Aufarbeitungs-Pipapo

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Manchen Leuten bereitet die Aufarbeitung der SED-Diktatur Verdruss. Damit muss man in einer pluralistischen Gesellschaft leben, wir sind ja nicht mehr in der DDR.
In Brandenburg wurde mit der Aufarbeitung spät angefangen und das auch noch gegen heftige Gegenwehr der SPD, die  das Land seit 1990 regiert. Auch in der Geschichtswissenschaft gibt es das Interesse, es mit der DDR-Aufarbeitung nicht zu übertreiben. Einige Wissenschaftler sind der „Aufarbeitungsindustrie“ (Prof. Großbölting) überdrüssig und wollen wieder mehr Nationalsozialismus erforschen. Die DDR wäre ausgeforscht und überforscht.

Jetzt veranstaltet das renommierte Potsdamer Einstein-Forum eine Tagung mit dem subtilen Titel „DDR-Aufarbeitungs-Jubiläen – Chance oder Problem?“. Nachbar des Forums ist das Institut für Zeitgeschichtliche Forschung. Der Direktor, Prof. Dr. Martin Sabrow, soll mit Dr. Ulrich Mählert, dem Leiter des Arbeitsbereichs Wissenschaft und Internationale Zusammenarbeit bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, diskutieren.

Sabrow schüttet gerne Wasser in den Wein der Aufarbeiter: Der Begriff „Friedliche Revolution“ gefällt ihm nicht. Er hat damit nicht gänzlich Unrecht: MfS und Vopo haben brutal zugeschlagen. Aber das sollte er dann auch sagen

 

Die Klage vom unzureichenden Wissen ostdeutscher Jugendlicher über die DDR gefällt ihm nicht. Sie wüssten nicht weniger, sondern anderes: Sie hätten das Narrativ von der fortschrittlichen DDR („Fortschrittsgedächtnis“)

 

Potsdam brauche ein Museum für die Erinnerung an den Alltag in der DDR

 

Der Feind einer wissenschaftlichen Darstellung von Zeitgeschichte ist für Prof. Dr. Sabrow der Zeitzeuge. Also nicht mehr so viele Zeitzeugen, die aus der Opferperspektive erzählen

 

Die Schulen sollen die Alltagsgeschichte der DDR in den Vordergrund stellen (FAZ v. 4.2.09), nicht die Repressionsgeschichte

In nahezu jedem Vortrag, den ich von ihm gehört habe, erwähnt Prof. Sabrow den „Zivilisationsbruch“, den die Nazis mit dem Massenmord an den Juden begangen hätten. Er muss nicht anfügen, dass demgegenüber die Verbrechen von Kommunisten überschaubar wären. Darin ist er sich mit seinem Mitdiskutanten Dr. Mählert einig: Vergleiche des Sozialismus mit dem Nationalsozialismus wären unzulässig.
Sabrows Vorgänger am Institut, Prof. Konrad Jarausch, nannte die DDR eine „partizipative Diktatur“. Wahrscheinlich, weil alle an der Mai-Demonstration teilnehmen durften (wie Richard Schröder vermutet).

Zu Sabrows Geschichtspolitik passt, dass bei der Behandlung der DDR in der Schule in Brandenburg neuerdings der „Beutelsbacher Konsens“ herangezogen wird. Der wurde 1976 relativ vage formuliert, um die parteipolitisch geprägten Politikdidaktiken der westdeutschen Bundesländer unter einen Hut zu bekommen und eine parteipolitisch unabhängige, wissenschaftsorientierte politische Bildung zu konstituieren. Gefordert wurde darin, dass Schüler nicht indoktriniert und überwältigt werden dürften. Dass dieses Papier in Brandenburg auf den Geschichtsunterricht über die DDR angewandt werden soll, irritiert. Soll jedem SED-Verfolgten der Stasi-Vernehmer als Zeitzeuge beigesellt werden, als Zeichen der Ausgewogenheit? Soll die ideologisch einseitige Staatsbürgerkunde der DDR jetzt wertneutral dargestellt werden?

Man sorgt sich in Brandenburg darum, dass Schüler nicht emotional überwältigt werden, wenn ein Zeitzeuge von seinem Aufenthalt in einem MfS-Gefängnis erzählt. Man soll nicht gleich mit dem Thema SED-Diktatur im Unterricht anfangen, sondern von der fortschrittlichen Sozialpolitik und Kinderbetreuung reden. Und wenn am Ende des Unterrichts herauskommt, dass die DDR keine Diktatur war, sei das auch o.k., so etwa Tilmann Grammes, Professor für Erziehungswissenschaft in Hamburg.

Man stelle sich vor, bei der Behandlung der NS-Diktatur hätten besorgte Historiker und Erziehungswissenschaftler so argumentiert: Multiperspektivisch muss der Unterricht sein. Nicht ständig die Überwältigung durch Überlebende der KZs als Zeitzeugen in den Schulen, Ausgewogenheit. Wenn die Schüler sich  ein Geschichtsbild konstruieren, in dem Hitler als Demokrat aufscheint, auch gut?

Wir haben uns als Geschichtslehrer der 68er Generation in Westdeutschland vorwerfen lassen müssen, dass wir es übertreiben mit der Betonung der Nazi-Gräueltaten. Aber kein Erziehungswissenschaftler und kein Geschichtsprofessor hat uns gesagt, wir sollten auf den Diktaturbegriff verzichten, auf Ausgewogenheit achten und wenn das Schülernarrativ die Nazizeit positiv sieht, wäre das ein legitimes Ergebnis subjektorientierten Geschichtsunterrichts.

Doch zurück zur Veranstaltung des Einstein-Forums:
Zum Abschluss soll ein Film gezeigt werden: Sonntagsfahrer, DDR 1963. Leipziger Familien wollen am 12. August 1961 nach Berlin fahren, um in den Westen zu fliehen. Der Mauerbau macht das Vorhaben unmöglich. Sie müssen zurückkehren. „Ein Defa-Versuch, über die Mauer zu lachen“, urteilt der Spiegel.

Nicht gezeigt werden diese Filme:
• Das ganze Halt (DDR 1963). Der Mauerbau wird als notwendige Schutzmaßnahme gegen die Aggressivität des westdeutschen Imperialismus dargestellt.
• Deutschland – Endstation Ost (DDR 1964; von der SED nicht freigegeben). Der belgische Dokumentarist Frans Buyens zeichnet ein eindrucksvolles Stimmungsbild der DDR-Bevölkerung kurz nach dem Mauerbau.

Wenn ein Film, in dem sich die SED über den Mauerbau amüsiert, so gut zu Geschichtswissenschaftlern passt, die sich über die Aufarbeitungs-Jubiläen amüsieren: hier Vorschläge für eine ganze Filmreihe:
• Der Partykeller von Hohenschönhausen
• Der 17. Juni in Berlin: Übermut tut keinem gut
• Erlebnispädagogik im Jugendwerkhof Torgau
• Wir hatten den besseren Sex (Regie und Hauptrolle: Katharina Thalbach)

Was fehlt: Das Wort vom „Aufarbeitungsfaschismus„.

Wahrscheinlich sind die sprachschöpferisch versierten Potsdamer Linksalternativen noch in Malle.

– Aufarbeitungs-Pipapo (3), (2)
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3 Kommentare zu „Aufarbeitungs-Pipapo

    Martina C. sagte:
    15/08/2012 um 2:51 pm

    Prof. Dr. Martin Sabrow, Dr. Ulrich Mählert, Prof. Großbölting – eigentlich ja vom Titel her zumindest gebildete Leute, die es besser wissen sollten.
    Wie kann man sich erlauben, eine Diktatur nach der „Anzahl“ der Verbrechen zu definieren ? Das ist doch wohl die Höhe. Spielt man jetzt ein bißchen „Volkstribunal“ ? Ab wieviel „Stück“ Tote und wieviel „Stück“ Verfolgter wirds denn dann zur Diktatur ? Und wieviel „zählt“ Mord und wieviel „Verhör“ und wieviel „Verfolgung“ Erarbeiten die Herren dann auch eine Punkteliste oder eine Formel zur Berechnung, ab wann im Ergebnis Diktatur steht ? Also wirklich, ich hätte von Akademikern etwas mehr erwartet, was ist denn hier nun los ?
    Achja, ich kanns mir fast vorstellen, „jetzt wieder mehr Naziverbrechen“ „aufarbeiten“… Ich denke um damit die DDR weiter zu relativieren und abzumildern und davon abzuenken. So kann man ja z.B. sagen “ Seht, die waren viel Schlimmer, die haben XX Leute umgebracht“ oder „Weil die Nazis ja schlimmer waren, müssen wir ja nun noch mehr aufklären“
    Das ist ja wie in einer Krabbelgruppe „Aber die Burg die Mario mir kaputt gemacht war viel größer“ ( Deshalb schlimmer ) Kaputt gemacht wurden beide Burgen. Das nur mal als ganz banales Beispiel. Oder : Ich habe doch „nur“ 2 Leute erschossen, der hat aber 4 umgebracht…

    Das mit den Mai-„Demonstrationen“ in der DDR ist wie mit den „Wahlen“ in der DDR Man suggeriert, dass man „gerecht“ sei

    Jede Diktatur ist und war Unrecht ! Wie kann man da bloß anfangen zu relativieren ?! Die Menschen in der Welt riskieren ihr Leben um Diktaturen zu beenden, machen die das alle nur zum Spaß ?

    Philipp sagte:
    14/08/2012 um 9:16 pm

    > Und wenn am Ende des Unterrichts herauskommt, dass die DDR keine Diktatur war, sei das auch o.k., so etwa Professor Tilmann Grammes, Professor für Erziehungswissenschaft in Hamburg. <

    Wir als Teil der globalisierten Welt und als Teil von Europa sollten soetwas nicht zulassen. Man guckt in der Welt sehr genau auf uns, wie wir mit unseren ZWEI Diktaturen fertig werden und ob wir damit überhaupt fertig werden. Wir sind auf unsere Partner, ob Nato oder Handel ebenso angewiesen, wie unsere Partner auf uns. Wenn sich der Osten hier weiter rück-entwickelt und weiter geleugnet und verklärt wird, sieht das nicht ganz so gut für uns aus. Da hilft auch kein Museum für "Alltag in der DDR" wo selbstverständlich die unschönen Dinge (wieder einmal) einfach weggelassen werden, dafür sorgt dann schon der Wolf im Schafspelz "SPD" Platzeck zusammen mit Sabrow und Mählert.

    Philipp sagte:
    14/08/2012 um 8:59 pm

    DDR demokratisch ?
    Was war hier demokratisch ? Die Zwangsumsiedlungen, wenn man im „Grenzgebiet“ wohnte ? Die „Säuberungen“ von Oberhof, wo man Menschen mit 30 Minuten Ultimatum aus den Häüsern deportierte ( mit MG im Anschlag ) Das „Verbrechen“ der „versuchten“ Flucht ? etc. etc.
    Mir verschlägt es ja fast die Sprache. Es ist zum Vergleich wie das Leugnen des Holocaust ( bei den Naziverbrechen) oder „Ausschwitz hat es nie gegeben“ Was war die DDR denn dann ?
    Zu viele Zeitzeugen könnten die Jugendlichen verwirren, im Gegenteil, es muß noch viel mehr und viel direkter aufgeklärt, bzw. „ent-klärt“ werden, denn das ist das neue Problem. Die alten Ultra-Hardliner werden irgendwann zu Erde, aber die jungen, die nie dabei waren, und es nur weichgesülzt erzählt bekommen und „es war ja alles gar nicht so schlimm“

    Weshalb gibt es denn im Osten, speziell Sachsen Anhalt und Thüringen so viele „DDR – Skins “ Diese fürchterliche Mischung von Nazigehabe und DDR Ostalgie in radikaler Form. Weshalb werden es immer mehr, sogar und gerade an höheren Bildungseinrichtungen ? Wir machen einen ganz schweren Fehler, wenn nun nicht mal bald radikal aufgeklärt wird, ohne „Weichspüler“. Wieviele gefoltert wurden in der DDR und auch hingerichtet, aus politischen Gründen, verfolgt, wochenlang eingesperrt ohne Anklage, im Wasser stehend etc. Das sind Tatsachen. Weshalb soll die DDR keine Dikatatur sein, nur weil die Führung der DDR evtl. weniger Tote auf dem Konto hat als die Nazis hatten ? Und weil sie (noch) nicht fabrikmässig eine ganze Rasse ausgerottet hatten ? Das wars aber auch schon. Es wurden trotzdem unzählige nach stalinistischer Art verfolgt und „bearbeitet“ Die DDR hatte ja sogar einen perfiden Plan vorbereitet, wie man denn dann in Berlin einmarschiert, und dann, wenns okay von den Russen kommt, die norddeutsche Tiefebene mit Atombomben zur „stahlenden Grenze“ umwandelt. Ne, ne, es war ja sooo schön und alle Zeitzeugen und alle Toten und alle die damals auf die Straße gingen alle zusammen müssen sich irren, es war einfach schön

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