Deportationen innerhalb der DDR: Die Aktion Ungeziefer (Aktualisierung)

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Die „Aktion Ungeziefer“ erwähnte ich zuerst vor zwei Jahren.

Jetzt zeigte die brandenburgische Diktaturbeauftragte in Potsdam den Film (HR/rbb, 2006)

Es gab kein Niemandsland. Ein Dorf im Sperrbezirk.

(Auf Youtube 4 Min.; DVD bei der Bundesstiftung Aufarbeitung erhältlich)

 

Die Einwohner der kleinen Gemeinde Großburschla an der hessisch-thüringischen Grenze lebten in der fünf Kilometer tiefen Sperrzone. Das Dorf an der Werra war auf drei Seiten von Grenzbefestigungen umgeben. Betroffen von der Deportation war auch Familie Müller aus Großburschla. Der Sohn geriet nach einer Feier im Wirtshaus mit dem regimetreuen Stabü-Lehrer aneinander. Er lief aus Zorn und Angst vor den Folgen kopflos an die Werra und schwamm einige Kilometer flussabwärts ans westliche Ufer. Nach der Flucht des Sohnes in den Westen wurden die Müllers mit Observation (5 IMs aus dem Dorf), Inhaftierung und – zwanzig Jahre später! – Deportation über den alten KZ-Bahnhof Dora in den Nordosten der DDR drangsaliert.

„Aktion Ungeziefer“ nannten die DDR-Behörden  die ersten Deportationen 1952 aus Anlass der Schließung der Zonengrenze. Solche Umsiedlungen gab es bis in die 80er Jahre, im Film war eine Liste zu sehen, in dem die Jahre 1982 und 1987 vorkamen. Heimisch wurden die Deportierten in den neuen Wohnorten selten. Ihnen ging der Ruf voraus, Kriminelle, Asoziale oder politisch unzuverlässige Elemente zu sein.

Der Film zeigt beklemmend, wie die leidvollen Erfahrungen des Lebens im Sperrgebiet die Menschen von Großburschla bis heute berühren.

Eine nennenswerte  juristische Aufarbeitung der Deportationen gibt es nicht. Auch Entschädigung für Enteignungen gab es nicht immer und wenn, in geringem Umfang.  Die wiedergutmachung der Enteignungen auf Grund von Deportation bis Anfang der 50er Jahre ist im Einigungvertrag nicht vorgesehen. Eine juristische Verfolgung der Deportation, die auch im „Rechtsstaat“ DDR nicht vorgesehen war und auch völkerrechtswidrig ist, gibt es nicht, Klagen wurden von Gerichten nicht akzeptiert oder endeten mit Freisprüchen.

In den Dörfern entlang der ehemaligen Zonengrenze leben heute Täter und Opfer, soweit letztere zurückgekehrt sind, nebeneinander, SED-Bürgermeister, Volkspolizisten, Grenztruppenoffiziere, MfS-Kader, IMs und andere Zuträger. Bei der Filmvorführung in der Villa Schöningen an der Glienicker Brücke waren zwei Zeitzeugen von Deportationen aus Lenzen und dem Amt Neuhaus an der Elbe dabei. Sie berichteten, dass bis heute ein Riss durch diese Gemeinden gehe.

Vertreibung Film aus der Mediathek der Point-Alpha-Stiftung (Nachtrag Mai 2017)

Nachtrag: Von einer Opferrente für die Zwangsvertriebenen in der DDR ist bisher nicht die Rede, wenn man der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft glauben darf. Auf der einen Seite gibt es immer mehr diskriminierte Gruppen in der Gesellschaft, für die sich Initiativen einsetzen, für die es z. B. Entschädigungen, Rehabilitierungen oder Renten gibt. Aber bei DDR-Opferrenten herrscht Schweigen.

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Ein Kommentar zu „Deportationen innerhalb der DDR: Die Aktion Ungeziefer (Aktualisierung)

    […] Stiftung Aufarbeitung vertreibt für 5 € eine 2006 gedrehte Dokumentation über die […]

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