Empathie für Putin als Folge mangelnder Kenntnis der Geschichte Ostmitteleuropas?

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Ich glaube, dass ein wesentlicher Grund für die Empathie für Putin die mangelnde Kenntnis der Geschichte Ostmitteleuropas im 20. Jahrhundert ist.

Für viele, nicht zuletzt Journalisten, beginnt sie 1939 mit dem deutschen Einmarsch in Polen und 1941 mit dem Überfall auf die Sowjetunion mit all den entsetzlichen Untaten der deutschen Armee- und Polizeieinheiten: die Einsatzgruppenmorde, die Belagerung Leningrads, der Kommissarbefehl, das Verhungernlassen russischer Kriegsgefangener, die Deportation der Fremdarbeiter. Das alles ist so monströs, dass die Aufarbeitung der deutschen Schuld keinen Platz ließ für eine Kenntnisnahme der gesamten ostmitteleuropäischen Geschichte. 

Wer weiß schon, dass Polen und Ukrainer in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg gegen die Bolschewiki kämpften, dass Stalin, anders als Lenin, der deswegen aber noch lange kein Heiliger war, die Nationalitäten im Sowjetreich, Polen, Ukrainer, Deutsche, Tataren, Kaukasusvölker und die Juden drangsalierte (um es euphemistisch zu sagen), dass für Ukrainer die Kollaboration mit den Nazis, die ihnen die russische Propaganda und die deutsche Linkspartei heute vorwerfen, das geringere Übel im Vergleich zum Terror Stalins war. Wer weiß schon, dass ukrainische Freischärler bis in die 50er Jahre hinein gegen die Bolschewisten kämpften? Wer weiß schon viel über das von Lenin geschaffene KZ-System „GULag“, den Großen Terror Stalins 1937/38, den ukrainischen Holodomor, die Deportation der Krim-Tataren? Wer kann, wenn er die Erfahrungen mit den Russen im russisch besetzten Polen (Katyn!), dem Baltikum, der Ukraine nicht kennt, verstehen, dass dort der Hass auf die Russen und die Angst vor den Russen nach wie vor lebendig sind?

Bücher, in denen das beschrieben ist – Bloodlands, Terror und Traum. Moskau 1937, Ganz normale Bürger, Der rote Terror, haben keine große Verbreitung.

Fritz J. Raddatz musste als Zeit-Feuilletonchef gehen, als er fälschlich schrieb, dass Goethe Eisenbahn gefahren sei. Er lag zeitlich nur knapp daneben. Wenn der derzeitige Feuilletonchef Jens Jessen schreibt, dass die Ukraine doch gar keine Nation sei, offenbart er seine Ahnungslosigkeit. Das ist aber jetzt kein Grund, ihn zu feuern. Im Potsdamer KGB-Gefängnis ist nur vom Einmarsch der Hitlerfaschisten in Polen 1939 die Rede. War das damals alles?

Prof. Barberowski, Verfasser des letztgenannten der obigen Bücher, empört sich über eine Stalin-Dokumentation des mdr, die Stalin in nachkolorierten Bildern zeigt und dies, die Kolorierung, als etwas ganz besonderes hervorhebt. Man erfahre andererseits so gut wie nichts über die Hintergründe der im Film gezeigten Aktionen. Ganz zu schweigen von den vielen sachlichen Fehlern und den fehlerhaften Namen. Dafür gebe es bedeutungsschwere Musik und leeres Geschwätz. (Michael Hanfeld in der FAZ dagegen ist sehr angetan. Jetzt muss ich mir den Film wohl selbst anschauen; siehe unten.)

Beeinflusst wird das unkritische Russlandbild auch durch die Situation in Ostdeutschland: Knapp 15 Millionen Deutsche durchliefen eine Sozialisation, in der die stalinistischen Verbrechen verschwiegen wurden und ein verlogener Antifaschismus zelebriert wurde. Wie vernebelt manche Gehirne noch immer sind, zeigt, dass ein NVA-Veteranenclub den 8. Mai, den Tag der Befreiung, 2014 in voller Montur feiern wollte; gefühlt hat man wohl mitgekämpft.

Da zeigt sich eine Kontinuität kollektiver deutscher Einstellungen zu Ostmitteleuropa: Die Völker und Staaten zwischen Deutschland und Russland, die Polen, Rumänen, Esten  und all die anderen, zählen nicht. Ihr Territorium ist Kornkammer, Kolonialland, Siedlungsgebiet, Reichskommissariat. Ihre Bewohner einfache Menschen, die für die deutschen Herren Hand- und Spanndienste leisten. Eine Begegnung in Augenhöhe ist nicht vorgesehen.

(Ein Teil des Textes wurde schon in einem anderen Beitrag verwendet.)

Nachtrag 1.6.14: Ganz so negativ wie Barberowski sehe ich den Film nicht, jedenfalls im Vergleich zu anderen historischen TV-Dokumentationen. Es scheint eine französische Produktion zu sein. Als historischer Berater wird Nicolas Werth genannt, wahrlich kein Unbekannter unter den Russland-Kennern. Es fehlen – wohltuend – die üblichen zerstückelt eingeschobenen Zeitzeugeninterviews und Professorenkommentare.

Es ist halt wie fast immer bei TV-Dokumentationen: Man braucht Bilder. Also sieht man geschlagene fünf Minuten die Schlacht um Stalingrad, weitere fast zehn Minuten den restlichen Zweiten Weltkrieg. Die im Untertitel stehende Frage: „Wie war er einer der Mächtigsten Männer der Welt geworden?“ wird durch Bilder von schießenden Panzern und einstürzenden Gebäuden nicht beantwortet. Warum Stalin Massenmörder wurde, kann man mit Bildern halt nicht so gut erklären, wie mit einem analytischen Text..

Manches, was Stalin zugeschrieben wird, war schon bei Lenin da, etwa der Kreuzzug gegen die Kirche. Antisemit wurde Stalin nicht erst Ende der 40er, das war er schon immer. Der KGB-Chef wird Leschow statt Jeschow genannt.

– Link: Der Ukrainekonflikt. Bemerkungen aus zeithistorischer Perspektive von Jan C. Berends

Update April 2015: Der Deutsche Historikerverband hat eine deutsch-ukrainische Historikerkommission geschaffen, die der in Deutschland weit verbreiteten Unkenntnis der ukrainschen Geschichte abhelfen soll.

Es ist zu hoffen, dass dann solche Peinlichkeiten wie der Aufruf von Frau Vollmer und Herrn Teltschik unterbleiben. Die beiden Hobby-Historiker und 68 weitere Persönlichkeiten, bemühen die Nachkriegsordnung des Wiener Kongresses und das bipolare Denken des Kalten Krieges zum Verständnis des Handelns von Putin. Nur von der Ukraine selbst ist nicht die Rede in ihrem Text.

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2 Kommentare zu „Empathie für Putin als Folge mangelnder Kenntnis der Geschichte Ostmitteleuropas?

    Basedow1764 sagte:
    29/05/2014 um 9:02 am

    Da ist etwas dran! In der Zeit des Kalten Krieges überwog die Angst vor den „Soffjetts“, wie Adenauer sie nannte. Stichwort „Fulda Gap“: Die NATO ging z. B. davon aus, dass Westdeutschland konventonell nicht zu verteidigen war.
    Nach dem Zusammenbruch der UdSSR und mit dem freundlichen Michail Gorbatschow kam die Erwartung, dass Russland ein normaler, demokratischer Staat in der europäischen Völkerfamilie werden würde. Inzwischen zeigt sich, dass die Prägung durch siebzig Jahre Kommunismus unterschätzt wurde. Stalin erlebt sogar eine Art Renaissance! (Zudem noch wirksam: Zarenreich, Religion) Bücher, wie „Secondhand-Zeit“ von Swetlanna Alijewitsch machen dies deutlich.

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    zrwd sagte:
    29/05/2014 um 7:28 am

    sehr guter Kommentar!

    Meine allerdings, dass es sich vor 1990 anders verhielt.

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