Barockfaschismus oder: Der unverkrampfte Blick auf Potsdamer Baukultur

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heiliggeistkirche
Turm der  Heiliggeist- kirche.

Wieder einmal Potsdamer Tagebuch: Es gehört zum guten Ton unter Journalisten, Architekten und Potsdamer „Linksalternativen“ an Potsdams Baukultur herumzumäkeln. Die Linksextremen werden schon nervös, wenn für die Touristen friderizianische lange Kerls aufmarschieren. Da erhöbe das militaristische Preußen sein revisionistisches Haupt. Das geht dann bruchlos über in die Ablehnung von Sichtachsen und „faschistischer“ Barockarchitektur. Zwar gibt es mehr Rokoko und Klassizismus in Potsdam, aber wer wird denn nickelig sein, wenn es um größere gesellschaftliche Ziele geht.

Dass Architekten sauer sind, wenn sie nur restaurieren sollen statt kreativ zu sein, ist nachvollziehbar; es geht um Beruf, Ruf und Einkommen.

Auch Journalisten bürgerlicher Zeitungen, nicht nur Linksextremisten, machen sich lustig über Sichtachsen und zu viele Barockbauten. Sogar in der FAZ durfte einer schimpfen, dass am Alten Markt, neben Landtagsschloss und Nikolaikirche zwei, drei historische Palastfassaden wieder errichtet werden. Statt Sozialwohnungen soll es darin überdies teure Eigentumswohnungen geben. Ein Artikel dieser Art erschien gerade im Produkt „Immobilien“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Dieser redaktionelle Teil ist eine Beigabe zu den Immobilienanzeigen für hochkarätige Villen in Düsseldorf, Hamburg oder Frankfurt. Meist enthält er Interviews mit Immobilienmanagern. Es sollte wohl ein Bericht aus Potsdam sein, aber es fällt mir schwer zu glauben, dass der Verfasser wirklich in Potsdam war, schreibt er doch vom „restaurierten Lustgarten“. Auch kapriziert er sich auf den angeblich rückwärts gewandten Wiederaufbau der historischen Mitte, den er gegen fehlenden Wohnraum ausspielt. Er kennt augenscheinlich kein anderes Baugebiet der Stadt. Dass er den Baudezernenten – für den ich wenig Sympathie empfinde – „hinausposaunen“ statt etwas „sagen“ lässt, zeigt, dass der junge Mann auch keine Ahnung davon hat, wie man einen Bericht schreibt. Schlimmer finde ich nur noch, dass die Redaktion so etwas durchgehen lässt. Anscheinend ist es egal, was im Immobilienteil steht, Hauptsache das Anzeigengeld fließt.

Ich finde es schade, dass die vielfältigen Einflüsse der historischen europäischen Baustile, die in Potsdam zu besichtigen sind, so wenig geschätzt werden: griechisch-römische, italienische und normannische Architektur, Bauten im Renaissancestil, sogar ein wenig Jugendstil und Bauhaus gibt es, und nicht zuletzt die englischen Parks und die barocken Gärten. Immerhin, eine Million Touristen kommt jährlich nach Potsdam und nicht nach Halle-Neustadt, Berlin-Marzahn oder Eisenhüttenstadt, wo man unverkrampft auf sozialistische Baukultur schauen könnte.

Gegen modernen Städtebau habe ich nicht das Geringste. Wie viele Touren habe ich gemacht, nur um moderne Bauten bewundern zu können, in Rotterdam, in New York, in London, in Miami und anderswo. Ich mag Zeha Hadid, Rem Kohlhaas und Richard Meier. Ich finde aber auch manches misslungen, die Bauten am Potsdamer Platz in Berlin etwa, den langweiligen BER-Flughafenterminal, den fliegenden Ziegelstein des Entwurfs der neuen Berliner Zentralbibliothek, die Gegend um den Berliner Hauptbahnhof.

Zurück zu Potsdam: Wo gibt es sehenswerte moderne Bauten? Der Hauptbahnhof der Stadt? Was war der umstritten, zu wuchtig, zu groß. Ausgerechnet an dem hätte ich nichts auszusetzen, sieht man von uneinheitlicher Beschilderung in den Parkhausaufzügen ab. Das viel gelobte Theatergebäude mit dem roten Segelschiffdach? Die verblassenden roten Segel müssten mal wieder gestrichen werden. Warum sollte ich toll finden, dass am Tiefen See eine kleine Kopie des Opernhauses von Sydney steht? Gut, Friedrich II. und seine Nachfolger haben hemmungslos kopiert, aber warum ist dies gelungen und das andere nicht. Hätte man eher die Oper von Oslo nachbauen sollen oder die Elbphilharmonie? Die Außenfassade beeindruckt mich nun einmal nicht, wirklich trostlos ist aber der schwarze Innenraum. Der könnte für eine Probebühne durchgehen. Daneben steht ein hässliches Parkhaus, das allmählich gnädig von Neubauten verdeckt wird.

Der 1978 gesprengte Turm der Heiliggeistkirche wurde nach der Revolution von einem Schweizer Architekten in moderner Bauweise wieder errichtet. Als ich den Turm zum ersten Mal sah, hielt ich ihn für eine MfS-Abhörstation (siehe Foto oben links!).

Am Bahnhof hat ein einheimischer Immobilienmagnat ein Wohnviertel mit bunten, eng aneinander stehenden Würfeln hochziehen lassen, von dem Zyniker sagen, es wäre ein Slum von morgen.

Jetzt wird die „Biosphäre“ als städtebauliches Glanzstück genannt, weil es Abrisspläne gibt. Dieses Tropenhaus entstand im Rahmen der Bundesgartenschau 2001. Es enthält eine sehr sehenswerte Ausstellung tropischer Flora und Fauna, es wird gute pädagogische Arbeit dort geleistet. Es wäre schade darum. Architektonisch? Viel Glas, viel Sichtbeton. Für die Stadt ist es ein millionenteurer Zuschussbetrieb.

Es fällt mir schwer, in Potsdam ein Gebäude oder ein Viertel zu finden, das als Beispiel für bewundernswürdiges zeitgenössisches Bauen angesehen werden könnte. Egal, was und wo gebaut wird: Eintönige Fensterreihen, manchmal „französisch“ bis auf den Boden gezogen, oft lang und schmal, vom Boden bis zur Decke, egal ob gehobenes Wohnen oder Verwaltungsbauten städtischer Immobilienfirmen: eintönige, langweilige Quader.

Update September 2015: Die Potsdamer linke Szene – die „linksalternativen“ Jugendzentren, der SED-Nachfolger Linkspartei, die linksextreme Partei „Die Andere“, die Antifaschisten, ein Teil der Grünen, darunter auch zugewanderte Alt68er, ist nicht unkreativ, wenn es darum geht, zu verhindern, dass Potsdam wieder barockfaschistisch oder preußisch-militaristisch wird.

Nach ca. 15 Jahren erregter Debatte um die Gestaltung der alten Mitte um Stadtschloss/Nikolaikirche, nach runden Tischen, Planungsworkshops, Unterschriftensammlungen, Demonstrationen, parlamentarischen Beratungen und Entcheidungen war ein Konzept entstanden. Das war vom Stadtparlament so um das Jahr 2006 beschlossen worden. Seitdem wird gebaut. Man hätte jetzt erwartet, dass die Debatte ihr Ende gefunden hat. Weit gefehlt. Jetzt behaupten die Sozialisten und andere Linke, die Bevölkerung sei nicht gefragt worden. Gerne bedient man sich bei der direkten Demokratie. Der weit verbreitete antiparlamentarische Affekt – „Die da oben“, „mangelnde Transparenz“, „abgehoben“, „politische Klasse“ – bewirkt, dass man viel Aufmerksamkeit außerhalb der eigenen Kreise, vor allem in den Medien, bekommt.

Die Partei „Die Andere“ probiert das gerade einmal wieder aus. Sie gründet eine Bürgerinitiative „Die Mitte neu denken“ und beginnt wieder bei Null: Das hässliche Gebäude der Fachhochschule, das die SED über mehrere Altstadtgassen und -häuser als Klotz vor die Nikolaikirche gesetzt hatte, soll eigentlich abgerissen werden. Jetzt heißt es: DDR-Baukultur würde zerstört, alles würde dem Barockfaschismus geopfert. 25 Jahre nach der Vereinigung dürfe man doch wohl endlich unverkrampft über DDR-Baukunst nachdenken. Ein Architekt, der auf diesen Zug aufspringt, findet sich immer.

(Nachtrag April 2016: Vier Architekten der FH Potsdam kritsieren aber die Unterschriftensammlung der linken Aktivist/-innen.)

Die Zeitungen stürzen sich dankbar auf das Thema. Direkte Demokratie klingt immer gut. Was kümmert sie die parlamentarisch und nach ausgiebiger Bürgerbeteiligung 2006 zustande gekommenen Beschlüsse? Bürgerinitiative klingt auch immer gut. Dass sich eine im Stadtparlament sitzende Linksaußen-Partei hier ein außerparlamentarisches Spielbein verschafft, durchschaut nicht jeder Bürger; auch die Medien erklären das nicht. Erst Leserbriefschreiber machen die Journalisten darauf aufmerksam.

Stutzig hätte machen können, als vor ein paar Monaten bekannt wurde, dass die rot-rote Landesregierung das ihr gehörige Fachhochchulgebäude am Alten Markt nicht wie vereinbart demnächst räumt, sondern länger nutzen will, angeblich, weil neue Gebäude für die Studenten noch nicht fertig wären. Die Bürgerinitiative nutzt diese Vorlage, um gleich die gesamte Planung und die parlamentarischen Beschlüsse der letzten Jahre zur neuen Mitte auszuhebeln: Die alte, hässliche FH solle durch einen hellen Anstrich aufgehübscht werden und Kulturschaffende sollten einziehen. Es gibt in Potsdam angeblich ca. 40 Häuser, in denen Kulturschaffende eingezogen sind.

Auch die Tatsache, dass der Potsdamer Milliardär Hasso Plattner in einem am Alten Markt wieder errichteten Bürgerhaus, das im Stil des römischen Palazzo Barberini gebaut worden war, (ausgerechnet) seine Sammlung von in der DDR entstandenen Kunstwerken zeigen will, besänftigt die Linken nicht.

Ähnliches ist gerade bei der Garnisonkirche gelungen. Auch hier wurde mit mit holzschnittartiger Polemik im Black-und-Decker-Stil vor der Wiedergeburt des Faschismus gewarnt, die geschähe, wenn diese „Militärkirche“ bzw. ihr Turm wieder aufgebaut werden würde. Die SED hatte direkt neben dem Kirchengrundstück ein Rechenzentrum, einen profanen Plattenbau, hingestellt, der den Wiederaufbau jetzt behindert. Der sollte eigentlich längst abgerissen werden. Da die Finanzierung des Wiederaufbaus nicht gesichert ist, kam die Idee einer Interimsnutzung des Rechenzentrums als Kulturzentrum auf. Jetzt ziehen Kulturschaffende in den Bau ein und die Aktivist/-innen nutzen es als Versammlungsort und die Kunstschaffenden hängen ihre Parolen aus dem Fenster. Sollte es wirklich zum Wiederaufbau der Garnisonkirche bzw. des Turms kommen, ist voraussehbar, dass dieses Kulturzentrum ein starkes Argument gegen die „faschistische“ Kirche sein wird. (Die Spendenlage hat sich zuletzt erheblich verbessert. Jetzt will die Bundes-Linkspartei, wenn sie demnächst regiert, dem Bund untersagen, den Wiederaufbau zu unterstützen. In Potsdam wollen die Sozialisten durchAbstimmung im Bürgerhaushalt und ein Volksbegehren die städtische Unterstützung für die Wiedergeburt des Faschismus durch Bau des Kirchturms verhindern.)

Der Trick mit unverdächtigen „Vorfeldorganisationen“ weit ins bürgerliche Lager und in die Medien hinein zu wirken, funktionierte schon in der Weimarer Zeit und in der alten Bundesrepublik. KPD und DKP gründeten Initiativen, Verbände und Organisationen mit unverdächtigen Namen, vor allem aus dem Kreis von Kulturschaffenden. Was man nicht wusste oder wissen wollte: Wie oft fand sich eine hilfsbereite Mitstreiterin oder ein Mitstreiter bereit, den Vorsitz oder die Geschäftsführung in einem Aktionsbündnis zu übernehmen, weil die anderen wenig Zeit oder Lust hatten. Dass die nette, engagierte Person der DKP nahe stand oder Mitglied war, wusste man nicht oder es störte nicht. Alle waren ja für Frieden und gegen die NATO. 

Ein Glück für die Potsdamer Stadtentwicklung ist der Untergang der DDR jedenfalls. Es war geplant, weitere Gründerzeithäuser in der Jägerallee abzureißen, um Platz für neue Plattenbaubürohäuser für die Stasi-Bezirksverwaltung den Rat der Stadt zu bauen. Das Holländische Viertel war dabei gänzlich zu zerfallen. Im Lustgarten war das Ernst-Thälmann-Sportstadion entstanden. Davor war, nach Sprengung des Stadtschlosses, der für eine moderne sozialistische Großstadt unerlässliche Aufmarschplatz  geschaffen worden. Der im Stil der Berliner Stalinallee geplante sechsspurige Durchbruch Richtung Babelsberg, den der Stadtbaumeister bauen wollte, blieb zum Glück auf dem Papier.

Diese Höhepunkte sozialistischer Baukultur gibt es zum Glück nicht oder nicht mehr. Da kann man aus Dankbarkeit den

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Ein Kommentar zu „Barockfaschismus oder: Der unverkrampfte Blick auf Potsdamer Baukultur

    […] des militaristischen Preußen und folglich des Hitlerfaschismus zu erkennen glauben. Der „Barockfaschismus„, den sie in Potsdam wieder entstehen zu sehen glauben, wäre schon der erste Schritt […]

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