Der Mythos vom größeren Zusammenhalt (2)

Gepostet am Aktualisiert am

ist einer der gern verbreiteten DDR-Mythen. In Gesprächen wurde er mir nie bestätigt. Aber das ist natürlich kein objektiver Beleg. Ich lese in Erinnerungsbüchern, wie schnell man bereit war, sogar Familienmitglieder der Spitzelei zu verdächtigen. Aber auch das hält keiner wissenschaftlichen Betrachtungsweise stand. Das sind, sagen Geschichtswissenschaftler, womöglich unzuverlässige Zeitzeugen.

Ich finde dennoch immer wieder Bestätigungen dafür, dass die Mythenprediger zwar verständliche Motive, aber Unrecht haben. So hat Anke Domscheit-Berg, Piratenpolitikerin und Unternehmensberaterin, in der DDR aufgewachsen, eine sehr persönliche Sicht auf die Tellkamp-Verfilmung „Der Turm“. Ihre verschütteten Erinnerungen wurden geweckt. Sie schreibt u. a.: „Das Empfinden der ständigen Beobachtung, das allgegenwärtige Misstrauen – wir haben damals bei jedem Knacken in der Telefonleitung damit gerechnet, dass Dritte mithören…“

Nachtrag Nov. 2012: Den Skispringer Hans-Georg Aschenbach höre ich gerade im Autoradio im Deutschlandfunk: „Wir hatten alle Angst voreinander, von der Geburt bis zum Tod.“

Nachtrag Januar 2014: Wenn weglassen schon eine Form der Lüge ist, wie Christoph Hein einmal sagte, dann wird bei diesem Mythos gelogen. Wer behauptet, der Zusammenhalt der DDR-Bewohner sei groß gewesen, man vermisse ihn im kapitalistischen Nachwende-Deutschland, zeichnet ein Bild einer DDR, die es so nie gegeben hat.

Man war sehr oft in Gemeinschaften, der Hausgemeinschaft, der Brigade, der Gruppe der Urlauber im FDGB-Ferienheim. Ob das gemeint ist? Man versuchte, sich der Allgegenwart der SED zu entziehen und flüchtete in private Nischen, suchte zuverlässige Freunde oder zog sich in die Familie zurück. Allzuoft schützte das nicht vor Bespitzelung und Verrat. Manchmal war die Ehefrau, der Bruder, der gute Freund Stasi-Zuträger. Mancher war verblüfft, wenn er vor einem SED-Richter stand und hörte, was Berufskollegen oder Nachbarn über ihn sagten.

Wer den Zusammenhalt lobt, muss dazu sagen, dass die Bedingung dafür die Diktatur war. Mehr über DDR-Mythen hier und hier und noch mehr unter dem Schlagwort „DDR-Mythen“

Update Juni 2016: Ich lese gerade Pamela Heß, Mehr Gemeinschaftsgefühl und ein stärkerer sozialer Zusammenhalt? Erinnerungen an die DDR als Potenzial für Generationenkonflikte, in: Deutschland Archiv, 26.3.2015, Link: http://www.bpb.de/203625.

Sie thematisiert die unterschiedliche DDR-Wahrnehmung durch die sog. Dritte Generation Ost, der gerade noch als Kinder und Jugendliche in der DDR groß Gewordenen und der Elterngeneration. Die Eltern schwärmen nahezu von der DDR-Zeit, vom großen Zusammenhalt der Menschen. Die Autorin zählt die möglichen Gründe für Zufriedenheit auf: gute Wohnungen, Verbesserungen der Versorgung usw. Die Wendekinder dagegen betonen, dass für sie die DDR schon nicht mehr die heile Welt war, wie sie die Eltern sehen. Und dass sie die neuen Chancen und Freiheiten und Rechte zu schätzen wissen und eher die Repression in der DDR betonen.

Wobei die Verfasserin offen lässt, ob diese Einstellung „sekundär“ sind, also von außen, z. B. von Zeitzeugen übernommen wären. Dagegen wären die Elternerfahrungen persönliche Erfahrungen.

Die Befragung von Frau Heß mag ihre Berechtigung haben. Es mag auch sicher zutreffen, dass es Diskrepanzen im DDR-Bild der Generationen gibt. Es ist ratsam, der hier erfragten Einstellung der Elterngeneration Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Auf der Strecke bleibt für mich bei so viel Sensibilität und Akzeptanz von Erzählungen (wissenschaftlich: „Narrativen“) das Interesse an dem, herauszubekommen, wie es wirklich war.

Ich weiß, dass jetzt die Postmodernen und die Konstruktivisten aufschreien bzw. auflachen ob so viel Naivität. Interessiert hätte mich aber schon, wie die Kontextualisiererinnen mit dem umgehen, was ich hier (und hier) zusammengetragen habe.

Man kann die Repression bagatellisieren, rechtfertigen und klein reden. Man kann von der Neubauwohnung Erfurt und der (vermeintlichen) Vollbeschäftigung reden, den billigen Mieten und Grundnahrungsmitteln, von dem großartigen Miteinander. Da weiter zu fragen interessiert postmoderne Forscher/-innen nicht mehr.

Es geht ja um das Glück der Menschheit, da muss man auch mal Renitente einsperren dürfen oder erschießen oder von der Schule werfen. Sicher steckt die CIA dahinter, wie schon beim 17. Juni, oder, wie Frau Jeß vorsichtig andeutet, der Einfluss von Zeitzeugen, die zum schlechten DDR-Bild der Dritten Generation Ost beitrügen.

 

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Ein Kommentar zu „Der Mythos vom größeren Zusammenhalt (2)

    Wolfgang M. sagte:
    20/10/2012 um 11:02 am

    Gegenseitiges Misstrauen
    war in der DDR an der Tagesordnung. Ich habe selbst erlebt, wie gegenseitig bespitzelt und „gemeldet“ wurde. Hausbuchführer ( sowas wie Blockwarte) machten Notizen über die Bewohner des Hauses. „Unregelmäßigkeiten“ jeder Art ( nach Ermessen des Hausbuchfüheres) wurden gemeldet. Wer „zuviel“ gemeldet hatte wurde schnell selbst verdächtigt, er könnt evtl. von etwas ablenken wollen und kam genauso ins Visier der STASI wie Jemand der „zu wenig“ meldet, der dann ohnehin, da ja offensichtlich ein Desinteresse an dem Staat vorliegen könnte.
    Der „Zusammenhalt“ war zwar gegeben, aber eher als Eigenschutz. So wusste man immer was los war und ob evtl. jemand gegen einen selbst etwas in die Wege geleitet hat – oder vor hat. Nachteil war, dass auch die anderen ( potentielle Denunzianten ) somit Einblicke bekamen um sogar völlig harmlose „Vorfälle“ für sich aufzuarbeiten und weiter zu verwerten um sich bei der STASI Pluspunkte zu holen. Da wurden dann auch schon mal die direkten Nachbarn morgens um 07:00 von der STASI abgeholt und 2 Wochen ersteinmal vorbeugend- ohne Grund – festgehalten.Das „Entsetzen“ der unmittelbaren Nachbarn über die Abholung war ein schauerliches Schauspiel, weil ja eben gerade diese, die Leute ans Messer geliefert hatten.
    Man lebete größtenteils in ständiger Angst, etwas „Falsches“ gesagt oder gemacht zu haben, und dass man abgeholt wird, von den „Männern mit den langen Mänteln“ ( Seinerzeit hatte die STASI noch nahezu identische Mäntel wie die GESTAPO – Die Methoden aber blieben gleich )
    Wolfgang M.

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