Wege zum Kommunismus: Pol Pots Lächeln

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In „Pol Pots Lächeln“ von Peter Fröberg Idling geht es um eine Reise von vier schwedischen Intellektuellen im Jahr 1978 nach Kambodscha, dem Land, in dem die Roten Khmer, eine linksextreme, maoistische Organisation, gerade einen kommunistischen Musterstaat errichteten und dabei ca. 2 Millionen Menschen, ein Viertel der Bevölkerung, umbrachten.

Die Reisegruppe bekam von dem Massenmord nichts mit, so sagen sie. Die Schweden waren angetan vom Neuaufbau des Landes, von den wohlgenährten, freundlichen, offenen Menschen und dem Bau neuer Staudämme, Fabriken und Plantagen.

Idling will untersuchen, woran es lag, dass die Reisegruppe nichts mitbekam. Er geht behutsam vor, klagt nicht an, versucht zu verstehen, sucht keine Schuldigen. Es ist eine nicht zuletzt literarisch überzeugende Reportage entstanden. Wie Mosaiksteinchen setzt er aus Interviews in Schweden und in Kambodscha, mit Tätern und mit Opfern, dem Studium von Fachliteratur, aus eigenen Reiseeindrücken und Reflexionen ein Bild zusammen. Als Leser verfolgt man die Entstehung des Bildes mit.

Das kleine Kambodscha wurde von den französischen Kolonialisten beherrscht, es wurde in den Vietnamkrieg hineingezogen, weil die kommunistischen Nordvietnamesen angrenzende kambodschanische Gebiete als Rückzugs- und Nachschubbasis nutzten. Kissinger und Nixon veranlassten daraufhin völkerrechtswidrig verheerende Flächenbombardements dieses Gebietes.

In den 70er Jahren erkämpften sich in der ganzen Welt zahlreiche Kolonien die Unabhängigkeit. Frankreich und später die USA mussten sich aus Indochina zurückziehen. Für europäische Linksintellektuelle schien die Überwindung des kapitalistischen Systems in der Dritten Welt zu beginnen.

Die Roten Khmer, eine kleine Gruppe von privilegierten Kambodschanern, die in  Paris studiert und dort eine kommunistische Zelle gegründet hatten, verstecken sich im kambodschanischen Urwald, verfolgt von der Geheimpolizei des autoritär regierenden Königs Sihanouk und seines Nachfolgers, eines Militärs. Ihr Kampf ist auch ein Kampf für die nationale Wiedergeburt Kambodschas. Das Land war nicht nur Opfer imperialistischer europäischer Mächte. Auch Vietnam war ein aggressiver Nachbar, der die Herrschaft über Indochina anstrebte. Vietnams Kommunisten betrachteten die kambodschanischen Kommunisten als Befehlsempfänger. Die Revolution der roten Khmer sollte auch eine nationale Wiedergeburt sein.

Die Roten Khmer nennen sich „die Organisation“. Die Spitzenfunktionäre leben versteckt in Dschungeldörfern, sie bleiben anonym. Ihr Anführer, in Frankreich zum Lehrer ausgebildet, nennt sich Pol Pot. In der Organisation ist er„Bruder 1“. Das bleibt so während der gesamten Zeit seiner Herrschaft. Es gibt, anders als bei anderen kommunistischen Führern, keinen Personenkult, anders auch als in der DDR, Nordkorea oder Kuba führen die Kader angeblich kein luxuriöses Leben. Das einzige ist: Sie haben während der Zeit ihrer dreieinhalbjährigen Herrschaft immer gut zu essen, im Gegensatz zur Bevölkerung.

Ihr Weg zum Kommunismus:  Die totale Ausmerzung von Privateigentum und Individualität. Besitz führe zu Egoismus. Die Unterscheidung von „Dein“ und „Mein“ müsse abgeschafft werden. „Meine Familie“, „meine Eltern“, „meine Frau“ wäre eine immaterielle Besitzergreifung, so doziert Ministerpräsident Khieu Sampan. „Um ein wahrer Revolutionär zu werden, müsst ihr eure Gehirne reinigen.“ „Wenn wir nur den geringsten privaten Besitz zulassen, ist das kein Kommunismus.“ Die Kleidung (schwarze Uniformen für alle) stellt die Organisation, für das Essen sorgt die Organisation. Um auch das Denken gleichzuschalten, gibt es Schulung, Umerziehung und Foltergefängnisse. Kindern wird die richtige revolutionäre Einstellung in Kollektiven beigebracht, sie werden früh beruflich ausgebildet. Es gibt Ingenieure, die mit 13 Jahren eine duale Ausbildung – Fabrikarbeit und technisches Studium – absolviert haben, Es gibt Teenager, die eine medizinische Schnellausbildung erhalten und als „Barfußärzte“ eingesetzt werden. Die Großstadt galt als Sündenbabel: Kinos, Bars, ungezügelte Sexualität, Müßiggänger. Das einfache, genügsame Leben auf dem Land war das Ideal, ein puritanischer, reiner Kommunismus.

Also begann die Wiedergeburt des neuen Kambodscha mit der Vertreibung der Stadtbevölkerung.  Nach dem Vorbild der Kulturrevolution Maos in den 60ern wurde die Stadtbevölkerung aufs Land getrieben, Akademiker wurden erschossen, eher noch erschlagen. Dass die chinesischen Freunde, aus Erfahrung klug geworden, rieten, es nicht zu übertreiben, brachte keine Einsicht. Zwischen 1 bis 3 Millionen Menschen sind in der Zeit der Herrschaft der Roten Khmer 1975 bis 1979 verschwunden, gestorben bei der Vertreibung, verhaftet, gefoltert und hingerichtet von der Organisation. Pol Pot regiert wie Stalin, er lässt auch Klassenkameraden, Studienfreunde und Kader erschießen.

Zuerst kapselt sich das Land ab, Ausländer werden davon gejagt. Dann beginnt eine vorsichtige Öffnung. Es gibt Berichte und Gerüchte, dass die Verwirklichung des reinen Kommunismus zu einem neuen Holocaust geführt haben muss, zu Hungersnot und Zwangsarbeit. Bei der Öffnung gibt es Anlaufschwierigkeiten. Ein jugoslawisches Kamerateam berichtet von Kinderarbeit. Die Organisation säubert daraufhin ihre Reihen von den „Verrätern“, die das zugelassen haben. Von drei US-Amerikanern, die man ins Land lässt, wird einer ermordet, ein linker, mit Kambodscha sympathisierender Professor. Der Mord bleibt unaufgeklärt. Dann kommen die Schweden, Abgesandte eines „Freundeskreises Schweden-Kampuchea“, prominentestes Mitglied Jan Myrdal, Sohn des Wirtschaftswissenschaftlers Gunnar Myrdal. Für den Salonrevolutionär Myrdal gehört zur Revolution, dem Aufstand der Unterdrückten, auch das Blutbad. Er ist Maoist, er verteidigt auch später die Fatwa gegen Salman Rushdie, lobt die Herrschaft der Taliban in Afghanistan, die Hisbollah, das Massaker auf dem Tian´anmenh-Platz.

Idling bereist Kambodscha, versucht Pol Pots Mitstreiter zu interviewen (Pol Pot beging 1998 Selbstmord, nachdem ihn seine verbliebenen Genossen als „Verräter“ zu lebenslanger Haft verurteilt hatten) und versucht zu den schwedischen Reisenden Kontakt aufzunehmen. In einem Fall gelingt es nicht, das Interview wird verweigert. Myrdal aber wird aggressiv und verteidigt seine Sicht. Er hat schon in früheren Jahren versucht, kritischen Berichten über Kambodscha Fehler nachzuweisen. Bei den beiden anderen stößt er auf Gesprächsbereitschaft und ein klein wenig Nachdenklichkeit. Eine davon war mit einem hochrangigen kambodschanischen Kader verheiratet. Er war spurlos verschwunden. Aber die Gruppe hatte sich darauf geeinigt, ihre Gastgeber nicht nach Verschwundenen zu befragen. Es könnten ja Vertreter feindlicher Dienste gewesen sein. Sie hatten mehrere Fragen nach verschwundenen Angehörigen im Gepäck. Ideologisch war man mit den kambodschanischen Kommunisten auf einer Linie.

Ob ihnen das nicht merkwürdig vorgekommen sei, durch menschenleere Städte zu fahren? Man hätte ihnen erklärt, dass die alle auf dem Land wären, um zu arbeiten. So richtig geglaubt hätten sie das damals schon nicht.

Die sozialdemokratische schwedische Reichstagsabgeordnete Birgitta Dahl bezeichnete 1976 in einer Rundfunkdiskussion das meiste, was über Kambodscha erzählt würde, als gelogen. Es wäre notwendig gewesen, Phnom Penh zu evakuieren (wegen drohender US-Bombenangriffe). Auch der linke US-Professor Noam Chomsky stellte die Räumung der Hauptstadt als Rettung der Menschen dar, gestand aber später seinen Irrtum ein.

Ob sie auf ihrer langen Reise durch Kambodscha auch nicht das geringste Anzeichen von Hungersnot, Missernte, Unzufriedenheit bemerkt hätten? Sie seien ausschließlich aufgeschlossenen, zufriedenen Menschen begegnet.

Idling interviewt einen kambodschanischen Mönch, der das Glück hatte, von den Kommunisten nicht erschossen zu werden, obwohl er zu den „alten Menschen“ aus der Zeit vor der Revolution gehörte. Der erzählte ihm, dass es gang und gäbe war, ausländischen Delegationen etwas vorzumachen: „Drei Tage vorher bekamen wir reichlich zu essen, sogar Nachtisch, man suchte die Arbeiter aus, die in gutem Zustand waren, und fette Kühe. Dann mussten sie pflügen und Reis aussäen, wenn die Delegation kam.“ Die Kambodschaner waren geübt darin. Auch wenn die eigenen Kader im Mercedes anreisten, wurde ihnen in den Dörfern etwas vorgemacht. Es war wahrscheinlich so, dass die Organisation gar nicht erfuhr, wie groß die Katastrophe war, die sie mit der Einführung ihres reinen Kommunismus ausgelöst hatte.

Peter Fröberg Idling endet mit der selbstkritischen Anmerkung: „Konnte man von Gunnar, Hedda, Marita und Jan verlangen, dass sie die Fassade durchschauten?“ Ob er selbst alles richtig gedeutet hätte, was er zu sehen bekommen hätte?

Diese kritische, zurückhaltende Reflexion und Selbstbefragung verleiht dem Buch weiter reichende Bedeutung: Das Wegsehen, die Billigung oder gar Lobpreisung von Zwang und Unterdrückung als Tor zur Befreiung des Menschen gibt es in linken Intellektuellenkreisen auch heute noch. Bolivien, Venezuela und Kuba genießen Sympathien, Der Topos der zur Verdammnis verurteilten Stadt kommt auch bei Heiner Müller vor, der fantasiert, dass die Dritte Welt sich an New York rächt und Krokodile aus den Gullys aufsteigen (in der NZZ gelesen).

Nachtrag 2014: Auch eine deutsche Reisegruppe, eine Delegation des maoistischen Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW), pilgerte 1978, auf dem Höhepunkt des Mordens, zu Pol Pot , darunter auch Hans-Gerhart Schmierer, ZK-Mitglied im KBW. Zwei Jahre später, als die Welt den Massenmord endlich begriff, schickte Schmierer eine Grußbotschaft an Pol Pot. 1999 machte Joschka Fischer den Joscha Schmierer zum Referenten für Grundfragen der Europapolitik im Außenministerium. (Gefunden bei Uwe Siemon-Netto, Duc der Deutsche)

Nachtrag 2014: Es gibt einen Dokumentarfilm „The Missing Picture – Das fehlende Bild“ von Rithy Panh, in dem die Ereignisse wegen der fehlenden Fotos des Massenmords mit Tonfiguren nachgestellt werden. Das ist eindringlicher geworden, als es Filmaufnahmen sein könnten. Dazu gibt es dieses Interview mit dem Regisseur (in Englisch, mit Fotos  von Filmszenen) und auf arte ein ins Deutsche übersetztes Interview.

Nachtrag September 2015: Das Sondertribunal zu den Verbrechen der Roten Khmer verhandelt zur Zeit über den Völkermord an der ethnischen Minderheit der Cham. Die millionenfache Ermordung der eigenen Landsleute gilt nicht als Völkermord oder Genozid, sondern als Verbrechen gegen die Menschlichkeit (Was an der Verfolgbarkeit nichts ändert.)

Vor Gericht stehen Khieu Sampan, der frühere Präsident und der Chefideologe, „Bruder Nummer Zwei“, Nuon Chea. Die meisten Mitglieder des kommunisitschen Regimes sind inzwischen verstorben.

Nachtrag 26.10.16: Dass eine kommunistische Diktatur willige Fellow-Traveller findet, die bezeugen, dass sie keinen Massenmord gesehen haben, war schon so bei Stalins Vernichtung der Kleinbauern anläßlich der Kollektivierung der sowjetischen Landwirtschaft 1931/32: Er nahm den überwiegend unwilligen Bauern die kompletten Ernten weg, ließ Jagdwild töten, zuletzt auch Hunde und Katzen. Ca. 8 Millionen Menschen verhungerten in diesen Jahren, allein 2,5 bis 3,5 Millionen ukrainischer Bauern.

Westliche Reisende in den Hungergebieten, wie G.B. Shaw oder der französische Premierminister Herriot, der auf Einladung Stalins reiste, bekundeten, dass sie nirgendwo Verhungernde gesehen hätten, aber blühende Landschaften.

(Gelesen bei Philipp Blom, Zerrissene Jahre, p 366f)

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7 Kommentare zu „Wege zum Kommunismus: Pol Pots Lächeln

    Ampelmaennchen und Todesschuesse sagte:
    05/10/2017 um 4:38 pm

    […] predigen oder zurück zu einem einfachen Leben konnte nicht erzwungen werden. (Das Experiment der Roten Khmer führt zum Massenmord am eigenen […]

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    […] Sehr lesenswert ist ein Interview mit Prof. Trautmann auf welt.de. Es ermöglicht einen Überblick über die Geschichte des Konsums. Vor allem aber ist eine Zuspitzung des Nachdenkens wert. Der Interviewer fragt: „Heute nimmt die Kritik am Konsum generell zu. Wäre eine Welt ohne Konsum besser?“ Darauf Trautmann: „Es gibt eine Alternative. Die ist aber sehr unschön und hieß Pol Pot. […]

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    […] 2015: Über das Luxusleben Fidel Castros berichtet der Miami Herald. Pol Pot, dessen Rote Khmer in Kambodscha zwischen 1 und 3 Millionen Mitbürger/-innen folterten, totschlugen oder verhungern ließen, wurde, […]

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    […] Noam Chomsky Trump mit Hitler vergleicht, überrascht nicht. Dabei zeigt Chomsky durchaus Sympathien für Massenmörder, sie müssen aber links […]

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    […] Zuletzt hatten die kommunistischen Ökonomen die Hoffnung, dass ein Supercomputer ihre Lenkungsprobleme lösen würden. Der TV-Journalist Paul Mason spinnt diese Hoffnung 2016 weiter: Im „Postkapitalismus“ würde dank IT das marxistische Reich der Freiheit endlich anbrechen. Die Arbeit erledigten die Computer. Der Anarchist David Graeber dagegen sieht in der Steinzeit die einzige Alternative zur kapitalistischen Ausbeutergesellschaft. (Dazu fällt mir Kambodscha ein.) […]

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    […] Die menschenverachtende Züchtung des neuen Menschen zeigt erschütternd am Beispiel des Steinzeitkommunismus in Kambodscha der Film “The Missing Picture”.  […]

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    […] der Wissenschaftler Noam Chomsky, der auch mit dem kambodschanischen Massenmörder Pol Pot sympathisierte, der Philosoph Bertrand Russel kritisierten die USA. US-Präsident Johnson sagte resignierend: […]

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