Alte Liebe rostet nicht: Gysi und Putin

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Seit einiger Zeit höre ich morgens beim Frühstück den Deutschlandfunk (DLF) und nicht mehr den rbb-Quasselsender 88,8. Bei dem wurden die lieben Märker und Berliner 24 Stunden aufgefordert, anzurufen oder auf der rbb-Facebookseite zu schreiben, wie lange Sie Herrn Hoeneß ins Gefängnis bringen würden. (Wäre das nicht ein Modell für mehr direkte Demokratie im Strafvollzug?) Die Erträge werden uns dann weitere 24 Stunden vorgespielt (Ich übertreibe nur wenig.) Jetzt höre im DLF ausführliche Nachrichtensendungen sowie lange, ruhige Interviews und Hintergrundberichte.

Manchmal wundere ich mich aber auch über den Deutschlandfunk. So wurde kürzlich Klaus von Dohnany interviewt. Er war Beauftragter der Treuhandanstalt für die Privatisierung ostdeutscher Kombinate gewesen. Der Journalist befragte ihn.. (Ich resümiere nicht wörtlich): „War denn nicht die Treuhand schuld am Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft?“ Dohnany schildert Schwierigkeiten, gibt Beispiele für den Zustand der meisten Produktionsstätten, die Kosten der Beseitigung von Umweltschäden, die mangelnde Konkurrenzfähigkeit der Produkte usw. Er widerspricht der Schuldzuweisung. Der Reporter stellt die nächste Frage: „Kann man nicht doch der Treuhand die Schuld zuweisen?“ Dohnany erklärt erneut, mit anderen Beispielen, dass man das so pauschal nicht sagen könne. Der Journalist stellt eine weitere Frage: „Aber kann man nicht doch der Treuhand …?“. So geht das noch ein paar Mal. Ich wundere mich über die Geduld Dohnanys. Sicher ist es notwendig, dass ein Moderator kritisch nachfragt, dass er provozierende Fragen stellt, damit der Interviewte seine Sicht der Dinge darstellen kann. Auch bei der rbb-Abendschau mangelt es daran etwas, vor allem seit Elvira Siebert nicht mehr da ist. aber eine solche gebetsmühlenhafte Wiederholung wie bei diesem Interview verblüfft dann doch.

Ein weiteres Beispiel ist das Gegenteil, aber es macht noch nachdenklicher: Dr. Gregor Gysi, gerade mit einem Rhetorikpreis ausgezeichnet, redet den DLF-Interviewer glatt an die Wand. Dem fällt in dem ganzen Gespräch keine gescheite Frage ein. Dr. Gysi erzählt, was er im Moskauer Fernsehen sieht und hört: Der faschistische Aufstand auf dem Kiewer Maidan, Faschisten und Antisemiten in der Putschistenregierung, wachsender Antisemitismus in der Ukraine. Der Journalist hört eine halbe Stunde zu. Am Schluss rafft er sich zu der Bemerkung auf, dass es nicht nur Faschisten auf dem Maidan gegeben hätte. Gysis Parteifreundin, die Neostalinistin Wagenknecht echauffiert sich bei ihrem Wahlkampfauftritt in Bayern noch mehr: Faschisten und Antisemiten regierten in Kiew.

Foto: https://pbs.twimg.com/media/Bitj28pIUAADMiI.jpg
Karin Göring-Eckardt (Grüne) gab sich während des Bundestagswahlkampfs wie eine Sprecherin der  Plattform der Linken in den Grünen: Armut, Umverteilung, soziale Gerechtigkeit, Steuererhöhungen usw. Jetzt geht sie auf Distanz zu den moskauhörigen Linken und veröffentlicht diese Fotomontage auf Twitter.

Die Sprachregelung der Linken, die sie in ihren Medien und Bundestagsreden verbreiten (USA finanzieren den Putsch, die Aufständischen haben Demonstranten mit Kopfschüssen getötet, die Faschisten sind allerorten, die Juden haben Angst) scheint sich auch im DLF durchzusetzen. Gerade wird die Grüne Marie-Luise-Beck interviewt, die einiges von dieser linken Propaganda zurechtrückt. Dass z. B. auch Rabbiner auf dem Maidan anwesend waren, dass die neue Übergangsregierung nicht nur drei Nationalisten, sondern auch drei jüdische Mitglieder habe, dass im Parlament zahlreiche jüdische Ukrainer säßen, dass die jüdischen Organisationen die Wende in der Ukraine begrüßen, dass der Antisemitismus in Deutschland größer wäre als in der Ukraine (Sie vergisst Russland, wo er bei weitem stärker ist als in Deutschland oder der Ukraine.) Was fragt der DLF-Interviewer? „Sind die drei jüdischen Minister vertrauenswürdige Quellen?“

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Ein sehr informatives Bändchen über die Ukraine und ihre Geschichte ist Mykola Rjabtschuk, Die reale und die imaginierte Ukraine,  Frankfurt/M 2005. (Nach vielen Jahren habe ich endlich wieder einen Band der edition suhrkamp gekauft.)

Es hilft nicht zuletzt bei der Einschätzung des ukrainischen Nationalismus. Der Journalist Rjabtschuk schreibt, dass der Ukraine schon Faschismus und Nationalismus vorgeworfen wurde, als sie  nach dem Ende der Sowjetunion – endlich – unabhängiger Staat werden wollte. Eine unabhängige Staatlichkeit hatte diese Nation mit ihren 50 Millionen Menschen im Laufe der Geschichte nicht. Es waren Kosaken, Polen, Habsburger und Russen, die über die Region herrschten. Auch der Westen habe sich nach dem Zusammenbruch der UdSSR schwer damit getan, dass ehemalige Sowjetrepubliken selbständig werden wollten. Das geringste Verständnis brachten westliche Politiker und Medien für die Ukraine auf. George Bush warnte 1991 die Ukrainer vor der Selbständigkeit. Auch in Deutschland wird bis heute akzeptiert, dass die Ukraine zur russischen Einflusssphäre gehört. Als Faschist galt in Moskau auch schon Präsident Juschtschenko (2005 – 2010), der die Orangene Revolution in den Sand setzte. Auf ihn war ein Dioxin-Anschlag verübt worden.
Der Nationalismus der Ukrainer bestehe darin, auf die eigene Geschichte zu verweisen und eine staatliche Eigenständigkeit zu wollen. Eine Ähnlichkeit mit deutschen oder russischen Neonazis bestehe nicht. Die Kollaboration mit den deutschen Besatzern 1941/42 wird mit der Ablehnung des Sowjetkommunismus begründet. Stalin hatte 1932/33 über drei Millionen ukrainischer (und polnischer Bauern), die sich der Kollektivierung widersetzten, verhungern lassen.  Auch dieses Verbrechen ist im Westen wenig bekannt, obwohl man es hätte wissen können. Hitler kannte es, die britische Regierung ebenfalls. Sie wollte aber ihre Beziehungen zu Stalin nicht beeinträchtigen. Auch der damalige Moskauer Korrespondent der New York Times behelligte seine Leser nicht damit. Er wollte es sich ebenfalls nicht mit Stalin verderben.
In Moskau betrachtet man die Kiewer Rus, das ukrainische Großfürstentum als Wiege Rußlands. Der Name Rußland entstammt der Kiewer Rus. Trotz der landschaftlichen Unterschiede, der regional unterschiedlichen kulturellen Einflüsse Polens, der k.u.k. Monarchie und des Zarenreichs gebe es ein Bewusstsein von der ukrainischen Nation. Die jetzigen Russen seien mit den Ukrainern nicht mehr verwandt als andere slawische Völker. Rußland habe der Ukraine die Geschichte gestohlen, das Russische sei eine „verdorbene“ Sprache. Während die Polen die Ukrainer als eigenständige Nation anerkennen würden, seien die Ukrainer für die Russen eine Unterart Russen. Er erinnert an die Karikatur des Ukrainers bei Bulgakow, Der Meister und Margerita.
In der Zeit der Sowjetherrschaft sei die größte Kluft in der Ukraine die zwischen den Bauern in Kolchosen, die auf Dritte-Welt-Niveau lebten und den russifizierten Städtern gewesen.

Ebenfalls sehr informativ:

Andreas Kappeler. Der schwierige Weg zur Nation. Beiträge zur neueren Geschichte der Ukraine

Cicero über lechts und rinks

– Siehe auch Spiegel Online: Auf Dr. Wagenknecht und Dr. Gysi kann sich Putin verlassen.
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