Sowjetische Speziallager in der SBZ/DDR

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Foto an der Straße zum Lager

In der KZ-Gedenkstätte in Sachsenhausen/Oranienburg sind die Außenanlagen neu gestaltet worden. Die ganze Brutalität dieses Modell-KZs der Nazis wird noch erkennbarer. Die SED hatte mit dem Bau eines antifaschistischen Beton-Heldendenkmals viel historische Substanz zerstört.

In einem abgelegenen Teil des Lagers wurden jetzt auch einige Baracken des sowjetischen Speziallagers restauriert und eine kleine, informative Ausstellung gestaltet.

Dazu gehört eine Tonbandaufnahme von einem Schriftstellerkongress, auf dem eine Schriftstellerin stockend fragt, wie es komme, dass jetzt, zwei Jahre nach der Befreiung, Menschen spurlos verschwänden, wie in der Nazizeit, und niemand wage zu fragen, wo sie seien. Der SED-Politiker Friedrich Wolf (Autor von Theaterstücken und Drehbüchern, Vater von Markus und Konrad Wolf) antwortete daraufhin, man befinde sich in einem Krieg mit den Faschisten und müsse auf der Hut sein.

Am Eingang des Speziallagers steht seit ca. zehn Jahren eine Ausstellungshalle zu diesem Lager. Die finde ich allerdings dunkel und unübersichtlich. Die Dokumente auf den Glasplatten sind schlecht lesbar. Es sind zu viele Textexponate. Auch den Tenor „pro und contra“, den ich zu erkennen glaube, finde ich unangemessen. Wie viel eindrücklicher ist die neue Ausstellung in einer der Baracken.

Hier ein Aufsatz zur Geschichte der sowjetischen Speziallager. Er ist auf der Webseite eines Verbandes der Stalinismusopfer veröffentlicht. Die Potsdamer Neuesten Nachrichten würden dazu sagen, er sei einseitig aus der Sicht der Opfer geschrieben. (Dies haben Journalist/-innen der PNN zumindest in einem anderen Fall so formuliert.)

Siehe auch den Eintrag zum ehemaligen KGB-Gefängnis in Potsdam und hier.

Eine fundierte Studie zu dem insgesamt vernachlässigten Thema ist: Bettina Greiner,Verdrängter Terror (s. u.)

Daraus ein paar Zahlen: Ca. 190.000 Personen wurden in den Lagern festgehalten (Davon ca. 35.000 Sowjetbürger/-innen.) Das größte von zehn Lagern war das Speziallager auf dem Gelände des ehemaligen KZ Sachsenhausen/Oranienburg. In manchen Lagern starb ein Drittel der Insassen durch Hunger oder Krankheit, insgesamt ca. 44.000. Die Lager wurden 1950 aufgelöst, noch lebende Insassen in DDR-Gefängnisse oder in den GULag verlegt. Sowjetische Militärtribunale (SMT) verurteilten noch bis 1956.

Zwar wurden meist drakonische Strafen verhängt, diese jedoch durch Amnestien fast immer verkürzt. Auffällig ist, dass meist Jüngere (15-26) verurteilt wurden und sehr wenige adlige Großgrundbesitzer oder Unternehmer. Da es nie öffentliche Verfahren gab, die Akten noch unter Verschluss oder verschwunden sind, lässt sich schwer sagen, wie viele wirklich NS-Belastete darunter waren.

Härter als Strafen gegen NS-Belastete waren die Strafen für diejenigen, die die Kommunisten als Gefahr für ihr Besatzungsregime sahen und als Spione, Verräter oder Saboteure verurteilte. Darunter waren auch eine ganze Menge Sozialdemokraten und noch mehr Kommunisten.

Schukow schlug Ende 1946 Stalin vor, 35.000 der damals 80.000 Häftlinge zu entlassen. Die Lagerverwaltung war ein chaotisches Bürokratiemonster, die Ernährungslage katastrophal, die Sterberate entsprechend hoch. Stattdessen ließ Stalin Zehntausende der unterernährten Insassen als Arbeitskräfte in den GULag schaffen.

Ein Forscher des Potsdamer Instituts für zeitgeschichtliche Forschung wurde kürzlich in den PNN erwähnt. Er forscht über die Speziallager. Als einen Hauptgrund für die Strafprozesse des SMT nannte er, dass die Sowjets den Mord an den Juden verfolgt hätten. Das wäre eine sensationelle Entdeckung!

Der Antisemit Stalin, der Ende der 40er Jahre gerade wieder eine neue Terrorwelle gegen jüdische Sowjetbürger entfachte, als Rächer des Holocausts! Bettina Greiner (s. u.) kann in ihrem gründlichen Aktenstudium keinen Beleg finden, dass das der Hauptzweck der Lager war.

Die Lager wurden 1950 an die SED übergeben. Die SED „erbte“ noch 10.000 Gefangene. Die meisten Insassen waren inzwischen in den sowjetischen GULag gebracht worden. Der „Rechtsstaat“ DDR verhängte gegenüber 3.300 Internierten 31 Todesurteile und mindestens 35.000 Jahre Zuchthaus (p 336).

Greiner spricht von einer „Dethematisierung“ der Lager in Ost und West, sie wären „leere“ Erinnerungsorte. In Westdeutschland seien sie über dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 und dem Mauerbau 1961 in Vergessenheit geraten. Gut zehn Jahre später passte es nicht mehr in die politische Landschaft der Ostpolitik. So soll es Willy Brandt einem ehemaligen Häftling wörtlich gesagt haben. Die 68er-Bewegung tat ein Übriges. In der 2006 neu konzipierten Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin findet man einen Satz.

Im Osten seien die Speziallager, wie die gesamte stalinistische Verfolgung der 40er und 50er Jahre, tabu gewesen. Nur bei Brigitte Reimann (Franziska Linkerhand, 1973 posthum erschienen), Uwe Johnson (Jahrestage, 1973) und Klaus Kordon (Julians Bruder, 2004) kommen sie vor.

Literaturtipp: Bettina Greiner, Verdrängter Terror, Geschichte und Wahrnehmung sowjetischer Speziallager in Deutschland, 2010 Hamburger Edition (Leseprobe; 20 Seiten)

Ergänzend und weiterführend in: Die Ahndung von NS- und Kriegsverbrechen in der SBZ/DDR von Jörg Echternkamp, mit Literaturliste

In den heute polnischen deutschen Ostgebieten (Schlesien, Pommern, West- und Ostpreußen gab es weitere 28 Lager.

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6 Kommentare zu „Sowjetische Speziallager in der SBZ/DDR

    […] Die Unterstützung kommt von der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Die Potsdamer Einrichtung gehört zu dem Verbund der Stiftungs-Gedenkstätten. Leiter ist Prof. Dr. Günter Morsch. Morsch sieht seine Aufgabe in der Aufklärung über die nationalsozialistischen Verbrechen. Das ist auch gut so. Kein Interesse hat er aber an der Aufarbeitung der sowjetischen Speziallager in einigen seiner Gedenkstätten. Dort wurden von 1945 bis Anfang der 50er Jahre Menschen eingesperrt, angeblich alles Nazis. Das Management der Lager war so miserabel, dass es viele Tote gab und sogar der KGB empfahl, die Lager aufzulösen. […]

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    […] Nicht sehr oft kommt es vor, dass ein sowjetisches Speziallager das Interesse von Jugendlichen hervorruft. In der Regel geht es um die nationalsozialistischen Konzentrationslager und nicht darum, wie die Sowjets nach der Befreiung Deutschlands vom Faschismus die Lager weiternutzten. (Zu Speziallagern siehe im Blog u. a. hier!) […]

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    […] Siehe auch: Lechts und rinks wird nicht verwechselt und das Buch Bettina Greiners […]

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    […] Ministerpräsident Dietmar Woidke brauchte nicht so lange wie sein Vorgänger Matthias Platzeck, um ein Gespräch mit Insassen sowjetischer Speziallager zu führen, die u. a. in den ehemaligen NS-KZs Oranienburg und Buchenwald eingerichtet worden waren. […]

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    […] gegen Unmenschlichkeit (KgU). Sie war angesichts des Massensterbens in den ostzonalen sowjetischen Arbeitslagern von ehemaligen Nazigegnern gegründet worden. Anfänglich wurde sie von Spenden aus der […]

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    […] brandenburgische Gedenkstättendirektor, Prof. Dr. Morsch, ein großer Freund der Aufarbeitung der sowjetischen Speziallager in den ehemaligen Nazi-KZs ist. Sowohl in Buchenwald/Thüringen als auch im  brandenburgischen […]

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