Die Potsdamer Garnisonkirche: So funktioniert Geschichtspolitik

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Im März 1933 wurde für die konstituierende Sitzung des Reichstags nach den Märzwahlen ein Saal gesucht. Der Reichstag fiel wegen der Brandstiftung van der Lübbes im Februar aus.

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Garnisonkirche Potsdam

 

Die Reichstagsverwaltung wandte sich auf der Suche nach einem geeigneten Sitzungsort an die Stadtverwaltung in Potsdam. Auch dort war man anfänglich ratlos. Dann empfahl ein Kommunalbeamter, doch mal in der Garnisonkirche anzufragen. Das tat die Reichstagsverwaltung.

Für die gerade an die Macht gekommenen Nationalsozialisten, allen voran der frisch gebackene Propagandaminister Dr. Goebbels, war das ein gefundenes Fressen. Sie machten daraus einen Tag von Potsdam als Zeichen der Versöhnung der brandenburgisch-preußisch-monarchischen Geschichte Deutschlands mit den neuen nationalsozialistischen Machthabern.

 

Hindenburg mochte den „böhmischen Gefreiten“ Hitler überhaupt nicht. Aber der hatte in der Kirche lobende Worte für den Reichspräsidenten gefunden und dieser reichte ihm zum Abschied draußen vor der Kirche gerührt die Hand. Der zufällige Schnappschuss eines amerikanischen Pressefotografen gilt bis heute als Symbol des Einklangs der alten deutschen Eliten mit dem neuen nationalsozialistischen Führerstaat. Goebbels würde sich freuen, wenn er sähe, wie seine Inszenierung bis heute wirkt.

Für die in der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands an die Macht gekommenen Kommunist/-innen war die Garnisonkirche doppelt verhasst, als Bau des preußischen Militarismus und als Veranstaltungsort der Nationalsozialisten. Sie können zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Nicht nur die Nationalsozialisten sind der Feind, man kann gleich Preußen, die Aristokratie, die Konservativen und die Kirche in die braune Ecke schicken.

Der Wiederaufbau der im April 1945 nach dem Luftangriff auf Potsdam ausgebrannten Kirche wurde gestoppt. Auf Geheiß der SED wurde sie 1968, wie andere Kirchen in der DDR auch, gesprengt.

(Dort steht jetzt ein ehemaliges Gebietsrechenzentrum der DDR. In einem Rechenzentrum einmal eine Wahlbeteiligung von 120% errechnet.)

Die 80. Wiederkehr des Tags von Potsdam beging man in der Stadt mehrere Wochen lang mit geschätzten zwei Dutzend Veranstaltungen, Filmabenden, Podien, Seminaren, Ausstellungen und Vorträgen. Die örtlichen Zeitungen brachten mehrfach Sonderseiten und ganzseitige Dokumentationen. Die gesamte Nazizeit wurde darin aufgerollt. Noch immer geht es in langen Leserbriefen um Faschismus und Antifaschismus. Alles nahm seinen Ausgang am Tag von Potsdam.

Eigentlich müsste ich als ehemaliger Geschichtslehrer und Geschichtsinteressierter sehr zufrieden mit so viel Geschichte in der Gegenwart sein. Nun ist Potsdam in historischer und politischer Hinsicht aber ein besonderes Pflaster: Die Linkspartei, in dieser ehemaligen SED-Hochburg immer noch sehr stark, hat ihre eigenen Veranstaltungen durchgeführt. Sie pflegt ihre Gewissheiten, da lässt man sich ungerne, schon gar nicht von nichtkommunistischen Historikern, hineinreden. Dann gibt es eine Bürgerinitiative, die die Garnisonkirche wieder aufbauen möchte. Das ist – wie könnte es in Potsdam anders sein – umstritten. Denn wer Glocken gießen lässt, die den Namen von Städten östlich der Oder und Neiße tragen, muss ein unverbesserlicher Revanchist sein, Militarist sowieso. Es gibt eine Dagegen-Bürgerinitiative, gegründet von einem Aktivisten der Partei „Die Andere“, einer sehr linken Gruppierung, die auch im Stadtparlament vertreten ist. Dann gibt es noch eine „Friedenskoordination“ im Dunstkreis der Linkspartei.

Für Veranstaltungen, auf denen es um den Wiederaufbau geht, gelten seit Jahren besondere Sicherheitsvorkehrungen. Denn in Potsdam gibt es militante Antifaschist/-innen. Sie erinnern in ihrem Auftreten an die SA in den 30er Jahren. Die störte mit Vorliebe Veranstaltungen von politischen Gegnern, rempelte, krakeelte und provozierte Schlägereien. Vieles davon praktizieren die Potsdamer Antifaschist/-innen auch. Sie nennen sich linksautonom oder linksalternativ. Sie krakeelen z. B., wenn es um ein modernes Kunstmuseum, das der Milliardär Plattner der Stadt schenken will, geht. Das ist für sie „Barockfaschismus“! So stand es auf dem Plakat vor der Rednertribüne. Vielleicht hatten sie auch nur keine Lust die Poster von der letzten Demo zu ersetzen durch „Plattner-Faschismus“. Sie singen auf einer Kundgebung gegen die rot-rote brandenburgische Landesregierung während der Rede eines von der SED-Verfolgten alten Herren: „Ach, wärst du doch in der Leistikowstraße geblieben“ (dem Potsdamer KGB-Gefängnis). Die Touristenattraktion der Vereidigung der Langen Kerls muss unter Polizeischutz stattfinden, das wäre nämlich Faschismus pur. Am 23.3. marschieren die PR-Expert/-innen der Potsdamer Antifa mediengerecht in Fantasie-Uniformen und fratzenhaft weiß geschminkten Gesichtern auf, stören eine Gedenkminute und sorgen für Rempeleien, so dass Ministerpräsident und Oberbürgermeister sich schützend vor eine evangelische Pfarrerin stellen müssen, deren Rede die linksalternativen Antimilitaristen stören. (Märkische Allgemeine)

Potsdams linksautonome Subkultur wird mit Darlehen und Zuschüssen aus dem Stadthaushalt oder von städtischen GmbHs unterstützt. In „alternativen“ Kultur- und Jugendzentren hält man Marxismuskurse ab. Nicht wenige Sozialarbeiter haben Linken-Parteibücher. Das Etikett Jugendkultur ist unzutreffend, attraktiv für Schüler/-innen ist das Angebot nicht. Eher sind es ältere Berufsjugendliche, die sich Konzepte für Jugendzentren schreiben, in denen sie dann Geschäftsführer werden. Man ist gut vernetzt. Der AStA der Uni spendiert aus seinem, aus den Gebühren aller Studenten gespeisten Haushalt schon mal 3.000 € für Antifa-Aktionen. Der örtliche Linksparteivorsitzende, ein Student der Politikwissenschaft, lobt die Antifa-Maskerade. Der stellvertretende Landesvorsitzende, ein Lehramtsstudent, nennt den Bundespräsidenten einen „widerlichen Kriegshetzer“.

Für die Medien sind Slogans und Parolen von Faschismus und Militarismus und Bilder von Demonstrationen beliebtes Futter. Der Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland setzt gleich zu einem Rundumschlag gegen die Potsdamer Gedenkkultur an: Jüdische Aspekte würden zu wenig angesprochen und der Zentralrat nicht gefragt. Ein örtlicher Rabbiner dagegen findet, dass die Garnisonkirche auch für den NS-Widerstand stehe, den es in der Gemeinde gegeben habe.

Der Pfarrer der Potsdamer Nikolaikirche hielt seinerzeit Nazipredigten und beschwerte sich bei der Partei, dass das in der Garnisonkirche nicht passiere. Aber für solche Feinheiten sind ideologisierte Eiferer nicht zu haben.

Das Gute an der erregten Debatte ist, dass Geschichte nicht als Museumsstück betrachtet werden kann, dass sie nicht zu Ende ist und die Gegenwart beeinflusst. Bedauerlich ist, dass das holzschnittartige, auf die Unfehlbarkeit der eigenen Ideologie ausgerichtete Geschichtsbild der Sozialist/-innen in Potsdam dominiert. Die Nationalsozialisten, die Kirche, der Adel, Preußen, alles wäre ein brauner Sumpf. Die Potsdamer Antifa von Studenten, Kneipenwirten und alternativen Kulturzentrenpädagogen hämmert ihr Geschichtsbild erfolgreich in die Köpfe der Journalisten und Medienkonsumenten. Die Antifa setzt die stalinistische Geschichtsauffassung fort: Alles, was rechts von den Linken ist, wäre Faschismus:

  • Die SPD: Sozialfaschismus
  • Die Kirche: Klerikalfaschismus
  • Kapitalismus=Faschismus
  • Auch die preußischen Schlösser und Parks bekommen ihr Fett ab: Barockfaschismus (So genau braucht man die Baustile nicht zu kennen, ist eh alles Faschismus.)

Darüber gerät, in voller Absicht, in Vergessenheit, wie es in der Weimarer Republik wirklich ausgesehen hat. So ganz unschuldig sind die Kommunist/-innen nicht am Untergang der Republik. Sie haben die Wahlen zur Nationalversammlung bekämpft, sie sind mit Waffengewalt gegen die Republik vorgegangen. Rosa Luxemburg hielt Parlamentarismus für eine Geisteskrankheit. Ernst Thälmann machte aus der KPD eine moskauhörige, stalinistische Partei, er führte die bewaffneten Aufstände der Kommunisten von 1923 an.

Die NSDAP war von den Anfängen bis 1932 bei den Reichstagswahlen eine Splitterpartei unter drei Prozent. Es gab allerdings kommunale Hochburgen in Nord- und Nordostdeutschland. Die KPD hatte während der gesamten Weimarer Zeit vier- bis fünfmal höhere Wahlergebnisse, um die 10 bis 13 Prozent. Sie hatte schon 1919 für Unruhen und Schießereien gesorgt. In den Industriegebieten und in Großstädten hatte sie Hochburgen, sie regierte in zwei Ländern mit.  Im kulturellen und intellektuellen Leben der Republik hatte die KPD Sympathisanten. (Nach dem KPD-Mitglied und Schauspieler Hans Otto ist das Potsdamer Theater benannt. Hans Otto wurde von den Nazis in einem KZ ermordet.)

Die KPD stand der Republik feindlich gegenüber, für sie war ein Systemwechsel à la UdSSR das Ziel. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wollten die Wahlen zur Nationalversammlung verhindern, sie propagierten einen Staat nach bolschewistischem Vorbild. Schriftsteller und Intellektuelle schrieben – überwiegend – begeisterte Berichte aus der jungen Sowjetunion. Kompromisse und Koalitionen mit liberalen, bürgerlichen Parteien kamen für die KPD nicht in Betracht. Im Gegenteil, auf Stalins Geheiß arbeitet man in den 30er Jahren auch gelegentlich mit den Nazis zusammen, bei Streiks etwa.

Stalin war der Meinung, Hitler würde sich nicht lange halten, danach fiele Deutschland in die Hände der Kommunisten. Als das dann nicht eintrat, wollte er sich die Weltherrschaft mit ihm teilen und schloss den Ribbentrop-Molotow-Pakt.

Nicht auszudenken, wie die Geschichte verlaufen wäre, wenn die KPD die Weimarer Koalitionen wenigstens in wichtigen Augenblicken unterstützt hätte. 1925 versagten sie dem hoch geachteten Zentrumspolitiker Marx ihre Stimme bei der Reichspräsidentenwahl. Er unterlag knapp dem General Hindenburg. Statt das bürgerliche Lager gegen die Rechtskonservativen zu unterstützen, stellten sie ihren Ernst Thälmann auf. (Man kennt das von der Linkspartei bei Bundespräsidentenwahlen.)

Die Kommunisten erkannten erst sehr spät, dass die Nazis nicht nur der Republik den Garaus machten, sondern auch ihnen. Dann erst begannen sie ihren antifaschistischen Kampf, von dem sie bis heute unablässig reden. Heute liest sich das so, als ob die Kommunisten sich schon immer gegen die NSDAP gestemmt hätten und alle anderen die Republik verraten hätten. Ihr eigenes Versagen haben sie vergessen gemacht. Das ist erfolgreiche Geschichtspolitik.

Für die meisten Bürger der Weimarer Republik schienen die Kommunisten, hinter denen Stalin stand, der Anfang der 30er Jahre den Terror steigert und Millionen von kasachischen, polnischen und ukrainischen Bauern in den Hungertod treibt, die größere Bedrohung zu sein als der Nazi-Pöbel. Erst die Weltwirtschaftskrise lässt das Wahlergebnis für die NSDAP von mickrigen 2,6% im Jahr 1928 (KPD 10,6) auf 37,3% im Juli 1932 explodieren. Die bürgerlichen Wähler liefen von ihren Parteien, die mit der Krise nicht fertig wurden, massenhaft zur NSDAP über. Nicht wenige arbeitslos gewordene Arbeiter traten in die SA ein, in deren Lokalen es eine kostenlose warme Mahlzeit gab. Es war sicher nicht die Schwungmasse der Nazis, wie das der CDU-Politiker Heiner Geißler einmal formulierte. Aber in mancher Biographie eines standhaften Kommunisten liest man davon, dass der Kumpel und Genosse von gestern ab 1933/34 im Braunhemd herumlief und in der SA Karriere machte.

In Ostdeutschland hat jedes Dorf und jede Stadt eine Thälmannstraße oder ein Thälmann-Denkmal, Potsdam hat das Ernst-Thälmann-Stadion. Eigentlich ist er ein Hochverräter, der die erste deutsche Demokratie mit Waffengewalt bekämpfte (s.o.).

In Potsdam zeichnen sich die nächsten geschichtspolitischen Debatten ab: Hindenburg soll die Ehrenbürgerschaft aberkannt werden. Und die Linke fordert mehr Straßennamen für Kommunisten, z. B. verdiente Spanienkämpfer. Wie wär´s mit Walter- Ulbricht-Straße? Der war in Spanien und hat dafür gesorgt, dass Angehörige der Kommunistischen Internationale, die dort kämpften, liquidiert wurden.

Update 28.8.2014: Die Gruppe ostdeutscher evangelischer Pfarrer um Dr. Schorlemmer hat wieder Unterschriften gesammelt, diesmal gegen die Garnisonkirche.

Sie sah schon den Bundespräsidenten als Kriegstreiber, weil er sich auf eine UN-Entschließung bezog, die besagt, dass die Weltgemeinschaft notfalls auch militärisch eingreifen muss, wenn es in einem Staat zum Massenmord an der Bevölkerung kommt,

Einer der wortführenden Pfarrer meinte auf den Vorhalt, dass man die Garnisonkirche in der evangelischen Kirche ja auch unterstütze, die Unterschriftenaktion der Schorlemmer-Gruppe sei ein Zeichen für die Meinungsvielfalt in der Kirche. Mit der hohen Diskussionskultur scheint es aber nicht weit zu sein: Die Kirchenleitung bedauert, dass ein Gesprächsangebot von den Aktivist/-innen abgelehnt worden sei.

- Interview mit Pfarrerin Radeke-Ernst
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5 Kommentare zu „Die Potsdamer Garnisonkirche: So funktioniert Geschichtspolitik

    […] zu verhindern. Was sie und ihre Vorfeldorganisationen in Potsdam alles unternehmen, steht u. a. hier im Blog. Jetzt hat die Bundestagsfraktion der Linken (vergeblich) versucht, im Bundestag die […]

    […] Am besten, man liest zuerst, was ich vor drei Jahren zu den geschichtspolitischen Narrativen zur Potsdamer Garnisonkirche geschrieben habe. […]

    […] Garnisonkirche gilt Linken als Nazikirche. Gegen Inanspruchnahme durch die Nazis hat sich die Gemeinde, bisweilen erfolgreich, gewehrt. Ein […]

    guenther sagte:
    13/04/2015 um 5:43 am

    Hallo,
    der Artikel ist für mich, wo man mit Thälmann – Helden-Mythos groß geworden ist, neu und interessant. Ich muss dazu sagen, dass ich als Kind nichts vermisst habe in der DDR und sie auch nicht als ungerecht empfunden habe. Die alltäglichen Impfungen haben gefruchtet. Allerdings bin ich mit den soz.Bauwerken inmitten der Baukunst mehr als unzufrieden. Mir fehlen bei manchen Sätzen, Beispiele bzw. Quellen- irgendwas, dass man nachvollziehen kann. Wenn man das eine oder andere Argument im Bürgerdialog anbringt, möchte man dies auch belegen können. Z.Bsp.die Beschwerde bei der Partei, des Pfarrers der Nikolaikirche. Und von welchem standhaften Kommunisten sprechen Sie die Biografie an?

      Basedow1764 geantwortet:
      13/04/2015 um 9:47 am

      Sie fragen nach Quellen und Belegstellen. Da gibt es in der Tat Lücken im Blog. Das liegt zum Teil an meiner Bequemlichkeit; ich sage mir, dass ich schließlich keinen wissenschaftlichen Text schreibe, sondern eher eine Art Tagebuch. Manchmal verweise ich auf andere Blogeinträge oder gehe davon aus, dass andere Blogeinträge bekannt sind. Manches ist mir auch seit Jahren vertraut, so dass ich es nicht mehr belege. Da haben Sie natürlich recht, mich nach der Quelle zu fragen, wenn Sie eine Aussage zum ersten Mal hören. Allerdings nehme ich für mich in Anspruch, nichts zu erfinden, bloß zu behaupten oder dubiose Quellen zu benutzen.
      Für die Garnisonkirche habe ich mich lange Zeit wenig interessiert. Allenfalls deswegen, weil ich immer wieder darauf gestoßen bin, dass man in der kommunistischen Geschichtsschreibung öfter Ungenauigkeiten, Übertreibungen oder gar Lügen findet. Beim „Tag von Potsdam“ war das nicht anders. Dann stieß ich auf das Buch von Frau Anke Silomon über die Geschichte der Kirche und darin gab es ebenfalls interessante Entdeckungen zu machen, die so gar nicht zu der Gebetsmühle von der faschistischen Kirche passten.

      Was die kommunistischen Arbeiter in der SA angeht, so war das für mich unstreitig. Das kommt in vielen Chroniken und Erzählungen vor. Da steht dann, dass der Nachbar aus dem dritten Hinterhof, der bisher hinter der roten Fahne hergelaufen war, plötzlich in nagelneuer SA-Uniform herumlief. Die SA war in den 30er Jahren, während der Weltwirtschaftskrise, besonders für Arbeitslose attraktiv: Es gab Bekleidungsstücke und warmes Essen umsonst. Während die Nazis z. B. in KPD-Hochburgen wie dem Berliner Wedding 1928 1,6% der Wählerstimmen bekommen hatten, hatten sie nach zwei/drei Jahren 30%. Irgendwo müssen die hergekommen sein. Und es gab jetzt überall in den Arbeiter-Vierteln „SA-Lokale“.
      Ein CDU-Politiker, Heiner Geißler, der gerne provozierte, sagte einmal, nicht die bürgerlichen Wähler (wie es die Kommunisten behaupten), sondern die Millionen ehemals kommunistisch wählender Arbeiter und Arbeitsloser wären die „Schwungmasse “ der Nazis gewesen. Da übertreibt er allerdings.

      Gerne verdrängt wird, dass die NSDAP das Wort „Sozialismus“ nicht nur im Namen führt. Auch Hitler und Goebbels sprachen von einer sozialistischen Partei. So falsch war das nicht, wenn man sich das Programm von 1919 ansieht . Dass die Nazis später dann den 1. Mai, den „Kampftag der Arbeiterklasse“ zum gesetzlichen Feiertag machten, war nicht nur ein Propagandatrick. Die NSDAP galt als modern. Sie überwand den Standesdünkel des Adels, drängte den Einfluss der Kirchen zuück, machte auch Front gegen die Kapitalisten. (Da findet man bei Götz Aly, Hitlers Volksstaat, viel Material.)

      In Bertolt Brechts „Lied vom SA-Mann“ klingt an, dass er sich des Zulaufs ehemaliger Kommunisten zur SA bewusst war.
      Mir kommt jetzt, wo ich das schreibe, der Verdacht, dass ich mit „Biographie“ nicht ein Buch eines Kommunisten gemeint habe, sondern wirklich einen gar nicht so seltenen Lebenslauf, bei dem die SA-Zeit verschwiegen wird. Denn mir fällt beim angestrengten Nachdenken kein Autorenname ein, aber Fotos von SA-Lokalen, Spielfilmszenen und Chroniken der 30er Jahre. Dass ich das gelesen habe, bleibt also hier ohne Beleg. Ich nehme es zum Anlass, wieder stärker auf Quellenangaben zu achten.

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