach der Einführung der Wehrpflicht 1962 wurden die den Dienst an der Waffe Verweigernden als Bausoldaten einberufen. 1.550 junge Männer verweigerten 1962 den Wehrdienst. Die Bausoldaten sind ein nicht zu unterschätzender Faktor bei der Entstehung der Bürgerrechtsbewegung. Die Bausoldaten bildeten nach der Entlassung ein Netzwerk. Viele von ihnen wurden Pfarrer, die später ihre Kirchen für die Oppositionsgruppen öffneten.

Wer erwartet hat, dass die Geschichte Proras in beiden deutschen Diktaturen dargestellt wird, wird enttäuscht.

Das Dokumentationszentrum Prora beschäftigt sich ausweislich seiner Webseite nahezu ausschließlich mit Rechtsextremismus, Nationalsozialismus und NS-Zwangsarbeit. Keines der Projekte, keine Veranstaltung, die nicht davon handeln. Dr. Gregor Gysi darf über Rechtsextremismus reden, nicht etwa darüber, warum die DDR kein Recht auf Kriegsdienstverweigerung, vergleichbar der Bundesrepublik, kannte. Keine der zahlreichen Sonder- und Wanderausstellungen beschäftigt sich mit den 45 Jahren SBZ-/DDR-Geschichte des Baus. Prora wird als NS-Seebad dargestellt, das es nie geworden ist.

Im wissenschaftlichen Beirat sitzen neben einem Baufachmann ausschließlich NS-Spezialisten, darunter Prof. Dr. Wolfgang Benz, der schon in Potsdam demonstrierte, dass ihn die DDR nun einmal nicht sehr interessiert. Den Wissenschaftlern scheint es nicht aufzufallen, dass sie die Schutzherren einer einseitigen und damit verfälschenden Geschichtsbetrachtung sind.

Dem jüdischen Antisemiten Stéphane Hessel ist eine Sonderausstellung gewidmet.

In der Dauerausstellung beschäftigen sich zehn der elf Kapitel mit der NS-Zeit, das elfte wird neutral „Nachkriegsgeschichte“ genannt. Die Infotafel zum „Nachkriegs“-Kapitel ist die knappste, zehn Zeilen statt des sonst üblichen Drei-bis Fünffachen, plus Bilder und Videoclips. „Die Gebäude wurden militärisch genutzt.“ steht da knapp. Weglassen ist eine einfache Form der Lüge.

Unter den zahlreichen Workshops, Modulen, Werkstätten und Vorträgen zu Rassismus, Zwangsarbeit, Roma, „Vernichtungskrieg in Osteuropa“ oder Menschenrechten, kann von Besuchergruppen auch ein Vortrag zur Wehrpflicht und Wehrdienstverweigerung in der DDR abgerufen werden. Zeitzeugen gibt es zu allen Themen, nur nicht zu den Bausoldaten.

Dreiviertel des Bausoldaten-Standortes sind inzwischen vernichtet. In der Verdrängung der 45 Jahre DDR-Geschichte des Bauwerks treffen sich verschiedene Interessen: Viele Bausoldaten wollen nicht mehr an das Trauma „Prora“ erinnert werden. Die in Schwerin auch schon einmal mitregierende Linkspartei will nicht an ihre DDR-Herkunft erinnert werden. Die in Prora tätig gewesenen Offiziere und Kader wollen sich ihre angenehmen Erinnerungen nicht schlecht machen lassen. Die damalige Bevölkerung hat weggesehen. Ministerpräsident Sellering ist bekannt dafür, dass ihn die DDR-Aufarbeitung nicht sonderlich interessiert.

Unterstützt wird dieses „Dokumentationszentrum“ von der Stiftung Erinnerung-Verantwortung-Zukunft, evz, und dem Bundesfamilienministerium. 

Seit einigen Jahren engagiert sich der Historiker Dr. Stefan Wolter für die Dokumentation der Geschichte Proras in beiden deutschen Diktaturen. Trotz der Widerstände in der Landesregierung und einigen Parteien blieb er nicht ganz erfolglos.

Stefan Wolter (Hrsg.), Geheime Aufzeichnungen eines Bausoldaten in Prora, Halle 2011

Dieser Bericht eines Bausoldaten über seinen brutalen Alltag in Prora wurde 1988 in den Westen geschmuggelt. In der Zeit der Revolution 1989/90 blieb er unbeachtet. 2010 lehnte die Bundeszentrale für politische Bildung einen Ankauf ab wegen des von ihr erwarteten geringen Interesses außerhalb der ehemaligen DDR. Die Landeszentrale von Mecklenburg-Vorpommern übernahm dann einen Teil der Druckkosten.

Erzählt wird im Buch von den alltäglichen Schikanen, den 12-Stunden-Arbeitstagen, zu denen oft noch von Samstags- und Sonntagsarbeit kam, den Razzien in den Kammern, dem unhygienischen 90-Mann-Duschraum, den stinkenden Kaltwasserwaschbecken und dem Fraß, der ihnen vorgesetzt wurde. Mancher NVA-Wehrpflichtige aus den benachbarten Quartieren flüchtete sich weinend zu den Bausoldaten, weil es ihm nicht viel besser ging.

Die Bausoldaten waren in der Regel berufstätige Familienväter, die man bewusst erst spät einberief. Sie hielten zusammen. Viele waren Christen. Ihnen gab ihr Glaube Kraft. Die Stubengemeinschaften wurden immer wieder auseinandergerissen. Sie wurden „bis zur Vergasung“, so ein Offizier, gedrillt, vorzugsweise zu einem Zeitpunkt, an dem sie den Zug für einen der seltenen Heimaturlaube verpassen mussten.

Der Einsatz beim Bau des militärischen Fährhafens Mukran war wenig effektiv. Die zivilen Bauleiter waren zwar mit den disziplinierten Bausoldaten sehr zufrieden. Die jungen NVA-Vorgesetzten, die besser verdienten als die Masse der DDR-Bewohner, ließen auch schon mal von einer Planierraupe einen Erdhaufen zusammenschieben, den die Bausoldaten mit ihren Schaufeln dann wieder einebnen durften. Ihre Arbeitsleistungen wurden nicht gewürdigt, dafür die schlechteren regulärer NVA-Einheiten. Die Bausoldaten waren eben „der letzte Dreck“.

Nicht ohne Wirkung blieb, dass die Bausoldaten das in der DDR übliche Eingabewesen intensiv nutzten. So muss es gelegentlich Winke von oben gegeben haben, Strafaktionen nicht über Gebühr auszuweiten und nicht die Militärstaatsanwaltschaft als weiteres Repressionsmittel einzuschalten.

Ganz anders sei es heute, nach dem Zusammenbruch der DDR, schließt der Herausgeber Stefan Wolter sarkastisch. Die Ministerien in Schwerin würden auf Eingaben und Anträge gar nicht reagieren.

Der Bausoldaten-Verein Denk-MAL Prora hat sich 2010 aufgelöst. Diese Zeitzeugen beklagen den politischen Druck aus der Landeshauptstadt Schwerin und den regionalen Widerstand gegen die Aufarbeitung der DDR-Zeit in Prora. Er sei zu groß geworden. Ganz ohne Erfolg ist er aber nicht geblieben, obwohl er regelrecht bekämpft worden sein soll.

Mit Unterstützung der Bundesstiftung Aufarbeitung konnte 2014 eine Wanderausstellung zum Militärstandort Prora hergestellt werden. Immerhin ein Fortschritt angesichts der Tatsache, dass erst 2010 eine allererste Gedenktafel für die Bausoldaten angebracht werden durfte.

Update Dezember 2014: Bei Gelegenheit der Vorstellung seines Briefwechsels mit Günter de Bruyn fragte ich den ehemaligen Bausoldaten und heutigen Spiegel-Journalisten Stefan Berg im November nach der Situation der Gedenkstätten in Prora. Nach allem, was ich gehört und im Internet gefunden hätte, sei die Erinnerung fast vollständig auf die dreijährige Bauzeit unter den Nazis ausgerichtet und die 45jährige Nutzung durch Sowjets und die SED käme eher am Rande vor. Berg versicherte mir, dass das nicht zuträfe. So gäbe es gerade eine neue Ausstellung (s. o.) zu den Bausoldaten. Ich vermute, dass er den Internetauftritt nicht kennt.

Jetzt höre ich, dass die Bausoldatenkaserne vollständig entkernt worden sei und als „KdF-Jugendherberge“ geöffnet worden wäre.

Am Rande notiert: Für seine Ausstellung „Opposition und Widerstand – Bausoldaten in Prora 1964-1989/90″ erhielt das Dokumentationszentrum gleich auch einen Preis der Bundeszentrale für politische Bildung.

Von Dr. Stefan Wolter (s. o.) erhielt ich eine Presseerklärung zur Preisverleihung.

 

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Ein Kommentar zu „Das merkwürdige Dokumentationszentrum Prora

    […] (Die 45jährige Geschichte von Prora auf Rügen als NVA- und Bausoldaten-Kaserne erzählt kein Museum. Sie ist “entsorgt” worden. Die knapp fünfjährige Geschichte des […]

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