Zum Vergleich von Kommunismus und Nationalsozialismus (7): Die Extreme berühren sich

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Man muss sich nur die Programme der italienischen Faschisten (1919) und der frühen NSDAP (1920) ansehen, um zu erkennen, dass beide Ideologen verwandt sind.

Bemerkenswert ist auch, wie viele „Wanderungen“ es von rechts nach links und von links nach rechts gibt: Mussolini hat Zeit seines Lebens den Faschismus als linkes Projekt gesehen, und er war in Italien nicht der einzige. Berater Mussolinis war der deutsch-italienische Soziologe Robert Michels. Der war erst Sozialist, dann Faschist. Der deutsch-italienische Journalist und Schriftsteller Curzio Malaparte war begeisterter Faschist. Bis 1949 schrieb er faschistische Romane, danach wurde er Kommunist und Sympathisant von Mao Tse Tung.

Eine der ersten Reden Adolf Hitlers (am 13. August 1920 im Hofbräuhaus) hatte das Thema »Wie kannst Du als Sozialist nicht Antisemit sein?«. Darin wandte er sich auch gegen den Zionismus, die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina. H. propagiert einen Sozialismus, der nur dem eigenen Volk zugute kommen sollte.

(Den Hinweis auf diese Rede fand ich bei Götz Aly: Warum die Deutschen? Warum die Juden?: Gleichheit, Neid und Rassenhass …)

Rainer Zitelmann stellt die linken Facetten in H.s Weltbild zusammen: „In den Demokratien herrsche in Wahrheit das Kapital; die Medien seien abhängig von Kapitalisten und die Politiker in den Demokratien durch Aufsichtsratsposten, Aktienbesitz usw. bestochen, so dass in Wahrheit dort nicht das Volk herrsche, sondern das Kapital. Im inneren Kreis bekundete er große Sympathien für Stalin, kritisierte andererseits das Franco-Regime in Spanien als reaktionär und rechnete es den Sozialdemokraten hoch an, dass sie die Monarchie in Deutschland beseitigt hätten.

Weitere Wanderer zwischen den extremen Ideologien:

Johannes Agnoli, einer der Theoretiker der deutschen 68-er-Bewegung, war in Italien in der faschistischen Partei gewesen. Weitere schillernde 68-er sind Bernd Rabehl, Horst Mahler, Günter Maschke. Für sie war es nur ein kleiner Schritt vom Linksextremen zum Rechtsextremen. Exemplarisch ist der Lebenslauf von Maschke: KPD-Mitglied, Student bei Ernst Bloch, SDS-Mitglied, Kuba-Aufenthalt, Dozent für Partisanenbekämpfung in Lateinamerika, freier Mitarbeiter der FAZ, Mitarbeiter bei rechten Zeitschriften, Herausgeber und Kommentator von Texten von Carl Schmitt. Auch der Rudi Dutschke der Frankfurter Goethe-Universität, Hans Jürgen Krahl,  kam von weit rechts über die CDU zum SDS.

NS-Journalisten konnten in der DDR Karriere machen, weil die Propaganda nach Auswechslung von Schlagworten im selben Schema ablief.

Ein trauriger Fall ist der des Schriftstellers Ernst Ottwalt. Er war als junger Mann an der Niederschlagung des kommunistischen Spartakus-Aufstandes und am Kapp-Putsch beteiligt. Als rechter Spitzel in Arbeiterversammlungen begann er, sich mit der Lebenssituation von Arbeitern auseinanderzusetzen und wurde zum Kommunisten. Vor den Nazis musste er sich zu Beginn der 30er Jahre verstecken. Brecht holte den Schriftsteller in sein dänisches Exil, danach ging das Ehepaar Ottwalt nach Prag, später nach Moskau. Die Erzählung „Der Spitzel“, in der es um einen Mann geht, der sein Leben dadurch rettet, dass er Nazispitzel wird, bezieht der NKWD auf Ottwalt selbst. Er wird 1936 verhaftet und wegen Spionage und Trotzkismus angeklagt. Angeblich starb er 1943 im GULag. Die Denunzianten in der Moskauer Szene exilierter deutscher Kommunisten waren der Schauspieler Hans Rodenberg und der Verleger Wieland Herzfelde (Sein Bruder Helmut nannte sich John Heartfield. Er wurde mit seinen sozialkritischen Fotomontagen berühmt.) Herzfelde glaubte sich seinerseits von Ottwalt bespitzelt und wollte sich rächen. Rodenberg war von Ottwalt einmal nach einer gemeinsamen Sauftour geohrfeigt worden. Die beiden Denunzianten lebten nach dem Krieg als hoch geehrte Kämpfer gegen Faschismus in der DDR.

Ottwalt hatte 1932 eine „Geschichte des Nationalsozialismus“ geschrieben, 1978 wurde sie in Westdeutschland neu aufgelegt. Es ist eine hellsichtige, auch heute noch mit Gewinn zu lesende Analyse der Entstehung der NSDAP und eine Warnung vor der bevorstehenden Diktatur.

Ausgerechnet der sowjetische Ankläger im Nürnberger Prozess berief sich immer wieder auf Ottwalts Buch. Für ihn war es der Beweis, dass die Deutschen vorher gewusst haben, was auf sie zukommt. Jürgen Serke hat in seinem Buch „Die verbrannten Dichter“ an Ernst Ottwalt erinnert.

Ein ganz aktueller Fall: Jürgen Elsässer war vor einigen jahren noch linksextrem orientiert und schwärmte von Oskar Lafontaine. Inzwischen gibt er die rechtsextreme Zeitschrift „Compact“ heraus.

Nachträge Februar 2014

Wie die sog. Neue Rechte sich selbst sieht, kann man diesem Text entnehmen:

Der Ur-Faschismus war nicht konterrevolutionär, sondern propagierte eine andere Revolution, verknüpfte den Wunsch nach Größe des Vaterlandes und „Verteidigung des Sieges“ mit radikaldemokratischen und radikalsozialistischen Ideen, verlangte die Herabsetzung des Wahlalters, die Emanzipation der Frauen, die Einführung von Räten in den Betrieben, die Sozialisierung der Industrie, die Enteignung der Kirche und die Beseitigung des Königtums.

Zeev Sternhell hat davon gesprochen, dass dieser Faschismus im Grunde aus einer „Revolte linker Nonkonformisten“ entstand, die an der Verbürgerlichung des Proletariats litten, eine neue revolutionäre Kraft suchten und diese im Nationalismus fanden.
Der Versuch, sozialistische und nationalistische, eher „linke“ und eher „rechte“ Elemente zu verschmelzen, war deshalb ein Merkmal aller faschistischen Bewegungen, typisch wie die Tatsache, dass die Verschmelzung nie vollständig gelang, dass der Faschismus als Bewegung immer stärker auf die linke Programmatik setzte, während der Faschismus als Regime den Akzent in die Gegenrichtung verschob. Das heißt aber nicht, dass die linken Konzepte in Italien nach dem „Marsch auf Rom“ ganz verschwunden wären. Sie wurzelten zu tief in der Geschichte des italienischen Faschismus, und die war eng mit der des italienischen Sozialismus verwoben. Allerdings reagierte die Parteilinke enttäuscht auf Mussolinis Anpassungskurs und die Schwächen des Korporativsystems. In den dreißiger Jahren träumte sie von einem „neuen Faschismus“, der das Kapital zum Feind erklären und den Faschismus zur Sache der Arbeiter machen sollte.

Text von Karlheinz Weißmann, Sezession im Netz (Ein Mitglied der sog. Neuen Rechten)

In einem Interview sagte der konservative Philosoph Peter Sloterdijk:

„Dass sich der linke Faschismus als Kommunismus zu präsentieren beliebte, war eine Falle für Moralisten. Mao Tse-tung war nie etwas anderes als ein linksfaschistischer chinesischer Nationalist, der anfangs den Jargon der Moskauer Internationale pflegte. Gegen Maos fröhlichen Exterminismus gehalten, erscheint Hitler wie ein rachitischer Briefträger. Doch man scheut noch immer den Vergleich der Monstren. Das massivste ideologische Manöver des Jahrhunderts bestand ja darin, dass der linke Faschismus nach 1945 den rechten lauthals anklagte, um ja als dessen Opponent zu gelten. In Wahrheit ging es immer nur um Selbstamnestie. Je mehr die Unverzeihlichkeit der Untaten von rechts exponiert wurde, desto mehr verschwanden die der Linken aus der Sichtlinie.“

Sloterdijk bezeichnete den Linksfaschismus 2006 in seinem Werk „Zorn und Zeit“ als „vorherrschendes Sprachspiel“ im Antifaschismus der Nachkriegszeit, des Stalinismus und der Neuen Linken. Er bezog den Begriff auf den gesamten Realsozialismus unter Lenin, Stalin und Mao. Er listete Merkmale auf, die deren Systeme für ihn mit dem Nationalsozialismus vergleichbar machen, darunter ein Führerprinzip, Militarismus, Zentralismus, Kollektivismus, Demokratiefeindlichkeit, Misstrauen gegen Individualismus und Pluralismus, Monopolisierung des öffentlichen Raums und der Medien durch Parteipropaganda, die Aufhebung des neuzeitlichen Tötungsverbots im Dienst der als gut erklärten Sache und weitere.

(Zitiert nach Wikipedia)

Noch ein wenig empirische Sozialforschung: Similarities and Differences Between Left-Wing and Right-Wing Radicals von Herbert McClosky and Dennis Chong (2009). Die Verfasser stellen Ähnlichkeiten zwischen US-amerikanischen Links- und Rechtsextremisten fest. Bei aller Unterschiedlichkeit in der Programmatik ähneln sie sich in der Ablehnung der vorherrschenden Werte und Gesetze. Sie pflegen ein Freund-Feind-Denken, glauben Verschwörungstheorien, kennen keine Kompromisse, sondern nur den totalen Sieg ihrer Weltanschauung. Die Verfasser sind überzeugt, dass sie in europäischen Ländern mit stärkeren linken und rechten Rändern als sie die USA haben, noch deutlichere Übereinstimmungen finden würden.

(Den Literaturhinweis fand ich auf Science Files)

Juni 2014: Der französische rechtsextreme Front National hat ein Wirtschaftsprogramm, das dem der französischen Sozialisten nicht unähnlich ist: einen zentralen Wirtschaftsplan, einen starken öffentlichen Dienst, eine staatlich gelenkte Zentralbank, Preisregulierung.

Januar 2015: Der neue griechische Außenminister, der Politikwissenschaftler Nikos Kotzias, war Propagandachef der stalinistischen griechischen KP, jetzt gehört er dem rechtsradikalen Koalitionspartner der griechischen linksextremen Partei Syriza an. Er unterhält enge Kontakte zu russischen Rechtsextremisten wie Prof. Alexander Dugin, der schon längst in Athen zu Besuch war. Er ruft dazu auf, die Kiewer Junta zu töten und ganz Europa Russland zu unterwerfen und so vor dem faschistischen Liberalismus zu schützen, der sich dort ausbreite.

Bedarf es besonderer Erwähnung, dass die Linkspartei über den Wahlsieg der griechischen Linksextremen jubelt und den antisemitischen, fremdenfeindlichen Koalitionspartner gar nicht so schlimm findet?

Juni 2016: Dr. Wolfgang Gedeon, nach Selbstauskunft ehemaliger „praktizierender Kommunist“, gilt Teilen der AfD als untragbar, da er Antisemit ist.

Paul Rassinier, kommunistischer französischer Politiker, wurde von seiner Partei ausgeschlossen. Er wurde dann Pazifist, Antisemit und Holocaustleugner.

 

Zum Vergleich… (1 – 7)

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2 Kommentare zu „Zum Vergleich von Kommunismus und Nationalsozialismus (7): Die Extreme berühren sich

    […] These, dass sich die Extreme berühren, habe ich mehrfach mit Beispielen belegt. Exponierte Linksextremisten sind mühelos ins Rechtsextreme abgewandert und umgekehrt. Der […]

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