Rechtsextremismus in der DDR

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Mit Rechtsextremisten und Skinheads tat sich die SED schwer. Eigentlich durfte es in der kommunistischen Welt so etwas nicht geben. Und wenn, wäre es das Werk faschistischer BRD-Agenten.

1988 rang sich ein General im Innenministerium dazu durch, einen Forschungsauftrag über das „politische Wesen“ der DDR-Skinheads zu erteilen, nachdem die SED fünf Jahre lang die Entwicklung verschlafen hatte. Der Auftrag ging an einen MfS-Offizier (Offizier im besonderen Einsatz, OibE; sie waren in Wissenschaft und Wirtschaft verdeckt in leitenden Positionen tätig) in der Humboldt-Universität, der seinerseits dort eine Soziologin damit beauftragte. Die Arbeit war zu zwei Dritteln Anfang 1989 abgeschlossen, dann wurde sie abgebrochen. Der letzte Teil, Interviews mit einsitzenden Skinheads, durfte nicht mehr durchgeführt werden. Der Auftraggeber im Innenministerium war inzwischen abgelöst worden, die Skinheads galten wieder als unpolitische Radaubrüder.

Obwohl von vornherein klar gewesen war, dass das Projekt keine politischen Dogmen des Sozialismus in Frage stellen durfte und daher keinesfalls zu gründlich Ursachenforschung betrieben werden durfte, zeigten die ersten Ergebnisse viel Unerfreuliches für die Kommunisten. Vor allem wurde deutlich, dass es keine Steuerung durch westdeutsche Agenten und keine relevanten Kontakte zu westdeutschen Nazis gab.

Die heutige political correctness verlangt, dass Rechtsextremismus in Ostdeutschland nur im Zusammenhang mit Rechtsextremismus in Westdeutschland genannt werden darf und keine Unterschiede gemacht werden sollen. Dass er seine Wurzeln in der DDR haben könnte und verbreiteter und gewalttätiger ist, ruft heftigsten Widerspruch hervor.

Rechtsextreme Argumentationsmuster waren teilweise durchaus im Einklang mit in der DDR-Bevölkerung verbreiteten Einstellungen: Die Ausländer nähmen den DDR-Einwohnern die Wohnungen weg, sie kauften das knappe Warenangebot weg, hätten Aids eingeschleppt und würden mit ihren Devisen den „dicken Max“ spielen. So gab ein Ost-Berliner Skin zu Protokoll: „Das ist eben ein Scheiß-Staat hier. Die ganzen Kanaken und alles, muss alles raus.“

Konstitutive ideologische Elemente für den SED-Staat waren Gewaltbereitschaft und Ungleichheit. Die sind auch bestimmend für Rechtsextremismus. Die Gewaltbereitschaft war Bestandteil der kommunistischen Erziehung: Wehrkunde, Kriegsspielzeug, die vormilitärische Gesellschaft für Sport und Technik, das Freund-Feind-Denken der Propaganda, die militärischen  Rituale wie Aufmärsche und Fackelzüge. Ungleichheit zeigte sich in der Abgrenzung zu Ausländern, ihrer Ghettoisierung. Internationalismus gehörte nicht zum Alltag, sondern zur Sonntagspredigt.

(Dass vieles an der linken Ideologie der DDR für die Rechten ohne Weiteres, mit umgekehrten Vorzeichen, übernommen werden konnte, zeigen auch die Umfragen zum Schülerwissen über die DDR: Rechtsextrem eingestellte Schüler haben größere Sympathie für die untergegangene DDR.

Die gewalttätigen Skins und Faschos der Endzeit der DDR waren nur die Spitze des Eisbergs, schreibt Walter Süß. Nach dem Zusammenbruch der DDR wurde erst deutlich, wie groß das Phänomen wirklich war. Während das MfS auf ca. 1000 Rechtsextreme kam, schätzten westdeutsche Fachleute nach 1989 das Vierfache dieser Zahl in Ostdeutschland.

Es ist aufschlussreich, einen Blick in den Bericht von Walter Süß zu werfen, der 1993 im Auftrag der Stasi-Unterlagenbehörde eine Analyse mit dem TitelZu Wahrnehmung und Interpretation des Rechtsextremismus in der DDR durch das MfS, BStU, Abt. Bildung und Forschung, Reihe B: Analysen und Berichte Nr. 1/1993, Berlin 3. Aufl. 2000, vorgelegt hat. Er zitiert auch aus der Studie.

Linkspartei-Mitglied André Brie, Vordenker der PDS, sagte in einem Interview neben einigem m. E. Fragwürdigem auch dies: „… eine Ursache rechter Gewalt liegt sicher in der DDR.

Worin besteht das rechte DDR-Erbe?

Die DDR war ein abgeschottetes Land. Schon dort gab es Neofaschismus, aber darüber durfte nicht diskutiert werden. In der DDR lebten eine halbe Million sowjetische Soldaten und viele vietnamesische Vertragsarbeiter. Die wurden ghettoisiert und abgeschottet. Niemand musste kulturelle Widersprüche leben. Die DDR hat einen Antifaschismus postuliert, der nicht demokratisch erstritten wurde. In diesen konnte 1945 jeder problemlos reinschlüpfen. Die DDR war ein Law-and-order-Staat, das ist für Neonazis bis heute ein Anknüpfungspunkt.

Sie sehen Kontinuitäten zwischen der NS-Zeit und der DDR, die bis heute nachwirken?

Es gab 1945 einen ungeheuren Bruch. Aber die Mentalitäten wurden nicht gebrochen.

Wurde darauf die DDR aufgebaut?

Nein. Das Problem liegt sehr viel tiefer. Die kommunistische Bewegung hat spätestens mit ihrer Stalinisierung Demokratie und Emanzipation abgelegt. Sie hat schon vor 1933 Konzepte verfolgt, der gleiche Denkweisen und ähnliche Symbole wie der NS-Bewegung zu Grunde lagen. Hier gibt es eine ganz fatale Kontinuität… Autoritätshörigkeit, Hierarchiedenken und Harmoniesucht der Ostdeutschen sind ein Nährboden für Neonazis. Nur wenn wir diese kulturellen Ursachen des Rechtsextremismus in Ostdeutschland reflektieren, werden wir eine Antwort auf die rechte Gefahr finden.“

Siehe auch hier und hier im Blog!

 

Roland Jahn im Interview, u. a. zu Rechtsextremismus
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