Die bunte Stasi-Akte über Bob Bahra

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Der Potsdamer Bob Bahra lud zu einer Lesung aus seiner Stasi-Akte, mit bissigen und ironischen Kommentaren von ihm, in die Gedenkstätte Lindenstraße, das ehemalige MfS-Untersuchungsgefängnis ein.

Wie gerät er, ein gut aussehender, dem weiblichen Geschlecht zugetaner junger Graphiker in das Visier der SED-Tscheka? Es ist ein Beispiel für das Grundmisstrauen, das die Kommunisten den Menschen entgegenbringen: „Glaub´ bloß nicht, dass Du unschuldig bist. wir werden so lange suchen, bis wir etwas gefunden haben.“ So etwa lautet nach meiner Erinnerung ein Satz des Tscheka-Gründers Dscherschinski. Das MfS beobachtet und archiviert 23 Jahre alles, jede Banalität.

„Künstler“, so der „Objektname“ Bahras, „biegt nach links in die xy-Straße ab, dann nach rechts in die z-Straße.“ „Die Überwachung des Objekts wurd nach zwei Stunden abgebrochen, da es sich um das falsche Objekt handelte.“ Die Uhrzeiten, wann er nach der Arbeit die Wohnung betritt, werden akribisch erfasst.  Als man ihn zu einem späteren Zeitpunkt an einem Vormittag aus dem Bett klingelt, wird notiert: Er trage ein Unterhemd mit halblangem Arm und seine Frau habe den Nagellack auf die Farbe ihrer Schuhe abgestimmt.

Bahra besitzt eine große Bibliothek. Er ist ein unpolitischer Mensch, politische Literatur hat er keine. Seine Hauswirtin hätte ihn gerne als Schwiegersohn. Er will aber nicht. Die verschmähte Schwiegermutter wird zur schlimmsten Denunziantin. Sie protokolliert seine Frauenbekanntschaften, sie beschreibt seine Wohnung als Dreckloch. Bahra zeigt dem Publikum Fotos seiner Wohnung: Ein großes Bücherregal, antike Möbel.

Die Stasi-Überwacher beginnen nachts um vier mit der Überwachungsarbeit , 12 Stunden bevor er das Haus verlässt!

Bahra ist unpolitisch, aber er nimmt kein Blatt vor den Mund. Auf einem Jugendforum fragt er, warum er nicht Jewtuschenko, Kafka und Ehrenburg lesen dürfe.

Er arbeitet als Graphiker bei der Märkischen Volksstimme, dem SED-Blatt des Bezirks Potsdam, heute „Märkische Allgemeine“. Der Chefredakteur berichtet über ihn an das MfS. Nach dem Zusammenbruch der DDR, Anfang der 90er begleitet ihn ein ZDF-Kamerateam. Sie wollen einen IM filmen. Bahra führt sie aufs Gelände der „Volksstimme“, wo die Mitarbeiter gerade in die Kantine gehen. „Hier seht ihr jede Menge IMs“, sagt er, „die könnt ihr alle filmen, fast alle waren dabei.“

Bahra sieht die IM-Tätigkeit durchaus differenziert. Die Knast-IMs,  Zellengenossen, die berichten mussten, waren fast immer in einer Notlage. Bei manchen Freunden zeigt er Verständnis oder die Freundschaft ist ihm wichtiger. An dem Schauspieler Horst Giese lässt er dagegen kein gutes Haar. Giese hat zehn Jahre über ihn berichtet. Seine Aufzeichnungen über Bahras Kritik an der Niederschlagung des Prager Aufstandes 1968 bringen diesen schließlich ins Zuchthaus. Der Freund Giese rechtfertigt sich: „Ich habe nie jemandem geschadet. Über Dich wusste die Stasi doch schon alles.“

Unter den insgesamt 40 IMs um ihn herum war auch ein weiblicher Informant. Die Dame wurde „herangeführt“, wie es in der Fachsprache heißt. Sie gibt den Auftrag bald zurück. Aus den Akten geht hervor, dass sie ihn politisch für einen dummen Jungen hält, nicht weiter relevant. Ob sie aufhört, weil sie nicht sexuell von ihm bedrängt werden möchte, oder befürchtet, sich dann zu verraten, bleibt offen.

Die Mitbewohner des Hauses in Babelsberg, in dem er dann mit seiner Familie wohnt, haben allesamt Leitungsfunktionen im SED-Staat, wären aber keine IMs gewesen. Familie Bahra hat zwei Autos, einen Trabi und einen alten Opel Rekord, die Nachbarn verfügen über Dienstwagen. Ende 1988 stürzt eine alte Kastanie vor dem Haus um. Die Wagen der Bahras stehen in diesem Moment nicht vor der Tür. Der Baum begräbt drei Dienstwagen unter sich.

Wieder einmal wurde in einer Veranstaltung die Erbärmlichkeit dieses Staates deutlich. Die Jahrzehnte währende, aufwändige Überwachung eines letztlich harmlosen Untertanen, der Opportunismus der meisten Mitmenschen, die Datensammelwut des Überwachungsapparates. Bahra liest Berichte vor, in denen IMs über IMs berichtet haben.

Am Schluss zeigt er ein Foto vom berüchtigten „Lindenhotel“, dem MfS-Gefängnis in der Potsdamer Lindenstraße, aus der Zeit 1989/90: Alle Häuser, alle, die daneben, die gegenüber, waren heruntergekommen, zerfallen, mit grauen Fassaden und bröckelndem Putz. Nur das Gefängnis, zur Straße hin ein Barockbau aus dem 18. Jahrhundert, sah ordentlich, ja sogar hübsch aus.

Auch wenn die Stasi-Akten ob ihrer Banalität, ihres Mitteilungsdrangs und gelegentlich sprachlicher Unbeholfenheit zum Schmunzeln verführten und Bahras bissige Kommentare zum Lachen, macht er deutlich, dass die SED-Herrschaft keinen Anlass zum Lachen gab. Er erzählt von Mithäftlingen, die jetzt in ihrer Wohnung alle Türen ausgehängt haben und von dem Mitreisenden im Zugabteil, der den Schaffner bittet, aufs Klo gehen zu dürfen.

Hinterher, beim Wein in einer Kneipe, holt uns die Gegenwart ein. Ein Bekannter, der auch seine DDR-Erinnerungen mit sich trägt, sagt plötzlich: „Wenn der ehemalige Stasi-Spitzel und SED-Funktionär Dr. Scharfenberg Oberbürgermeister wird, ziehe ich weg.“ Scharfenberg ist der wichtigste linke Politiker im Landtag und in der Stadtverordnetenversammlung. Er unterlag 2002 mit 122 Stimmen Differenz bei der OB-Wahl und war 2010 erneut in der Stichwahl. Da unterlag er deutlicher. Es hatte Demonstrationen gegen einen hochrangigen SED-Funktionär als Potsdamer OB gegeben.

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Ein Kommentar zu „Die bunte Stasi-Akte über Bob Bahra

    […] Das Theodor-Storm-Haus fiel im Spätsommer 1989 der Spitzhacke zum Opfer. Der Künstler Bob Bahra und andere hatten vergeblich protestiert. Das schon halb verfallene Holländische Viertel erblühte […]

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