Ost-Beilage der „Zeit“

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Nach langer Zeit kaufte ich wieder einmal die „Zeit“. Fazit: Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung gefällt mir besser.

Es gibt (seit einigen Wochen) Sonderseiten „Die Zeit im Osten“. Begründung: Die „Zeit“ würde in den neuen Bundesländern stärker nachgefragt. Der westdeutschen Ausgabe liegt dieses Produkt nicht bei. Auf die Idee muss man erst einmal kommen, 23 Jahre nach der Vereinigung! Nachtrag: Am 13.2.14: „Der Ostmann“. Wetten, dass das Experiment bald wieder eingestellt werden wird? Schon jetzt wird der Platz mit dem Inhaltsverzeichnis für die Gesamtausgabe gefüllt.

Was steht in den Ost-Sonderseiten dieser Ausgabe? Eine Doppelseite über die neue Gauck-Biographie. Darin wird zurechtgerückt, was bisher darüber in den Medien zu lesen war. Nämlich dass er schusselig wäre, dass er gern flirte usw. Auch der Hetze von Ostalgikern über seine angebliche Stasi-Verstrickung wird der Boden entzogen. Schade, dass man das im Westen nicht lesen darf.

Der Rest sind belanglose kleine Meldungen, u. a. räsonniert Ossi-Edelfeder Christoph Dieckmann über die neue Staffel der Weissensee-Serie: Ob die Wessi-Schauspieler, Regisseure, Produzenten auch alles richtig gemacht haben?

Die Leserbriefschreiber/-innen sind gespalten. Die einen sind voll des Lobes für die Sonderbehandlung, die anderen fühlen sich diskriminiert.

Wetten, dass die Ost-Sonderseiten nicht lange bestehen. Zu dürftig, zu rückwärtsgewandt. Da lasse ich mich lieber in der FAS/FAZ von Frank Pergande, Mechthild Küpper, Regina Mönch oder Claus Peter Müller informieren.

Nachtrag Januar 2014: Dieckmann dankt der UdSSR in einer neueren Zeit-Ausgabe für die Befreiung vom Faschismus, preist russische Märchenfilme und Filme über den Zweiten Weltkrieg. Die Westdeutschen und die Balten kriegen ihr Fett ab.

Natürlich weiß Herr Dieckmann, dass Stalin nicht nur ein guter Mensch und erfolgreicher Politiker war, auch Putin ist nicht einwandfrei. Die Balten, sie waren von Russland besetzt, aber sie haben auch beim Holocaust mitgeholfen. Die Chodorchowski-Verehrung in Westdeutschland goutiert er nicht. Die DDR konnte ja nichts werden, weil sie Reparationen leisten musste und die Russen der SED frei Wahlen verboten haben. Westdeutschland konnte seine Aufarbeitung der Nazizeit wegen des Kalten Krieges hinter einem Paravent verstecken. Natürlich ist Herr Dieckmann nicht naiv. Er erwähnt beiläufig, dass er Kenntnis hat von Stalins Terror.

Warum hat Christoph Dieckmann nicht erzählt, dass er russische Literatur, mag, russische Landschaften und russische Menschen. Warum muss er die Bundesrepublik wegen ihrer angeblich nicht stattgefundenen Nazi-Aufarbeitung abwatschen, die Klischees von der DDR-Wirtschaftsschwäche wegen ausgebliebenen Marshallplangeldern des Westens und wegen der sowjetischen Demontagen aufwärmen, Gorbatschow und Chodorchowski kritisieren, Putin aber nur streifen?

Irgendwo in dem langen Artikel benutzt er das Wort „Verschwiemelung“. Er meint leider nicht seinen Text.

Nachtrag zum Nachtrag: Bei Dieckmann hat es nur zum klischeehaften Rundumschlag eines Ostalgikers gereicht. Kerstin Holm, Moskau-Korrespondentin der FAZ, zeigt heute in einer Glosse im Feuilleton der FAZ wie brillanter Journalismus geht. Autoren wie Lebedew und Chodorchowski stünden in der Tradition von Dostojewski und Tschernyschewski. Russland sperre nicht nur Verbrecher, sondern auch seine Besten ein. Die Sowjetmacht habe Eliten sytematisch eliminiert. Es sei eine umgekehrte Aristokratie derer entstanden, die wie Solschenyzin oder Schalamov das Martyrium ungerechter Haft überstanden hätten und nicht daran zerbrochen seien. So kann man auch schreiben: kenntnisreich, mit Respekt vor russischen Menschen, ohne die Kritik an den Herrschenden in einer Fußnote zu verstecken.

Der Verlag der Zeit engagiert sich jetzt im Nachhilfemarkt: „Eltern bekommen eine Vorauswahl passender Nachhilfelehrer in ihrer Nähe vermittelt und können mittels einer Lernplattform den Lernfortschritt ihres Kindes kontinuierlich nachvollziehen. Das neue Angebot ist unter dem Dach des ZEIT Schülercampus angesiedelt. Neben ZEIT-Bildungsinhalten für Referate und Schularbeiten steht den Schülern eine zusätzliche Online-Hausaufgabenhilfe zur Verfügung.“ So meldet es das Börsenblatt.

Da bleibt zu hoffen, dass Herr Dieckmann nicht den Geschichtsunterricht übernimmt.

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