Russische Propaganda erfolgreich

Gepostet am Aktualisiert am

Erst dachte ich, ich hätte mich verlesen. Da gab es eine Sendung von zwei ARD-Journalisten aus der Redaktion des angeblich medienkritischen Magazins ZAPP, die den deutschen Medien vorwarfen, zu kritisch mit dem russischen Präsidenten Dr. Wladimir Putin und seiner Ukraine-Politik umzugehen. (Steht leider nicht mehr in der Mediathek)

So kann man sich täuschen. In meiner Wahrnehmung war das Gegenteil der Fall. Sowohl in der Gesellschaft als auch in den Medien nehme ich viel Verständnis für Russland wahr. Lange Zeit fand ich die gründlicheren Analysen und informativen Reportagen in der ausländischen Presse. Unsere Star-Publizisten Jakob Augstein, Jens Jessen, Alice Schwarzer sagten uns, was sie dachten, ohne sich allzusehr mit Informationen zu belasten. Der Spiegel brauchte eine Anlaufzeit, bevor er ausgewogen berichtete. In die taz verirrt sich schon einmal eine informationsgesättigte Stellungnahme, aber dann wird auch wieder – im Zweifel links – aus dem Satz eines einzelnen Pro-Russen – „Die Faschisten in Kiew begehen in der Ostukraine Völkermord“ – ein Reportage-Fazit gemacht. Man muss diesen Artikel genau lesen, um herauszukriegen, dass das ein Zitat ist, und nicht(?) die Auffassung des Tazlers.

Ausgiebig wurde über verständnisvolle ältere SPD-Politiker berichtet, Eppler, Schmidt, Bahr, Schröder, Clement, Platzeck und von Industriebossen, die in Russland Geschäfte machen wollen. Linksparteiler/-innen übernehmen die Sprachregelungen der russischen Propagandaindustrie und reden von Faschisten, die in Kiew regieren würden. Sie sind ja einschlägig sozialisiert: der antifaschistische Schutzwall, der faschistische Aufstand vom 17.6.1953, die „Faschisierung“ der BRD (So zuletzt der zurückgetretene brandenburgische Justizminister Schöneburg).

Nachtrag 10.9.: Dass der seinerzeit von der SPD eingesetzte Bundeswehr-Genalinspekteur Kujat die NATO der Lügen über Russlands Anteil am Ukrainekrieg bezichtigt, ist bemerkenswert. Darüber hätte ich gerne mehr erfahren. Schließlich war Herr Kujat in höchsten NATO-Gremien tätig und hat nie vorher etwas von seinem Zweifel an der NATO und seinem Verständnis für Russland verlautbart.

So hatte es auch Dr. Gysi in der Schule gelernt. Deswegen fuhr er sogleich nach Moskau. Ob er Marine Le Pen, auch eine Putin-Versteherin, traf? Er ließ sich darüber informieren, dass die Wiedervereinigung Deutschlands der gleiche Vorgang gewesen wäre wie die Wiedervereinigung Russlands mit der Krim. Ersteres habe Russland unterstützt, jetzt, bitteschön, seien die Deutschen am Zug.

Hier im Osten quellen die Leserbriefspalten über mit Solidaritätsadressen an die ruhmreiche Sowjetunion, die den Faschismus besiegt hätte, der jetzt in Kiew wieder sein Haupt erhöbe. (Dabei unterstützt von der Bundesregierung, wie der Linksparteivorsitzende Riexinger zu wissen glaubt.) In den Kommentarspalten der sog. sozialen Netzwerke – auch in diesem Blog – gab es auffällig viele, gleichlautende Texte, die man schon auf Russia Today, Putins PR-Agentur, gelesen hatte.

In dem englischen Politikmagazin Prospect las ich, dass man dieses Phänomen auch im Vereinigten Königreich festgestellt hatte: Eine anscheinend gesteuerte Kampagne, hieß es. Nun kommentieren 95-98% der Bürger/-innen nicht in den digitalen Medien. Es ist eine Minderheit, der größere Teil versteckt sich zudem hinter Pseudonymen, zum Teil mehrfachen. Da genügen 50 bis 150 Kommentare, um eine Mehrheitsmeinung zu suggerieren. (Siehe dazu einen neueren Beitrag!)

Aufmerksam wurde ich auf das Werk der beiden ZAPP-Journalisten durch den Offenen Brief des langjährigen ARD-Moskau-Korrespondeten Boris Reitschuster. Er beschrieb, dass er 16 Jahre lang die verzerrte Darstellung der politischen Realität im russischen Fernsehen erleben durfte und sich oft wie in einem Kafka-Roman vorgekommen sei. Dieses Gefühl hätte er auch jetzt wieder beim Anschauen russischer TV-Sendungen.

Er warf den beiden ZAPP-Journalisten vor, einseitig berichtet zu haben. Dabei räume das Fernsehen Russia Today viel Raum ein. Er wundert sich über den Vorwurf, die Talkshows seien kremlkritisch und führt an, dass in der Regel der russische Botschafter und Putin-Vertraute eingeladen wurden, nie jedoch der ukrainische Botschafter. Zu ihrer Kronzeugin Gabriele Krone-Schmalz, früher Moskau-Korrespondentin, jetzt Lobbyistin für russische Firmen, hätte es keine Gegenstimme gegeben.

Boris Reitschuster hoffte, dass die ZAPP-Journalisten in einem neuen Beitrag andere Meinungen zu Wort kommen lassen würden. Er schließt mit der Bemerkung: „Als Moskau-Korrespondent …, der sich intensiv mit Manipulationen der öffentlichen Meinung durch den Kreml und Propaganda befasst (und dafür mit dem Tode bedroht und regelmäßig angegriffen wird) stehe ich Ihnen gerne für Auskünfte zur Verfügung.“

Die Antwort der Zapp-Redakteure ist eine Mischung aus Trotz und Herablassung. Frau Krone-Schmalz hätte sie halt überzeugt, mit dem, was sie sagte. Auch sie hätten von dem Vorwurf manipulierter Kommentare gehört, aber das sei schwer zu quantifizieren. (Vgl. meinen Eindruck vom digitalen Pro-Putin-Shitstorm) Zur Zusammensetzung der Talkshowrunden hätten sie überhaupt nichts gesagt, ihnen seien aber die Titel der Talkshows zu kremlkritisch formuliert gewesen. Ihre Entgegnung zur Schlussbemerkung Reitschusters trieft vor Arroganz: Sie hätten großen Respekt vor seiner Arbeit.

Von einem medienkritischen Magazin hätte ich erwartet, dass es  z. B. aufklärt, dass Russia Today (RT) als Beleg für die Massenflucht der Ostukrainer vor der „faschistischen“ Kiewer Armee Bilder vom regen normalen Einkaufsverkehr mit entsprechenden Autoschlangen an der polnisch-ukrainischen Grenze zeigt. Oder: Während ein RT-Sprecher verkündet, dass ukrainische „Faschisten“ den in einem brennenden Gebäude in Odessa eingeschlossenen prorussischen Kämpfern den Weg nach draußen versperren, zeigt (sogar) der Film, dass genau diese Kräfte das Gegenteil tun. Oder: Die Zeugin „faschistischer“ Gewalt, die in verschiedenen Rollen die mal in Odessa, mal in Charkiv auftritt.

Ich habe in deutschen Medien im Zusammenhang mit der Ukrainekrise noch nie gelesen oder gesehen, dass daran erinnert wurde, dass Stalin 1932/33 3-4 Millionen ukrainischer Bauern verhungern ließ, weil er ihnen die Ernten stahl. Danach siedelte er auf den frei gewordenen Höfen Russen an. Anfang der 50er Jahre gab es Deportationen von Ukrainern nach Sibirien.

Auf der Krim ließ Stalin die Krimtataren verschleppen oder umbringen und siedelte stattdessen ebenfalls Russen an. Den Gedenktag an diese Deportation hat Putin auf der Krim sofort verboten. Sofern es dennoch zum Gedenken kam, griff die Polizei ein. Krimtataren, die die Krim verlassen wollen, dürfen mit ihren ukrainischen Pässen nicht ausreisen, Vertreter russischer krimtatarischer Organisationen dürfen die Ukraine nicht betreten. Krimtataren beklagen das Verschwinden von Menschen seit die Krim wieder russisch ist.

Nachtrag 23.6.14: Putin-Versteher/-innen erzählen gerne, dass Europäer nicht in Augenhöhe mit Russland sprächen, dass Russen deswegen gekränkt wären, dass man Russland durch die aggressive EU- und NATO-Politik einkreise usw.

In Deutschland bemühen sich aber zahlreiche Institutionen um einen Dialog mit Moskau. M. E. gibt es das in diesem Ausmaß in keinem anderen Land. Maßgeblich ist das Deutsch-Russische Forum e. V., in dem die Mehrzahl der zum Aktienindex DAX gehörenden Konzerne vertreten ist. Dem Kuratorium gehören Manfred Stolpe, Ex-MP Brandenburgs und die ehemalige Moskauer ARD-Korrepondentin Gabriele Krone-Schmalz an, die für russische Firmen tätig ist. Zu den Aktivitäten des Forums gehören Schüler-  – insbesondere Abiturienten -, Jugend- und Journalistenaustausch. Das Forum organisiert den „Petersburger Dialog“, der von Putin und Schröder initiiert wurde

Die jährlichen Potsdamer Begegnungen in der Brandenburger Staatskanzlei sind hochkarätige Kongresse, auf denen z. B. davon durchaus davon die Rede ist, dass Putin in der Ostukraine ein Feuer entzündet habe, das bald auf Russland übergreifen könnte, dann nämlich, wenn russische Geheimdienstleute, Tschetschenienkämpfer, Kleinkriminelle und Rechtsradikale, die jetzt in der Ostukraine angeblich für die Befreiung der von den angeblichen Kiewer Faschisten und Antisemiten unterdrückten Bevölkerung kämpfen, frustriert nach Russland zurückkehren würden. Aber auch deutsche Professoren erhalten das Wort, die nachweisen wollen, dass die angeblich freien deutschen Medien nur gegen die ostukrainischen Freiheitskämpfer Stellung bezögen und die Verbrechen der Kiewer Regierung ignorierten. Spiegel-Kolumnist Jakob Augstein ist da schon deutlicher. Das von ihm finanzierte linke Blatt „Der Freitag“ spricht vom „politisch-medialen Komplex“ der gleichgeschalteten deutschen Medien“. Herr Augstein war noch nie in seinem Berufsleben gezwungen, sein Geld mit sachkundigen Reportagen zu verdienen.

Dem Petersburger Dialog wirft die CDU/CSU vor, eine einseitige Veranstaltung zu sein.

Siehe auch im Blog hier, hier und hier.

Update 1.6.14: Da ich das medienkritische ARD-Magazin ZAPP bisher noch nie gesehen habe, ist mir wahrscheinlich auch ein kritischer Beitrag über die Berichterstattung deutscher Medien im Gazakrieg verborgen geblieben. Den muss es wohl  gegeben haben, wenn man diese Untersuchung kennt.

In diesem Zusammenhang nicht uninteressant:

Eine Plakattafel auf der Krim, mit der für das Referendum geworben wurde. Der Text lautete:

Die Alternative: Die Krim bleibt faschistisch oder sie kommt zu Russland.

Krim

 aus: Prospect, April 2014
Der Offene Brief von Boris Reitschuster
Boris Reitschuster über die Ostukraine. Sein Blog 

Erinnert sich noch jemand? 1968 beim Einmarsch der Russen in die CSSR, war es angeblich auch die NATO, der Russland zuvorkommen musste.

Update November 2014: Russland baut seine Propaganda im Westen aus. Insbesondere in Deutschland hat man erkannt, dass sowohl links als auch rechts, bei Pazifisten, Globalisierungsgegnern, USA-Kritiker/-innen. Ein ndr-clip über den neuen deutschen TV-Sender Putins.
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