Vor 60 Jahren: Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953

Gepostet am Aktualisiert am

In der neuen Ausgabe von „Horch und Guck“ (Heft 1/2013), die dem 17. Juni gewidmet ist, führt Sascha-Ilko Kowalczuk in das Thema ein.

Er beschreibt den Aufstand als Folge des 1952 propagierten neuen Kurses „Aufbau der Grundlagen des Sozialismus“. Dieser Parteitagsbeschluss führte zu einem „regelrechten Vernichtungskampf gegen Selbständige, private Unternehmen, Bauern, Kirchen, die bürgerliche Mittelschicht… Zwei Millionen Menschen wurden die (damals noch ausgegebenen; GS) Lebensmittelkarten entzogen. Die Fluchtbewegung nahm rapide zu…“

Die DDR stand kurz vor dem Kollaps. Die Sowjets griffen ein und verordneten der SED einen „Neuen Kurs“, der am 9./10. Juni 1953 vom Politbüro verkündet wurde. Die Bevölkerung begriff das als „Bankrotterklärung“ der Partei.

„Zwischen dem 16. und dem 21. Juni kam es zu Demonstrationen, Streiks, Kundgebungen, Erstürmung öffentlicher Gebäude … in über 700 Städten und Gemeinden.“

Völlig übersehen wurde bisher von der Geschichtswissenschaft die maßgebliche Rolle der Landbevölkerung. Auf dem Land hatte sich der Unmut über die Repression der SED schon vor dem 17. Juni gezeigt. In der Zeit des Aufstandes wurden kommunistische Bürgermeister verpügelt, verhaftete Bauern und Mühlenbesitzer aus den Gefängnissen geholt und die SED-Parolen von Häusern entfernt. Über 500 LPGen lösten sich auf. Auch nach der gewaltsamen Unterdrückung des Aufstandes durch die Rote Armee zogen sich Proteste auf dem Land bis 1954 hin. (Mehr zum Aufstand in den Dörfern steht bei Jens Schöne im gleichen Heft.)

Seit den 90er Jahren sei der Aufstand „wiederentdeckt“ worden. Der Forschungsstand habe sich erheblich weiter entwickelt. Kowalczuk hält den Aufstand freilich keineswegs für überforscht.

Eindeutig sei indes, dass es um die Beendigung der SED-Diktatur ging, um Wiederherstellung der nationalen Einheit. Die Deutschlandfahnen und das Absingen der dritten Strophe des Deutschlandliedes und die allgegenwärtige Forderung nach Wiedervereinigung, nach freien, geheimen Wahlen und der Absetzung der DDR-Regierung stünden dafür.

Die SED strickte dagegen am Mythos des faschistischen Aufstandes. Da wollen Genossen genau gesehen haben, wie Altnazis in Kolonnen durch Ostberlin marschierten. Auch die Kunstschaffenden sahen den Nationalsozialismus wieder heraufziehen und biederten sich bei den Herrschenden an: Brecht, Otto Nagel und Anna Seghers. Stefan Heym erfand die „faschistischen Sturmtruppler in Ringelsöckchen und Cowboyhemden“ und schwadronierte von verschlampten Frauen und verkommenen Prostituierten. Eine von ihnen hätte den Aufstand erfunden. Zur Belohnung durfte er ständig nach Berlin (West) in die geliebten italienischen Restaurants fahren. Kowalczuk hält manchen aus der Kulturschickeria die erhöhte Sensibilität nach der Vertreibung und Verfolgung durch die Nationalsozialisten zugute.

Einzig Uwe Johnson, in die Bundesrepublik geflüchtet, beschreibt den Aufstand angemessen, als Erhebung für Demokratie, freie Wahlen und  Wiedervereinigung (Ehrhard Neubert im gleichen Heft.)

Plakat 17. Juni 1953
Alle Orte, in denen es 1953 – nicht nur am 17. Juni, sondern auch in den Wochen davor und danach – zu Unruhen kam. Bundeszentrale für Heimatdienst, 1953, Haus der Geschichte, Bonn

 

In Westdeutschland wurde anfänglich noch vom „Volksaufstand“ gesprochen, dann aber wurde, bis zum Ende des Jahrhunderts, der Aufstand zu einem Arbeiteraufstand mit Schwerpunkt in Ostberlin umdefiniert.

Eine im Wesentlichen klassenbewusste Arbeiterklasse hätte sozialpolitische Verbesserungen gefordert. Keineswegs sei es um grundsätzliche Kritik an der DDR oder um die Wiederherstellung der nationalen Einheit gegangen. Nach dem Standardwerk von Klaus Harpprecht, das er 1954 unter dem Namen Stefan Brant zusammen mit Klaus Bölling veröffentlichte, kam es zu dieser Umdeutung in der westdeutschen Wissenschaft und Publizistik: Vor allem die Politologen Arnulf Baring und Martin Jänicke sowie der Publizist Rudolf Augstein legten den Grundstein für dieses Narrativ. Es fand – bis heute – Eingang in die westdeutschen Geschichtsbücher. Es war der erste Schritt zu dem, was später zur Ostpolitik der Bundesregierungen wurde: „Wandel durch Annäherung“. Es sei alles zu vermeiden, was die SED destabilisieren könnte.

Wie sehr der 17. Juni den Machthabern in den Knochen saß, wird erkennbar an der Frage Mielkes am 31. August 1989: “ Ist es so, dass Morgen der 17. Juni ausbricht?“

Webseite  der Stiftung Aufarbeitung zum Jahrestag

Nachtrag: In der IGS Mainspitze“ in Bischofsheim/Hessen, gab es dazu u. a. eine Ausstellung in der Schulbibliothek.

Advertisements

Ein Kommentar zu „Vor 60 Jahren: Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953

    […] Siehe auch im Blog “Ampelmännchen und Todesschüsse”! […]

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s