Das Buch zum Verständnis der deutschen Putin-Versteher/-innen

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Das Buch zur geistesgeschichtlichen Einordnung der deutschen Putin-Versteher hat Gerd Koenen schon 2005 geschrieben: Der Russland-Komplex. Die Deutschen und der Osten 1900 – 1945:

Koenen sieht eine „Hassliebe“ deutscher Intellektueller, Linker wie Rechter, zu Russland, eine Faszination, die trotz des Bolschewismus existiert oder diesen gar einschließt. Der gemeinsame Feind sind dabei der dekadente Westen und der Parlamentarismus (Rezensionen auf Koenens Homepage).

Ich glaube, dass es noch einen weiteren Grund gibt, warum so viel Empathie für Putin herrscht: Es ist die mangelnde Kenntnis der Geschichte Ostmitteleuropas im 20. Jahrhundert.

Für viele, nicht zuletzt Journalisten, beginnt sie 1939 mit dem deutschen Einmarsch in Polen und 1941 mit dem Überfall auf die Sowjetunion mit all den entsetzlichen Untaten der deutschen Armee- und Polizeieinheiten: die Belagerung Leningrads, die Einsatzgruppenmorde, der Kommissarbefehl, das Verhungernlassen russischer Kriegsgefangener, die Fremdarbeiter-Deportation. Das alles ist so monströs, dass die Aufarbeitung der deutschen Schuld keinen Platz ließ für eine Kenntnisnahme der gesamten ostmitteleuropäischen Geschichte.  Wer weiß schon, dass Polen und Ukrainer in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg gegen die Bolschewiki kämpften, dass Stalin, anders als Lenin, der deswegen aber noch lange kein Heiliger war, die Nationalitäten im Sowjetreich, Polen, Ukrainer, Deutsche, Tataren, Kaukasusvölker und die Juden drangsalierte (um es euphemistisch zu sagen), dass für Ukrainer die Kollaboration mit den Nazis, die ihnen die russische Propaganda heute vorwirft, das geringere Übel war. Wer weiß schon viel über das von Lenin geschaffene KZ-Syszem „GULag“, den Großen Terror Stalins 1937/38, den ukrainischen Holodomor? Wer kann, wenn er die Erfahrungen mit den Russen im russisch besetzten Polen (Katyn!), dem Baltikum, der Ukraine nicht kennt, verstehen, dass der Hass auf die Russen und die Angst vor den Russen nach wie vor lebendig sind?

Bücher, in denen das beschrieben ist – Bloodlands, Terror und Traum. Moskau 1937, Ganz normale Bürger, haben keine große Verbreitung.

Hinzu kommt in Ostdeutschland, bei knapp 15 Millionen Deutschen, eine Sozialisation, in der die stalinistischen Verbrechen verschwiegen wurden und ein verlogener Antifaschismus zelebriert wurde. Wie vernebelt die Gehirne noch immer sind, zeigt, dass ein NVA-Veteranenclub den 8. Mai, den Tag der Befreiung, 2014 in voller Montur feiern wollte; Gefühlt hat man mitgekämpft.

Siehe auch Pew Research 2015!

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Ein Kommentar zu „Das Buch zum Verständnis der deutschen Putin-Versteher/-innen

    […] Der geistesgeschichtliche Hintergrund für die deutsche Putin-Sympathie […]

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