Swetlana Alexijewitsch, Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus

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Auf ein dokumentarisches Mammutwerk macht „Der Spiegel“ aufmerksam: „Niemand glaubt noch, Natur und Geschichte ließen sich vollständig besiegen und beherrschen und auf diesem Triumph könne ein Staat errichtet werden, organisiert von einer Kaderpartei. Aber dann sitzt man bei Swetlana Alexijewitsch in der Küche… und sie sagt: „Falsch. Der Kommunismus ist nicht vorbei. Er ist wie ein Virus. Er wird wiederkommen.“ Ihr neuestes Buch ist „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus.“  Sie hat Interviews mit Menschen gemacht, die noch heute vom Stalinismus geprägt sind und nicht mit dem Leben nach dem Zusammenbruch des Sowjetreiches zurechtkommen. Sie schildert aber auch die unglaublichen, entsetzlichen Biographien aus der Stalinzeit: Ein gläubiges Parteimitglied, seit 1922 dabei, wird 1937 verhaftet, gefoltert, weiß nicht warum. Im Krieg kommt er frei, darf gegen die Deutschen kämpfen. Die Partei sagt: „Sorry, Deine Frau ist verstorben.“ (Sie war ebenfalls verhaftet worden.) „Aber hier ist Dein Parteibuch zurück.“ „Da war ich glücklich“, sagt er im Interview. 30 Jahre hat sie daran gearbeitet. In Minsk, Weißrussland, wo sie lebt, dürfen ihre Bücher nicht verlegt werden. Im Oktober erhält sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Eine erste Lesefrucht: „Die Mehrheit fühlt sich von der Freiheit genervt. ´Ich habe drei Zeitungen gekauft, und in jeder steht eine andere Wahrheit. Wo ist die richtige Wahrheit? Früher hast du morgens die Prawda gelesen und wusstest Bescheid. Hattest alles verstanden.`“ (p 12) Durch die Erinnerungen der Interviewpartner wird etwas erkennbar, was keines der Sachbücher zum Stalinismus und vor allem dem Roten Terror leistet, die ich kenne, – bei allen Verdiensten – leisten konnte: Was richteten Stalins willige Vollstrecker in den Köpfen der Menschen an? Es waren Tausende, die die Lager bewachten, die die Planvorgaben an Erschießungen erfüllten, die Anklageschriften und Urteile erfanden und verlasen. die die Opfer aus den Wohnungen und Büros holten und solange vernahmen, bis sie auch das Widersinnigste gestanden. Es lebten alle in Angst, wenn der Bruder die Schwester denunzierte, die eine Nachbarin die andere. Die Täter von heute waren die Opfer von morgen. Ein ehemaliger Journalistikstudent erzählt, wie das war, wenn man aus den Semesterferien zurückkam und jedesmal waren alte Dozenten verschwunden und Kommilitonen fehlten. Andererseits bleibt die Stalinzeit für eine wachsende Zahl von Menschen die große Zeit, der Kommunismus die berauschende Idee. Sie ist es Wert, Blut zu vergießen, Menschen zu töten, in einem gewaltigen Kraftakt Fabriken, Kraftwerke und Kanäle zu bauen. Die neuen Werte – Geld, Pizza, Mallorca und 100 Käsesorten – werden verachtet. „Man kann uns nur nach den Gesetzen der Religion betrachten, nicht nach den Gesetzen der Logik… Ihr werdet uns noch einmal beneiden. Was habt ihr denn Großes? Nichts. Nur den Komfort… Sich den Bauch vollschlagen und sich mit Klunkern behängen…“ (p 212)

–  Swetlana Alexijewitsch, „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus.“ (Bei der Bundeszentrale pB für 4,50 €; März 2015)
– Rezension in der „Welt“
Zitate aus dem Buch
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Ein Kommentar zu „Swetlana Alexijewitsch, Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus

    […] Secondhand-Zeit im Blog […]

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