Lesetipp: Michail Chodorkowski, Meine Mitgefangenen

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Michail Chodorkowski wurde kürzlich nach acht Jahren Lagerhaft von Putin entlassen. Er hatte chemische Technologie studiert. 1989 wurde er Vorsitzender der Innovationsbank für wissenschaftlich-technischen Fortschritt, einer der ersten Privatbanken Russlands. Er wurde Berater des russischen Ministerpräsidenten und stellvertretender Minister für Brennstoffe und Energie. Er war Mitorganisator und Mitfinanzier des Wahlkampfes von Präsident Jelzin 1993.

1994 gründet er ein Internat für sozial benachteiligte Kinder und Opfer von Terroranschlägen.

1996 kauft seine Bank das Mineralölunternehmen Jukos für 350 Millionen Dollar und übernimmt Schulden von 3 Milliarden Dollar. Ch. wechselt von der Bank in den Yukosvorstand. Nach der Fusion von Jukos und Rosprom zum größten russischen Energiekonzern wird er Vorstandsvorsitzender und Berater des Energieministeriums. Er führt in seinem Konzern Governanceregeln nach westlichem Vorbild ein und sorgt für Sozialleistungen, stabile Löhne und einen Rentenfonds. Er gründet die Stiftung Offenes Russland, die die demokratische Entwicklung des Landes fördern soll. Die Stiftung investiert jährlich 20 Millionen Dollar in Projekte der Bildung, Wissenschaft, des Gesundheitswesens und der Kultur.

2003 greift Putin vor laufenden Kameras Ch. scharf an. Es geht um Korruption in der russischen Businesselite. (Putin wurde in den Jahren der Privatisierung russischen Staatsvermögens selbst Millionär; GS).

Exxon Mobile verhandelt mit Yukos über den Kauf von 25% der Aktien.

Ch. unterstützt die liberale Partei, die Kommunistische Partei und Putins Einiges Russland finanziell.

Der Sicherheitschef von Yukos wird wegen Mordes angeklagt. Man will ihn zu einer Falschaussage gegen den Yukosvorstand zwingen. (Ein in Russland bis heute übliches Verfahren, um unliebsame Personen ins Gefängnis zu bringen. Er weigert sich, falsche Aussagen zu machen, trotz intensiver Verhöre und Drogenverabreichung; GS)

Ch´s Geschäftspartner Platon Lebedew wird wegen angeblicher Steuerhinterziehung verhaftet

Die Fusion von Yukos und dem Energiekonzern Sibneft wird vom russischen Kartellamt genehmigt. Putin hebt die Entscheidung nach einem Gespräch mit dem Rosneft-Hauptaktionär Roman Abramowitsch auf.

2003 wird Ch. verhaftet. Er und sein Partner Lebedew werden wegen angeblicher Steuerhinterziehung und schweren Betrugs verhaftet. Auch eine ehemalige Juristin des Konzerns wird verhaftet, wegen Geldwäsche angeklagt und trotz ihrer zwei Kinder über sechs Jahre in Lagerhaft gehalten. (Das russische Strafvollzugsgesetz sieht für Mütter mit Kindern Hafterleichterungen vor.)

Eine Yukos-Tochterfirma wird zwangsversteigert, um angebliche Steuerschulden des Konzerns zu begleichen. Eine völlig unbekannte Firma erhält den Zuschlag zu einem weit unter dem Marktpreis liegenden Wert. Drei Tage später kauft Abramowitschs Rosneft die Firma. Ch. und Lebedew werden zu je neun Jahren Lager verurteilt wegen Steuerhinterziehung und schweren Betrugs. Die Strafe  wird später auf acht Jahre reduziert. Das Lager ist tausend Kilometer von der Familie und den Anwälten entfernt.

Die deutsche Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger legt dem Europarat einen Report vor, in dem das Gerichtsverfahren als Instrument staatlicher Einschüchterung charakterisiert wird und die Absicht verfolge, die Kernindustrien wieder in den Besitz des Kremls zu bringen.

Die Stiftung Offenes Russland wird auf Veranlassung des Kreml aufgelöst.

Der Justitiar von Yukos wird wegen Geldwäsche und Unterschlagung verhaftet. Medizinische Behandlung soll er erst dann erhalten, wenn er gegen Ch. aussagt. (Er wird später einige Monate nach seiner Haftentlassung sterben.)

2007 wird eine neue Anklageschrift gegen Ch. und Lebedew, diesmal wegen Geldwäsche und des Diebstahls von Öl aus der eigenen Firma im Wert von 20 Mrd Dollar, aufgesetzt. Diese Klage widerspricht den Vorwürfen des Gerichts im ersten Prozess.

Ch. tritt in einen Hungerstreik, um für seinen früheren Justiziar medizinische Behandlung zu erreichen.

2008 stellt Ch. einen Antrag auf vorläufige Entlassung und Umwandlung der Reststrafe von vier Jahren in Bewährung. Das wird abgelehnt mit dem Hinweis auf angebliche Verstöße gegen die Gefängnisordnung und „mangelnden Enthusiasmus“ beim Nähenlernen. Putin bringt Ch. öffentlich mit Mord in Zusammenhang, ohne Beweise zu nennen.

2009 wird dann der zweite Prozess inszeniert. Das Gericht verurteilt Ch. und Lebedew zwei Jahre vor Ablauf der Haftstrafe aus dem ersten Prozess zu sechs weiteren Jahren Gefängnis wegen des Diebstahls von 218 Tonnen Öl und Geldwäsche.

2011 protestieren russische Intellektuelle gegen die Verurteilung. Die Gerichtssprecherin beim zweiten Prozess erklärt in einem Interview, das Urteil sei dem Richter aufgezwungen worden. Ein Berufungsgericht bestätigt, dass das Urteil korrekt wäre, reduziert aber die Strafe um ein Jahr.

2013 amnestiert Putin Ch. nach achtjähriger Haft und gibt dies beiläufig ohne Nachfragen zuzulassen am Ende einer Pressekonferenz bekannt. Ch. darf Russland verlassen. Platon Lebedew wird später nach elf Jahren ein paar Monate vorzeitig entlassen, darf aber Russland nicht verlassen.

Dies alles steht im Anhang eines Bändchens, in dem Michail Chodorkowski Mitgefangene porträtiert:

Meine Mitgefangenen, Berlin 1914.

Sie sind zuerst als Einzeltexte in der regierungskritischen russischen Zeitschrift The New Times zwischen 2011 und 2013 erschienen. Es sind kurze Fallschilderungen von meist einfachen Menschen, Dieben, Drogensüchtigen, Nazis, Unschuldigen, die korrupten Polizist/-innen, Richter/-innen, Gefängniswärter/-innen, Bürokrat/-innen ausgeliefert waren.

Da wird ein junger Mann wegen Pädophilie eingesperrt, weil er – mit Duldung der Eltern – eine  minderjährige Freundin hat. Die Miliz muss Erfolge im Kampf gegen Pädophile nachweisen. Ein Ingenieur springt ein, weil seine Chefs plötzlich verreisen müssen. Sie verschwinden mit der Firmenkasse. Der Ingenieur wird wegen Unterschlagung der Firmenkasse verurteilt. So geht das immer weiter.

Die Berichte sind sachlich – aber nicht ohne Empathie – erzählt. Erzählungen wie die „Kolyma-Tagebücher“ von Warlam Schalamov oder Solschenyzins „Ein Tag im Leben des Iwan Dennissowitsch“ bleiben wegen ihrer eindrücklichen Schilderungen des grausamen Lagerlebens länger im Gedächtnis des Lesers. Dabei sind Chodorkowskis Porträts eigentlich noch schlimmer: Er macht deutlich, was für ein Land seine Heimat auch 25 Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus noch immer ist: Es herrschen Willkür und Rechtlosigkeit, Korruption und Gewalt. Es kann jeden treffen, die Reichen und die Armen, die Gebildeten und die einfachen Leute. Für die meisten Russen ist das gesetzlose Treiben von Polizei, Verwaltung und Justiz der Normalzustand, den sie ergeben hinnehmen, so wie die Generationen vor ihnen die Zaren, Lenin und Stalin erduldet haben.

Die Hoffnung der Europäer, dass Russland ein „normaler“ Staat werden würde, mit einer funktionierenden parlamentarischen Demokratie, ein Rechtsstaat und eine Marktwirtschaft, von der nicht nur die Reichen profitieren, hat wohl getrogen.

Angesichts dessen, was Chodorkowski, aber auch andere über Russland berichten, finde ich es bedenklich – um es freundlich zu formulieren -, dass der ehemalige SPD-Vorsitzende, brandenburgische Ministerpräsident und angebliche DDR-Bürgerrechtler Matthias Platzeck gerade, angesichts des russisch-ukrainischen Krieges, in einem Spiegel-Interview zum besten gibt, nämlich dass Putin ein Demokrat wäre und das Volk aufgefordert hätte, sich kommunalpolitisch zu engagieren. Ein Wort des Verständnisses für Hunderttausende Ukrainer, die auf dem Maidan für Freiheitsrechte und gegen ein korruptes Regime demonstrierten, findet er nicht.

Wolfgang Gremp in seinem Essay „Die Oligarchen“ sieht bei Chodorkowsky allerdings nur die üblen Machenschaften eines Oligarchen.

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Ein Kommentar zu „Lesetipp: Michail Chodorkowski, Meine Mitgefangenen

    […] Michail Chodorowski, der sich nach seiner Entmachtung und Verurteilung durch Putin als Oppositioneller und Philanthrop […]

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