Nazi-Karrieren in der antifaschistischen DDR

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„Wer Nazi ist, bestimmen wir“, sagte die SED-Führung. Auch wenn mancher antifaschistische Widerstandskämpfer grollte. Man brauchte in der DDR genau wie in der Bundesrepublik die alten erfahrenen Kriminalisten, Verwaltungsbeamten und Polizisten. Allein 175.000 Parteimitglieder und Wehrmachtsoffiziere wurden in die SED aufgenommen. Zwischen 8 und 15% der SED-Mitglieder in den 50er Jahren waren vorher NSDAP-Mitglied gewesen. Nicht mitgezählt sind die Mitglieder der NS-Organisationen (BDM, Reiterkorps usw.) Begründet wurde die Aufnahme der PGs durch Politbüromitglied Anton Ackermann so: Die neue Weltordnung, die der Faschismus nicht verwirklichen konnte, da er ja nur eine Verschwörung der Kapitalisten gegen das Volk war, werde jetzt vom wissenschaftlichen Marxismus herbeigeführt.

Noch im letzten Zentralkomitee saßen Ende der 80er Jahre 14 ehemalige NSDAP-Mitglieder. Darunter auch Hermann Klenner, der als stv. Vorsitzender der UN-Menschenrechtskommission wegen antiisraelischer Äußerungen zurücktreten musste. Er war schon 1931 in die NSDAP eingetreten. In der DDR wurde er Juraprofessor und MfS-Mitarbeiter. Einer seiner Verehrer ist der ehemalige brandenburgische Justizminister Volkmar Schöneburg.

Allerdings schufen die Kommunisten den Mythos von der antifaschistischen DDR und es gelang ihnen, der Bundesrepublik den „schwarzen Peter“ eines post- oder neofaschistischen Staates zuzuschieben. Das gelingt bis heute, denn die Brandenburger Platzeck (SPD) und Dr. Schöneburg (DDR-Jurist, Linkspartei, Justizminister) reden lautstark über die „Refaschisierung der BRD“ und die BRD-Aussöhnung mit den Nazis. Sie sollten etwas leiser werden und sich besser über den verlogenen Antifaschismus der DDR informieren.

11 Kilometer Akten über NS-Belastete lagerten im MfS. Auf MfS-Akten gingern  allerdings nur 165 Gerichtsverfahren zurück (bei 12.000 Verfahren insgesamt). Schon MItte der 50er Jahre saßen nur noch 54 Verurteilte in den Gefängnissen. Die SED, die sich zugute hielt, über das bessere, faschismusfreie Deutschalnd zu herrschen, konnte sich nicht allzuviele Prozesse leisten, weil das dem Mythos, die Nazis wären nur in de BRD, geschadet hätte.

Die SED hielt Akten zurück oder ließ Zeugen nicht zu NS-Prozessen in Westdeutschland ausreisen. Andererseits gab sie dem Sachbuchautor Bernt Engelmann Material. Der wurde bekannt mit kritischen Büchern über die Bundesrepublik. 

Die Chance, dass Nazis in der Bundesrepublik lernten, sich in demokratischen Strukturen zurechtzufinden und diese zu akzeptieren, war gegeben und trat auch weitgehend ein, gerade im staatlichen Bereich, in Ministerien und Verwaltungen. Nicht umsonst wird der Bundesrepublik attestiert, dass sie eine stabile Demokratie geworden ist. Nazis in der DDR wechselten von einer Diktatur in eine andere, die ähnliche Strukturen aufwies – Dominanz einer Ideologie, klare Feindbilder, Befehl und Gehorsam, nicht zuletzt die Kontinuität des Antisemitismus. Alt-PGs hatte die SED entweder in der Hand, brauchte ihren technischen oder bürokratischen Sachverstand oder konnte sich bei kleinen Mitläufern auch großherzig zeigen. Kooperiert mit Strafverfolgern außerhalb der DDR wurde so gut wie nie. Selbst verfolgt hat die SED nur einen winzigen Teil von Naziverbrechen.Die BStU übergab nach 1990 Tausende Dokumente an Wissenschaftler in den USA und Israel.

Während in Westdeutschland von Anfang an – gegen Widerstände und Schlussstrichforderungen – auch die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Herrschaft betrieben wurde, gab es eine vergleichbare Debatte in der DDR nicht. Der Völkermord an den Juden geriet zur Fußnote, Heldenverehrung der antifaschistischen Kämpfer war angesagt. Aktive Nationalsozialisten fänden in der DDR eine angenehme Heimstatt und machten eine schöne Karriere in ihrem alten Beruf, beklagte sich 1968 Simon Wiesenthal.

(Siehe Jochen Staadt,Die SED-Geschichtspolitik und ihre Folgen im Alltag, in: Antisemitismus in der DDR und die Folgen, hrsg. v. Andreas H. Apelt und Maria Hufenreuter, Halle 2016, pp 99 ff)

Ein paar Beispiele für Nazi-Karrieren:

Kurt Blecha, NSDAP-Mitglied, Leiter des Presseamtes beim Ministerrat der DDR und Chef der Nachrichtenagentur ADN
Ernst Großmann, SS-Unterscharführer im KZ Sachsenhausen, ZK-Mitglied, „Held der Arbeit“
Arno von Lenski, Beisitzer am Volksgerichtshof Roland Freislers (Mitwirkung an 20 Todesurteilen), Generalmajor der Vopo, Träger des „Vaterländischen Verdienstordens“ und der Medaille „Kämpfer gegen den Faschismus“
Karl Hampe, Verdienste um die „Entjudung der deutschen Presse“, Chef der SA-Publizistik, Wirtschaftsredakteur SED-Zeitung „Thüringer Neueste Nachrichten“
Ein NSDAP-Mitglied  wurde Chefredakteur der Berliner Zeitung.
– Siehe auch hier im Blog: Angebliche Renazifizierung in Westdeutschland
Henry Leide, NS-Verbrecher und Staatssicherheit. Die geheime Vergangenheitspolitk der DDR, Berlin 2007
Olaf Kappelt, Braunbuch DDR, Berlin 2. erw. Auflage 2009 (1981)

In Kappelts Braunbuch DDR waren 1981 200 Altnazis aufgeführt, die in der DDR Karriere machten. In der Neuauflage 2009, nach Öffnung von Archiven nach der Revolution 89/90  waren es 1.000.

Ex-Politbüromitglied Günter Schabowski schrieb im Vorwort: „Ein Nazi, dem es gewährt war, zum … Kommunisten zu mutieren, war total und für immer entnazifiziert. Er war wie neu geboren. Wen aber die westdeutsche Demokratie umerzog, der blieb ein Nazi.

Nachtrag 2.12.16: Der Dokumentarfilm „Nazikarrieren in der DDR“ (ARD-Mediathek bis 3/2017; nur in Deutschland abrufbar) entspricht nicht ganz seinem Titel. Es werden NS-Täter genannt, die in der DDR verfolgt  wurden, u. a. ein Landarzt und HO-Verkaufsstellenleiter. Da kann man schlecht von Karriere sprechen.

Nicht ganz korrekt wird behauptet, dass die Sowjets und die SED konsequent, vor allem konsequenter als Westdeutschland, von Anfang an gegen NS-Verbrecher vorgegangen wären. Obwohl im Film immer wieder nachgewiesen wird, wie opportunistisch die SED bei der Verfolgung von NS-Täter/-innen vorging. Auch in der Forschung wird belegt, dass die NS-strafverfolgung in der DDR zurückhaltend und opportunistisch war.

Wieso die Filmemacher behaupten, dass die Bundesrepublik ein sicherer Hort für NS-Täter war, obgleich sie ja belegen, dass man als NS-Belasteter, vor allem wenn man in der DDR Karriere gemacht hatte, auch davon kam, bleibt unerfindlich. Im Osten konnte man von einer Diktatur zur andern wechseln, was manchmal einfacher war, als sich im Westen an eine freiheitliche Demokratie zu gewöhnen.

Man erfährt, dass auch in der DDR für die Justiz galt, dass einem NS-Täter persönliche Schuld an einem Verbrechen nachgewiesen werden musste, genau wie in Westdeutschland bis 2012. Obwohl in der DDR auf dem Papier die Sichtweise der Nürnberger Prozesse galt, dass jeder, der in irgendeiner Funktion, auch indirekt, mitgewirkt habe, als Täter zu verurteilen sei.

Erst seit wenigen Jahren hat sich die westdeutsche Justiz dies zu eigen gemacht und verurteilt auch Schreibstubenmitarbeiter in Auschwitz wegen millionenfachen Mordes. Warum im Film die Papiersicht der DDR-Justiz der westdeutschen Rechtsprechungspraxis als vorbildlich gegenübergestellt wird, bleibt unbegründet.

Erst in den letzten zehn Minuten geht es im Film wirklich um Nazikarrieren in einem kommunistischen Staat. Ab Minute 34 sollte man sich den Film anschauen.

Ich habe zuletzt die eine oder andere gute mdr-Dokumentation zur DDR gesehen und war schon geneigt, mein Urteil über den „Ostalgiesender“ zu revidieren. Aber diese Dokumentation ist ein Rückfall. Vordergründig sieht es „ausgewogen aus“ und es gibt auch Hinweise auf die auch nicht bessere Wiedereinstellungspraxis in Ostdeutschland. Aber im Kommentar wird immer wieder betont, dass Westdeutschland schlimmer war.

 Link zur Sächsischen Zeitung v. 26.1.2010 (Da hätten die Filmemacher einmal recherchieren sollen!)
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Ein Kommentar zu „Nazi-Karrieren in der antifaschistischen DDR

    […] Die von Platzeck zitierte Anbiederung von Kurt Schumacher an die Alt-Nazis ist kein Beleg dafür, auch nicht der immer wieder gern gebrauchte Hinweis auf Nazis in Regierung und Verwaltung. Das gab es in der DDR auch, man konnte auch dort als Altnazi Minister und sogar Politbüromitglied werden. […]

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