Die DDR lebt: Leserbriefe in der Märkischen Allgemeinen

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Immer wenn ich denke, dass letztlich doch zusammenwächst, was zusammengehört, also West und Ost als Orientierungsgrößen an Bedeutung verlieren, ernüchtern mich die Leserbriefspalten in der Potsdamer „Märkischen Allgemeinen Zeitung, Zeitung für Brandenburg“ (MAZ). Da spricht die „tiefe“ DDR, da haben Errungenschaften, an denen die Welt angeblich auch heute noch genesen könnte, überlebt: Die großartigen Kitas, das hervorragende Schulwesen, das keinen zurückließ und das in den finnischen PISA-Siegern noch heute seine Überlegenheit beweisen würde. das exzellente Gesundheitswesen, die Abwesenheit von Arbeitslosigkeit, nicht zu vergessen der konsequente Antifaschismus und die riesengroße Liebe zum Frieden…. Man lebe heute in einem Jammertal, die Lebensqualität würde sinken. Fehlt nur noch, dass die Lebenserwartung abnähme. (Auch das las ich schon, aber nicht in der MAZ.)

Ich wundere mich, wieso es eigentlich zur sog. „Wende“ kam. Die Reisefreiheit, die heute angeblich sowieso kaum einer wahrnehmen kann wg. der fehlenden Mindestlöhne, dem Hartz-IV-Almosen, den peinlich niedrigen Ostrenten, kann es doch nicht gewesen sein.

Im Lokalteil dasselbe Bild des Jammers: Heute eine ganze Seite empörter Briefe zum geplanten Abriss eines ehemaligen Interhotels, heute Hotel Mercure. Das DDR-Devisenhotel, das im Lustgarten des Stadtschlosses errichtet worden war (über das Grundstück des von der SED abgerissenen Schlosses war eine Straße gelegt worden) soll abgerissen werden. Es passt nicht zu dem neu entstehenden Ensemble Stadtschloss und Alter Markt.

Nichts gegen das Hotel Mercure. Es hat eine gute Küche, ein schönes Frühstücksbüffet. (Die herrliche Aussichts-Bar im obersten Stockwerk ist leider geschlossen.)

Aber solche 60er Jahre-Scheiben gibt es überall auf der Welt. Ich habe in Frankfurt am Main im AfE-Turm studiert, einem ähnlich hässlichen Bau. Am Mainzer Hauptbahnhof stand auch so ein Koloss, der die Bahnhofsgegend degradierte. Solche Hotelbauten entstehen und werden abgerissen, entstehen neu und werden wieder abgerissen. Warum sich Potsdamer „Alteingesessene“, wie sie sich selbst nennen, so daran klammern, kann nur vordergründig rational erklärt werden („Denkmal der DDR-Baukultur“, „endlich ein modernes Gebäude“ in einer „barockverseuchten“ Stadt).

Es war Devisenhotel für Ausländer, in das man als DDR-Mensch nicht so einfach hineinspazieren konnte. Ich erinnere mich noch an die Ausweiskontrollen, denen ich als Westdeutscher zu DDR-Zeiten in einem Leipziger Devisenhotel ausgesetzt war. Als DDR-Mensch im Interhotel Potsdam ein Zimmer zu bekommen, war nahezu unmöglich, das geben sogar die Ostalgiker zu.

2013_stadtschloss (1)
Hotel Mercure im Lustgarten, im Hintergrund der Neubau des Stadtschlosses und die Kuppel der Nikolaikirche

Für sie verschwindet wohl ein Stück der vertrauten Umwelt, man schimpft auf die Restaurierung der alten Gebäude, die die SED verfallen und abreißen ließ. Ästhetische Gesichtspunkte haben da kein Gewicht.

Wobei schon irrwitzige Koalitionen entstehen: Die Linkspartei nützt mit ihrem rückwärts gewandten Einsatz zum Erhalt des Baus der Investmentfirma, die mit dem Gebäude noch 30 Jahre gutes Geld verdienen kann.

Die Wessis krempeln die Stadt scheinbar nach Gutdünken um. Nach dem Willen der SED-Kader sollte das Holländische Viertel  verschwinden, jetzt ist es nahezu vollständig restauriert und eine Touristenattraktion. In der Jägerallee sollten noch mehr Gründerzeitvillen zugunsten von Plattenbauten für die Stasizentrale abgerissen werden. Im Lustgarten an der Havel war ein Fußballstadion entstanden. In den Babelsberger Park wurden Wirtschafts-, Hörsaal- und Unterkunftsgebäude für eine Hochschule gestellt. Großes und kleines Schloss, Matrosen- und Maschinenhaus ließ man zerfallen. Der Sacrower Park wurde in Teilen betoniert und zu einer Modell-Grenzübergangsstelle umgebaut, in der Zollhunde trainiert wurden. Die benachbarten Kleingärtner kippten ihren Gartenmüll in den geschundenen Park.

Lustig trotz allem, wie sich die Vorzeichen umkehren: Die SED-Taliban haben gesprengt, was nicht in ihre Ideologie passte: das Stadtschloss, die Garnisonkirche. (Das hinderte die Bonzen nicht, für den Eigenbedarf und die staatliche Repräsentanz Schlösser zu benutzen.) Die Verteidiger der Sprengung von Stadtschloss und Garnisonkirche streiten jetzt für den Nichtabriss ihres geliebten Devisenhotels.

Möglich, dass die eifrigen Leserbriefschreiber nur eine besonders aktive Minderheit sind. (Was ich bestreiten würde, wenn man hört, was so an Nachbartischen in Gaststätten alles geredet wird oder Taxifahrer erzählt…)

Die MAZ-Redaktion weiß, was sie ihrer Leserschaft schuldig ist: Auch wenn die Arbeitslosigkeit im Bund oder in Brandenburg sinkt, sie wird einen Landkreis finden, wo sie um 0,1 Prozent gestiegen ist und macht damit auf. Wenn die Schere zwischen „arm“ und „reich“ seit Jahren nicht mehr gewachsen ist, findet sie einen Pizzabäcker in der Uckermark, der seinen Mitarbeitern Hungerlöhne zahlt.

Ich setze auf die Mehrheit der jungen Leute, die selbstbewusst genug sind und sich nicht auf einen „Ossi-Status“ reduzieren (Jana Hensel: „Ich als Frau und Ostdeutsche“) und von Ostalgikern beeinflussen lassen.

Update 10. Oktober 2013: Jetzt werden auch unter pseudonym verfasste Online-Kommentare im Blatt abgedruckt. Man hört, dass die MAZ, wie fast alle Zeitungen, voran die Regionalzeitungen, Auflagenverluste hat und sparen muss. Der Politikteil soll jetzt von der neuen Muttergesellschaft Madsack kommen. Das hätte den Vorteil, dass auf Seite 1 weniger Brandenburger Befindlichkeiten auftauchen.

Nachtrag Dezember 2013: Anlässlich der Freilassung von Michail Chodorkowski werden bei den „Alteingessenen“ alte Reflexe wach: Der böse Kapitalist, der im natürlich Westen Kultstatus genießt und der gute Putin, der das Volksvermögen rettet. Dass Putin seine Millionen in derselben Zeit erworben hat wie C. seine Milliarden, passt nicht ins enge Weltbild. Dass Chodorkowski Jude ist, wurde bislang, anders als in Russland, noch nicht angeführt.

Nachtrag 2014: Kürzlich konnte ich einen Blick in die Leserbriefspalte der Mitteldeutschen Zeitung werfen, die in Sachsen-Anhalt verbreitet ist (Halle, Bitterfeld, Dessau). Dann doch lieber die MAZ!

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2 Kommentare zu „Die DDR lebt: Leserbriefe in der Märkischen Allgemeinen

    […] ehemaliger DDR-Kader, in Publikationen aus dem Dunstkreis der Linkspartei und hundertfach in Leserbriefen oder Kommentaren gelesen. Frau Rönicke hält die Vereinigung 1990 für eine Annexion. Wie viel […]

    […] Siehe zur Potsdamer Baukultur auch hier im Blog! […]

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