Wer ist schuld am Ersten Weltkrieg?

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Auch nach hundert Jahren besteht keine Einigkeit darüber, wer die Schuld am Ersten Weltkrieg hat. Im Buch „Die Schlafwandler“ von Christopher Clark hat es den Anschein, dass alle Mächte und auch kleinere Staaten ihren Anteil an der Entfesselung dieses Krieges hatten. Jeder fühlte sich vom anderen bedroht, es gab in jeder Regierung Befürworter und Gegner einer bewaffneten Auseinandersetzung.

In Deutschland scheint man sich mit der Alleinschuld, wie sie schon im Versailler Vertrag festgelegt worden war, abgefunden zu haben, obwohl es, wie Clarks kommentiertes Quellenverzeichnis zeigt, schon seit den zwanziger Jahren Bücher auch renommierter angelsächsischer Autoren gab, die zu einem ausgewogeneren Ergebnis kamen als Fritz Fischer mit seiner These von der deutschen Alleinschuld.

Der Politologe Peter Graf Kielmansegg wählt einen multiperspektivischen Ansatz, um aus der geschichtspolitischen Sackgasse des anscheinend unlösbaren Streits herauszukommen. Er übernimmt die Methode des amerikanischen Politikwissenschaftlers Graham T. Ellison, mit der dieser die Kuba-Krise  untersucht hat. Allison beschreibt die Entscheidungsprozesse in Washington dreimal, jedesmal aus einer anderen Perspektive. Jede Beschreibung ergibt ein anderes Bild der Verantwortlichkeiten. Prof. Kielmansegg fragt sich, ob komplexe historische Ereignisse möglicherweise nicht mit einem einzigen Narrativ erklärt werden können. Er geht die Entscheidungen, die zum Ersten Weltkrieg führten, aus ebenfalls drei Perspektiven durch:

  • Was waren die Handlungsspielräume aus der Sicht der Handelnden: Wie haben sie ihre Optionen wahrgenommen?
  • Aus der Sicht eines Betrachters: Welche Möglichkeiten hätte es gegeben? Welche wurden von den Handelnden gewählt?
  • Die systemische Bedingtheit: Wie sehr waren die Entscheidungen determiniert durch miteinander konkurrierende Staatensysteme, die geprägt waren von ähnlichen Denk- und Verhaltensmustern, bei denen es darum ging, Vorteile gegenüber anderen zu erlangen. Zu den systemischen Bedingtheiten zählt auch die geopolitische Mittellage des Deutschen Reiches.

So beschreibt er die Schlüsselentscheidungen im Juli 1914. Er kommt zu unterschiedlichen Akzentuierungen der Schuldfrage. Die drei „Rekonstruktionen“ der Julikrise widersprächen sich nicht. Sie zeigten aber, dass ein einfaches Urteil der Wirklichkeit nicht gerecht würde.

Peter Graf Kielmansegg, „Schuld und Halbschuld“, FAZ 30.6.2014, p. 106. Ich hoffe, dass der Link noch einige Zeit funktioniert, daher erspare ich mir eine weitergehende Zusammenfassung des Textes.
Nachtrag:
Wenn ich lese, wie sehr Putin-Sympathisant/-innen dessen Einkreisungsängste durch die angeblich so aggressiven NATO- und EU-Imperialisten verstehen, wundere ich mich wieder einmal, wie volatil die Argumentation ausfällt: Die deutschen Einkreisungsängste vor dem Ersten Weltkrieg werden von deutschen Historikern mit sehr viel weniger Verständnis betrachtet. Und zwar nicht nur vom TV-Professor Guido Knopp, der den Kaiser und seine Großmannsehnsucht für die Kriegsursache hält (Sendung „100 Jahre“, Phoenix, 24.04.2000, 23,20 Uhr).
Sean McMeekin in:  „Juli 1914. Der Countdown in den Krieg“, sieht ähnlich wie Clark, in allen europäischen Hauptstädten Akteure am Werk, die auch einen Krieg in Kauf nehmen. Nachsichtig ist er mit Serbien, das nur einen lokalen Krieg, keinen Weltkrieg gewollt hätte. (Weiß er von den serbischen Massakern und den Untergrundkämpfern in Albanien und anderswo auf dem Balkan?), London hätte eine unklare Position eingenommen, Wien wollte es den Serben zeigen. Der deutsche Blankoscheck als Rückendeckung für Wien war verheerend, dabei war das Reich keineswegs in einer günstigen Lage: Russland hatte sich von der Niederlage gegen Japan erholt, Frankreich führte gerade die dreijährige Wehrpflicht ein. Russland (teil-)mobilisierte schon am 22. Juli, geheim, aber in Absprache mit Paris. Wogegen Berlin seine Mobilmachung hinauszögerte und erst auf die öffentliche russische vom 29.7. antwortete (FAZ-Rezension 12.7.14).
Nachtrag:
Ich bin erstaunt, wie verbissen Historiker Winkler und Wehler, die ich bisher schätzte an der deutschen Alleinschuld unter Berufung auf Fischer festhalten. Warum ist das Interesse an Akten, Zeitungsmeldungen und Tagebüchern aus den anderen europäischen Hauptstädten so gering? Winkler sieht es ganz offen geschichtspädagogisch. Wenn man die deutsche Alleinschuld am Ersten Weltkrieg in Frage stelle, käme demnächst der Zweite Weltkrieg dran.

Der Historiker Philippe Simonnot hat ein schmales Bändchen über die französische Verantwortung am Ersten Weltkrieg geschrieben. Es ist bemerkenswert, wie klar manche voraussahen, dass die damalige Lösung der Kriegsschuldfrage mit den dazu nötigen Manipiulationen in einen neuen Krieg münden würde. Simonnot beschreibt, wie sehr das in der Kaiserzeit zur wirtschaftlichen Großmacht gewordene Reich den anderen Großmächten ein Dorn im Auge war und wie Frankreich Serbien und Russland aufrüstet, um, wenn es anders nicht ging, in einem militärischen Konflikt das Reich durch einen Zweifrontenkrieg zu schwächen.

Ich kann verstehen, warum Ernst August Winkler gegen Clark polemisiert: Wenn die schon ab 1919 vorhandene revisionistische Betrachtung von Versailles stärker wahrgenommen wird, gerät das vorherrschende deutsche Narrativ zum Ersten Weltkrieg und der Zwischenkriegszeit 1919 bis 1939 ins Rutschen.

Der Historiker Dominik Geppert über die deutschen geschichtspolitischen Kontroversen in der Folge des Clark-Werkes in der Süddeutschen Zeitung: „Die Geschichte ist schon weiter„.

Nachtrag April 2016:

Der Philosoph Werner Röhr erweckt in seinem Buch „Hundert Jahre deutsche Kriegsschulddebatte“ die marxistischen Stereotypen zu neuem Leben: Das Großkapital, die Klassengegensätze, der Imperialismus, Aggression nach außen als Ablenkung von sozialen Problemen im Innern.

Die Politik der anderen europäischen Staaten interessiert Röhr nicht. Was ist schon von einem Wissenschaftler zu erwarten, der die Wiedervereinigung als „Eroberungsprogramm“ versteht?

Nachtrag Dezember 2016

In der FAZ vom 30.11.16, p N3, spricht Lorenz Jäger von „atemberaubenden Schlussfolgerungen“ des Historikers Rainer F. Schmidt. Der habe in dem Aufsatz „Revanche pour Sedan – Frankreich und der Schlieffenplan. Militärische und bündnispolitsche Vorbereitung de Ersten Weltkrieges“ herausgearbeitet, dass Staatspräsident Poincaré den deutschen Schlieffenplan kannte. Der sah bekanntnlich vor, dass das Reich, wenn es denn zu einem Krieg käme, ein Zweifrontenkrieg unbedingt zu vermeiden wäre. Zuerst müsse Frankreich bekämpft und dann erst der Krieg im Osten fortgesetzt werden. Ein gleichzeitiger Krieg an beiden Fronten müsse vermieden werden.

Genau dies aber war die französische Strategie. Frankreich wollte die Niederlage 1871 rächen und Elsass-Lothringen zurückholen (Revanche pour Sadova/Sedan!) Poincaré gab dem Zaren neben Beistandszusagen Darlehen für die Verbesserung der militärischen Infrastruktur, z. B. den Bau strategischer Eisenbahnlinien nach Westen.

Der deutsche Generalstab sah, dass ihm durch die russische Aufrüstung die Zeit davonlief. Nach der russischen Mobilmachung wusste man sich nur noch durch Angriff auf Frankreich unter Verletzung der belgischen Neutralität zu helfen. Poincaré hatte jetzt den erhofften gleichzeitigen Zweifrontenkrieg.

Wer wollte, konnte das so ähnlich schon bei Simonnot (s. o.) lesen.

Nachtrag 2017
Die Anhänger der Alleinschuldthese der Deutschen lassen nicht locker. Jetzt kritisieren der linke Filmregisseur Klaus Gietinger und der linke Journalist, Trotzkist und Ex-PDS-MdB Winfried Wolf, dass Clark die Deutschen von ihrer Schuld erlöse. Das Buch ist laut FAZ polemisch, es erkläre Russland für unschuldig und bagatellisiere gleich noch den „Anschluss“ der Krim an Putins Reich.

 

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Ein Kommentar zu „Wer ist schuld am Ersten Weltkrieg?

    […] gab schon 95 Jahre vor Christopher Clark, Bücher, in denen beschrieben wurde, dass alle beteiligten Staaten, in diesen Krieg […]

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