Vom „Guten“ der DDR-Schule

Gepostet am Aktualisiert am

Der Beitrag wurde zuerst 2009 auf meinem Schulbibliotheks-Weblog Basedow1764 veröffentlicht. Ein Update ist von heute.

Ich bin erstaunt, wie toll manche westdeutsche Pädagogen das DDR-Schulsystem finden. Reformschulen wie  die Laborschule Bielefeld, Fritz-Karsen-Schule Berlin, Helene-Lange Wiesbaden, wer kennt die schon?

Bedarf es einer Diktatur (Konsens-, Fürsorgediktatur), um die urmarxistischen Ziele gleicher Bildungschancen für Stadt und Land, für Frauen und Männer, zu erreichen? Oder das gemeinsame Lernen bis Klasse 6 oder 8 oder 10?

Ich habe einmal zusammengestellt, warum m. E. die DDR-Schule bis in die oberste Schulaufsicht hinein so bewundert werden könnte:

 

  • Die niedrige Abiturientenquote (10%). Mit den Übriggebliebenen konnte man in der Oberstufe richtig gut arbeiten.
  • Schwierige, renitente Schüler landeten in den offenen oder geschlossenen Jugendwerkhöfen. Dort hat man sie auf ein Leben als Hilfsarbeiter vorbereitet.
Lesetipp: Grit Poppe, Weggesperrt
  • Auf integrativen Unterricht (gemeinsames Lernen behinderter und nicht-behinderter  Schüler/innen) mussten sich die Kolleginnen und Kollegen auch nicht einlassen.
  • Die Schule war weitestgehend ausländerfrei.
  • So modernes Zeug wie Schüler-, Handlungs- oder Problemorientierung war nicht handlungsleitend. Differenzierung war zeitweilig nötig, damit keiner abfiel, aber ebenfalls keine grundlegende Planungskategorie. Referate und Gruppenarbeit wurden in Fachzeitschriften immerhin diskutiert. Der Unterricht war eher rezeptiv.
Wir hatten Ende der 80er Jahre im Westen sehr häufig im laufenden Schuljahr Zugang von Übersiedlerkindern aus der DDR und konnten Stärken und Schwächen dieser Schüler/innen gut sehen.
  • Unterrichtsvorbereitung war solides Handwerk. Die Lehrpläne waren nicht bloß Rahmenpläne, sondern hoch verbindlich. Unterricht war zentral vorgeplant. Man musste nicht selbst aufwändig didaktische Analyse betreiben, Bildungsgehalt und -inhalt destillieren, kognitive, soziale und methodische Lernziele konstruieren. Zügig durchgeplante, kleinschrittige  Stundenverläufe gab es für jedes Fach.
Als westdeutscher Junglehrer habe ich nach diesen Handbüchern Sport und Turnen unterrichtet. Das Fach hatte ich nicht studiert.
  • Die Einschätzung der vormilitärischen Ausbildung fällt mir etwas schwer. Ob der Umgang mit Handgranaten und Maschinengewehren von Vorteil ist? In Westdeutschland hat man ja die Sportschützen dafür. Vielleicht Einübung in Befehl und Gehorsam als Teil der Staatsbürgerkunde?
  • Der polytechnische Unterricht
In dem musste ich in Hessen so komplizierte Themen wie „Streik und Aussperrung“, „Betriebsverfassungsgesetz“, „Berufswahlvorbereitung“ „Bewerbungstraining“ unterrichten. Viel lieber hätte ich die Klasse jede Woche zur „Produktiven Arbeit“ in Betriebe geschickt wie in Ostdeutschland („Einführung in die sozialistische Produktion“).  Das hätte mir auch die Mühe der Organisation des Betriebspraktikums erspart.
  • Der Schulleiter konnte in Anwesenheit seines Kollektivs und des Schülermaterials Lob und Tadel verteilen, auch mal einen Rausschmiss vor versammelter Mannschaft vom Pedell durchführen lassen, wie in der Berliner Ossietzky-Oberschule.
Ich hatte einmal einen notorischen Schläger mit dicker Schülerakte voller schriftlicher Tadel vorübergehend von der Schulpflicht „befreit“. Das erlaubt mir zwar das Schulgesetz, aber das Schulamt war nicht erfreut. Eine hessische Amtsrichterin, vor der ich mich wegen dieser „Untat“ auf Betreiben des Schülervaters rechtfertigen musste, wies die Klage ab, weil ich alle Formalia beachtet hatte. Sie äußerte aber sehr ruppig ihr Unverständnis über Lehrer, die sich von solchen Schülern auf der Nase herumtanzen ließen und nicht früher reagierten. Die Dame kennt das hessische Schulrecht und die Schuljuristen nicht.
Da war die DDR-Schule angenehmer. Im Rahmen des Screenings aller 14-/15Jährigen auf Tauglichkeit für das MfS wären solche auffäligen Schüler auch gleich in den Jugendwerkhöfen verschwunden. (Der Ex-DDR-Innenminister, Ex-CDU-Landesvorsitzende Brandenburg, Verteidiger eines Ex-Spitzels der Linkspartei im Landtag, Herr Rechtsanwalt Distel, durfte  unwidersprochen in der Zeitung behaupten, das MfS hätte keine Minderjährigen angeworben, weil das gesetzlich in der DDR verboten gewesen wäre.
  • Für den Lernerfolg ihrer Schüler/innen waren die Lehrer verantwortlich. Das war ein herrvorragendes Instrument für Schulleiter/innen, um ihr Kollektiv zu formen. Und trug nicht unerheblich zu den guten Noten bei.
  • In Spezialschulen wurden unerbittlich die Talente (Fremdsprachen, Sport, Naturwissenschaften, Mathematik) einseitig gedrillt.

Abschließend, um Missverständnisse zu vermeiden, verweise ich auf Claudia Rusch:

“Deutlich zu benennen, welche Strukturen, Manipulationen und Repressalien das System bestimmt haben, heißt ja keineswegs, das dort stattgefundene Leben aller gleich mit zu verdammen.

Zum Umgang mit der DDR in Brandenburgs Schulen nach der Revolution.
Zum Mythos, Finnland hätte das DDR-Schulsystem übernommen.
Freya Klier über Schule in der DDR

Update 31.7.2014:

In der FAZ v. 31.7.14, S. 6,  interviewt die Bildungsredakteurin Heike Schmoll den emeritierten Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth: „Ein blamables Ergebnis für die Gymnasien“ (Gegen Gebühr im FAZ-Archiv). Am Rande erwähnt Prof. Tenorth auch das Schulsystem der DDR: Der Anteil der Arbeiterkinder auf der Universität habe in den 80er Jahren bei 8%, in der Bundesrepublik bei 16% gelegen. Die kurze zweijährige Oberstufe war eingebettet in propädeutische Klassen in 8 und 9 und in Spezialschulen. Das Hochschulsystem unterschied sich stark vom westdeutschen: Es gab Seminargruppen, d. h. eine Fortsetzung der Oberstufe. Die Selbständigkeit, die schon von westdeutschen Erstsemestern abverlangt wurde, war nicht nötig und vor allem nicht erwünscht.

 

 

 

 

 

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2 Kommentare zu „Vom „Guten“ der DDR-Schule

    […] Siehe im Blog auch hier! […]

    […] Beim Schreiben dieses Postings habe ich meinen Text “Vom Guten der DDR-Schule” wiedergelesen, Wer hineinschauen will. […]

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