Lesefrüchte

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Da ich zurzeit wegen einer Verletzung mehr im Bett liege als am Schreibtisch sitze, lese ich mehr Bücher als üblich. Daher komme ich aber auch kaum nach mit Blogbeiträgen über diese Bücher.

Deswegen jetzt sei jetzt nur kurz festgehalten, was ich gelesen habe:

Robert Gellately, Lenin, Stalin, And Hitler. The Age of Social Catastrophe, New York 2007

Das Buch gehört in die Reihe der Werke, in denen Hitler und Stalin zugleich betrachtet werden (Timothy Snyder, Bloodlands). Es enthält eine Fülle von Details, die ich anderswo nicht gefunden habe. Z. B. soll Stalin 1954, kurz vor seinem Tod vier Konzentrationslager nur für Juden geplant haben. Vorangegangen war eine neue antisemitische Verfolgungswelle im Ostblock, ausgelöst von Stalins Verdacht, jüdische Ärzte hätten einen seiner Genossen vergiftet.Neu ist, dass Gellately Lenin neben Hitler und Stalin stellt. Er weist nach, was so neu nicht ist, dass jener nicht weniger skrupellos, gewalttätig und mörderisch vorgegangen ist. Lenins Brutalität war den Zeitgenossen durchaus bekannt. Stalin konnte sich als ebenbürtiger Nachfolger sehen.

Rezension in „sehepunkte

Muss man nicht unbedingt gelesen haben.

 Victor Serge, Der Fall Tujalew, Frankfurt/M 2012 (1948)

Man kriegt den Eindruck, dass die Bolschewiki eine Horde von Paranoikern sind, die auf bürokratische Art versuchen, die Wirtschaft zu organisieren, es sich selbst gut gehen lassen und sich gegenseitig belauern und liquidieren.

Der Rote Terror in einer Romanhandlung. Bei allem Respekt vor der Forschungsleistung von Historikern: Mehr als dieses Buch muss man dazu nicht gelesen haben. Die Kommissare, Obersekretäre, Staatsanwälte, KGB-Offiziere lassen verhaften, verbannen, liquidieren und werden verhaftet, verbannt und liquidiert. Zwischendurch trinken sie Champagner und reisen im Salonwagen oder in der ZK-Limousine mit Chauffeur durch Russland.

Swetlana Alexijewitsch, Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus, Berlin 2013

(Wurde schon in einem früheren Beitrag erwähnt.)

Entsetzlich, was die weissrussische Historikern in Interviews zu hören bekommt: Schicksale aus der Zeit des fast 40 Jahre währenden roten Terrors, der Zeit 90er Jahre, der missglückten Perestroika und der gigantischen Ausplünderung des Landes durch Oligarchen und den Nuller-Jahren der Kaukasus-Kriege und der Terroranschläge in Moskau.

William T. Vollmann, Europe Central, Frankfurt/M 2013

Ein gigantisches Werk, über tausend Seiten lang. (Zu lang!)Das nationalsozialistische Deutschland und das kommunistische Russland sind vielfältig ineinander verwoben. Alles kreuzt sich, alles hängt mit allem zusammen. Für Gegner der Totalitarismustheorie eine Zumutung. Erzählt wird von Käthe Kollwitz, General Paulus und Kurt Gerstein, von General Wlassow, Hilde Benjamin, Lenins Frau Krupskaja, dem Komponisten Schostakowitsch und dem Dokumentarfilmer Roman Karmen. Zahlreiche weitere, teils fiktive Personen kommen vor. Die Belagerung Leningrads, der Kampf um Stalingrad und Kursk, die Todes-KZs der Nazis, die DDR sind Schauplätze. Das Buch ist eine raffinierte literarische Montage, keinesfalls eine historische Dokumentation, über viele Seiten fantasievoll, aber plausibel erzählt. So könnte es gewesen sein, dabei ist es hervorragend ausgedacht, basiert aber auf profunder Literaturkenntnis Vollmanns und erstaunlichen Funden. Über 80 Seiten Anmerkungen zeugen davon.  Er verdichtet Zitate, legt sie anderen in den Mund, macht das aber transparent. Zwei Erzähler, ein stalinistischer Geheimdienstmann und ein fanatischer Nationalsozialist schildern und beurteilen das Geschehen von ihrem, jeweils durchaus schlüssigen Standpunkt aus. Eine lebenslange Liebe des Komponisten zu Elena, der späteren Frau Karmens nimmt weite Teile des Romans ein. In Wirklichkeit war es nur eine kurze Romanze.

Dem Rezensenten der FAZ, Cord Riechelmann, gelingt es, einen Punktsieg des Stalinismus gegenüber dem Nationalsozialismus herauszulesen. (Ob das ein Anliegen Vollmanns war?) Es gehe darum zu verstehen, was es heißt, ein Stalinist zu sein. Und das scheint ein tausendmal komplizierterer Vorgang zu sein. als der, ein Nazi zu sein. Für Riechelmann stellt sich Frage: Welche Bedeutung hat das Studium des Irrsinns des Stalinismus für den Fortschritt? Nun denn. Ein DDR-Witz bringt es schneller auf den Punkt: Kommunismus ist eine wunderbare Sache. Nur die ersten hundert Jahre sind schrecklich.

Hat sich die Lektüre gelohnt? Bei allem Respekt vor der gigantischen Leistung: eher nicht. Ein Buch für Vollmanniacs, wie es in einem Leserkommentar bei goodreads heißt. Am beeindruckendsten war für mich die Analyse der Schostakowitsch´schen Kompositionen. In seiner Musik steckt der Stalinismus und der Zweite Weltkrieg: Der Geschützdonner, das Leid der Soldaten, die Ketten der T 34-Panzer. Deutsche Volkslieder und Stalins Lieblingslied werden zitiert. Auch die stalinistische Kritik an „formalistischen“, ideologisch nicht auf Parteilinie liegenden Kompositionen lernt man kennen. Der allwissende Erzähler aus dem sowjetischen Geheimdienstmilieu würde das „Schwein“ Schostakowitsch am liebsten liquidieren. Man müsse bei Intellektuellen aufpassen, sagt der NKWDler.

Dr. Faustus von Thomas Mann kenne er nicht, sagt Vollmann in einem Interview.

Der Vollmann-Beitrag stand zuerst im Weblog „Basedow1764“
Danilo Kis, Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch, deutsch 2004 (1976)

Der „Cicero“ schreibt dazu.

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