4.11.89: Demonstration für welche Wende?

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Ines Geipel geht in ihrem neuen Buch „Generation Mauer. Ein Porträt“ auch auf die Großdemonstration am 4. November auf dem Berliner Alexanderplatz ein. Sie zitiert einen ihrer Gesprächspartner aus der Generation Mauer, den Schauspieler Tobias Langhoff:

„Der 4. 11. 89 hatte nichts mit Maueröffnung zu tun. Es ging um einen besseren Sozialismus. Von denen, die geredet haben, besaßen 90 % einen Reisepass.“

Die Veranstaltung war von Theaterleuten angemeldet worden und fand das Plazet der verunsicherten SED, die ihre Wende längst plante. Die Rednerliste bestand aus kritischen, aber loyalen Intellektuellen (u. a. Heiner Müller, Christa Wolf, Christoph Hein), SED-Kadern (Dr. Gregor Gysi, Generaloberst a. D. Markus Wolf, Günter Schabowski, Lothar Bisky) und wenigen Dissidenten. Biermann war die Einreise verweigert worden. Gysi träumte davon, dass die Begriffe DDR, Humanismus, Sozialismus, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu einer Einheit verschmelzen würden. Er und der Dresdner Pfarrer Schorlemmer verteidigten Egon Krenz. Heiner Müller forderte die Abschaffung von Privilegien. Rund um die Rednertribüne hatte sich Stasi im üblichen unauffälligen Zivil aufgestellt. Christa Wolf bekam laut Geipel eine Herzattacke. Am nächsten Tag sagte jene in einem Interview über die Demonstranten: „(Die Leute) wollten nicht freier leben, sie wollten besser leben.“ Marianne Birthler schreibt in ihren Erinnerungen, dass sie Christa Wolf und Markus Wolf in vertrautem Gespräch miteinander gesehen habe. Die beiden hätten sich geduzt. (Eine Verwandtschaft ihres Mannes mit M. Wolf scheint es nicht zu geben.)

Dass diese Demonstration keine echte Demonstration der unzufriedenen Bevölkerung war, ist schon länger bekannt. Die Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe, die von der SED drangsaliert und eingesperrt worden war,  erzählte z. B. vor Jahren auf einer Veranstaltung, dass sie mit Gysi und Markus Wolf im Rednerzelt hinter der Tribüne saß – worüber sie sich heute noch wundert – und miterlebte, wie die Rednerliste von den beiden aufgestellt wurde.

Ein weiterer Zeitzeuge ist Stephan Hilsberg, SDP-Gründer und später SPD-Bundestagsabgeordneter:

„Eine halbe Million Menschen, manche sprechen von einer Million, stand am 4.November vormittags auf dem Alex und wollte kernige Protest-Losungen hören, die sie bejubeln konnten. Statt dessen lobte Markus Wolf seine Stasitruppe, Christa Wolf beschwor den Sozialismus, Heiner Müller meinte den Leuten mitteilen zu müssen, dass Kapitalismus anstrengend wird. Nebenbei, da hatte er Recht, aber wer wollte das hören? Dann lobte er noch die Gründung freier Gewerkschaften. Niemand sprach davon, dass der Macht und Wahrheitsanspruch in der Verfassung fallen muss, dass die SED für Tausende von Toten verantwortlich ist, dass die Mauer das grässlichste Bauwerk Deutschlands war. Zwei Kilometer waren es bis zum Brandenburger Tor. Was wäre wohl geschehen, wenn jemand die Demonstranten aufgefordert hätte, zur Mauer zu marschieren, um sie bereits am 4.11. einzudrücken?

Die Leute buhten und pfiffen. Sie wollten die Botschaften ihrer Redner nicht hören. Jedes Mal wenn einer von ihnen sprach und wieder ausgepfiffen wurde, war wieder ein Denkmal vom Sockel gestürzt. Die eigentliche Botschaft dieser Demo ging nicht von den Rednern aus, sondern vom ablehnenden Verhalten ihres Publikums. Auch die Berliner, wie die Leipziger wollten keinen DDR-Sozialismus mehr. Sie wollten Reisefreiheit, besseren Lebensstandard, Demokratie, freie Wahlen. Wenn die Redner mal davon sprachen, Jens Reich sprach die Wahlen an, dann nur in Andeutungen.

Die Demo, so wie sie durchgeführt wurde, war der misslungene Versuch, eine Art Sozialismus in der DDR, ihre Staatlichkeit, zu retten.

Besonders augenfällig war die Reaktion von Schabowski, der es auch auf die Rednertribüne geschafft hatte. Auf den Videos von seinem Auftritt ist zu sehen, wie er geradezu aschfahl wurde, als er merkte, dass die Leute ihm nicht eine einzige seiner Botschaften abnahmen. Das nennt man stehend k.o.

Die SED war an ihr Ende angelangt. Hier am Alex zeigte sich auch, wer sie anschließend führen würde. Der einzige namhafte Genosse der wirklich Beifall erhielt war Gysi. Er konnte sich frei machen vom Mief der alten SED Politbürokratie, obwohl er Nomenklaturkader war, und bereits hochrangige Posten in der DDR bekleidet hatte.“

Ganzer Text hier!

 

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