rbb/MDR: „Die Außenhändler“

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rbb und MDR können auch anders, das will ich nicht unterschlagen. Aber ab und an muss man wohl die bedienen, die in Erinnerungen an die gute, alte DDR schwelgen möchten. Der Publikumsgeschmack Dagegen ist nichts einzuwenden, solange solche Dokumentationen nicht für bare Münze genommen werden und gar im Schulunterricht eingesetzt werden. So viel Unterricht kann es aber gar nicht geben, der das wieder zurechtrücken könnte, was hier wieder einmal verbreitet wurde.

Diesmal also die Außenhändler: Menschen, die für die DDR im (vor allem westlichen) Ausland einkauften oder verkauften. Die Erinnerungen sind spannend. Wie sie improvisieren mussten, wie sie unter Diskriminierung litten, weil kein westlicher Botschafter ihnen die Hand schüttelte. Dabei wären sie führend mit ihren Angeboten gewesen: In London fuhren Wartburgs (Die scheiterten aber bald an der britischen Emissionsgesetzgebung.) Die DDR-Mode galt in England als schick. Man überzeugte skeptische Partner davon, dass man immer noch die Qualitätsprodukte enteigneter Privatunternehmer verkaufte.

Dann ist die DDR urplötzlich im Hintertreffen. Nicht mehr Weltmarktführer, sondern dem westlichen Qualitätsstand hinterherhechelnd. Wie kam´s? Man versteht´s nicht, auch die Außenhändler nicht. Die MDR-Journalist/-innen texten: „Die Kombinate fühlten sich sich nicht für den Export verantwortlich. Es wurde am Markt vorbei produziert.“ Seit wann haben Betriebe im Kommunismus für den Markt produziert? Zumindest für die Filmemacher/-innen wäre ein Grundkurs „Zentralverwaltungswirtschaft“ sinnvoll gewesen. Man hätte sich gelegentlich einmal die Einordnung durch einen Wirtschaftshistoriker gewünscht (Einmal spricht ein Wissenschaftler, von dem man allerdings nur den Namen erfährt.) Im Abspann wird keine wissenschaftliche Beratung genannt.

Natürlich dürfen die Klischees nicht fehlen: DDR würde zu den zehn stärksten Industriestaaten gehören. In der Treuhand haben West-Yuppies die DDR plattgemacht, die, ausdrücklich wird es im Film gesagt, nicht pleite war.

Angesichts so toller Außenhandelsmanager/-innen ist kaum zu verstehen, dass die DDR unterging. Warum ging sie eigentlich unter? Weil das NSW keine fairen Preise für Ostprodukte zahlte, weil die Japaner die Unterstützung bei der Mikrochipproduktion einstellten, weil die Rumänen Badewannen nicht pünktlich lieferten? Vielleicht noch wegen Honecker und Mielke? Aber sonst waren wir top, wollten dem Sozialismus zum Sieg verhelfen und jetzt sind wir die Verlierer. So resümiert ein Außenhandelsrenter. Für diesen Quatsch zahle ich Zwangsgebühren!

War es denn nicht so, dass die DDR Unternehmer enteignete, vertrieb oder einsperrte? War sie es nicht, die den Kapitalismus und das Privateigentum an Produktionsmitteln ausmerzen wollte? („Das Unkraut ausmerzen“ sagte man bei der Bodenreform und meinte nicht nur die Großgrundbesitzer.) Und jetzt beklagen die Außenhandelsmanager/-innen, dass es Boykotte des NSW gab, Nichtanerkennung usw., obwohl sie sich doch so viel Mühe gegeben hatten. Wenn der rote Großvater erzählt…  Waren in der Zentralverwaltungswirtschaft nicht Preisbildung am Markt und freies Unternehmertum abgeschafft? Ein kleines bisschen hätte man doch auch dem Laienpublikum verständlich machen können, dass die Erinnerungen der Manager/-innen Respekt verdienen, dass sie aber nichts erklären.

Was auch nahezu unter den Tisch fällt: Die Damen und Herren Außenhändler wurden vom MfS überwacht. Sie mussten ihre Reisepässe in Schönefeld bei Rückkehr ins Sammelkörbchen werfen, sie mussten für die Stasi Berichte schreiben, wer mit wem aufs Hotelzimmer ging. (Da hätte man angeblich nur belangloses Zeug hineingeschrieben.) Wenn das MfS einen Verräter vermutete, wurden auch schon mal Aktentaschen radioaktiv verseucht, weil man Fingerabdrücke haben wollte.

Es mag tragisch sein, dass die Außenhändler/-innen sich gerne als ebenbürtig zu westlichen Sales Managern sehen, aber ihr Staat war kein normaler Staat. Darüber helfen auch ostalgische Dokumentationen der Retro-Sender nicht hinweg.

Das Misstrauen, das von einigen Historikern Zeitzeugen gegenüber zum Ausdruck gebracht wird, ist nicht unbegründet. Aber niemand fordert, die Narrative der Zeitzeugen als alleinige Wahrheit zu begreifen. Aber wenn Dokumentarfilmer/-innen sich nur als Mikrofonhinhalter/-innen verstehen…

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Ein Kommentar zu „rbb/MDR: „Die Außenhändler“

    […] Der Film über die DDR-Außenhändler lief heute Abend wieder einmal im mdr. Aus diesem Anlass lese ich noch einmal, was ich vor vier Jahren dazu geschrieben habe. […]

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