Pfarrer Schorlemmer, Egon Krenz und der Ausverkauf der Werte der DDR

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Sanierungsfall in Potsdam

Viele Handlungen kann man nur aus ihrer Zeit heraus verstehen. So hat Ulrike Poppe einmal erzählt, wie sehr die Bürgerrechtler noch im System der DDR gefangen waren. Manche wollten weder die DDR noch die SED noch den Sozialismus abschaffen. Alles sollte nur ein wenig reformiert werden. Das wollten die Reformer in der SED, die 20 Jahre später im Parteiprogramm der Linken  auftauchen, auch.

Deswegen kann man durchaus verstehen, dass der Pfarrer und Bürgerrechtler Schorlemmer drei Wochen nach dem, was eine Minderheit „friedliche Revolution“ nennt, zusammen mit dem Ersten Sekretär der SED und Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz einen Appell unterzeichnet, in dem vor dem Ausverkauf der materiellen und moralischen Werte der DDR an den Westen gewarnt wird. Unterschrieben war das Pamphlet auch von den unvermeidlichen Stefan Heym und Christa Wolf. Die SED ließ den Appell in allen ihren Zeitungen abdrucken. Ulrike Poppe hat den Kontext verstehbar gemacht, in dem sie unterschrieben hat. Schorlemmer behauptete später einfach, er habe einen anderen Text unterschrieben. Im Entwurf zum Parteiprogamm der Linkspartei wird es später heißen: „Doch das gemeinsame Projekt eines politischen Wandels zu einem besseren Sozialismus scheiterte 1990“.

Teile der Bürgerrechtler gaben sich dem Traum hin, die marode DDR könne zu ihren angeblichen humanistischen Gründungsmythen zurückkehren und mit Hilfe von Krediten der BRD oder des Jüdischen Weltbundes könne eine verbesserte DDR aufgebaut werden .

[Der Versuch des letzten SED-Vorsitzenden Dr. Gysi, Geld vom Jüdischen Weltbund zu kriegen, war insofern bemerkenswert, als Israel 15 Jahre zuvor gegen die Aufnahme der DDR in die UNO gestimmt hatte, da die SED sich weder zur Schuld der Deutschen am Holocaust bekannte, noch jemals bereit war, Entschädigungszahlungen zu leisten. Von den antisemitischen Prozessen der 50er Jahre und der nachfolgenden Abwanderung von Juden aus Ostberlin ganz zu schweigen.]

Währenddessen hatte die SED schnell wieder Tritt gefasst, frisierte die Kaderakten ihrer Leute, organisierte die Wende, die Vernichtung von MfS-Akten und ihren Vermögenstransfer.

Jetzt ist verständlich, warum Pfarrer Schorlemmer und Konrad Weiß gegen den Pfarrer Gauck wüten. Gauck war von Anfang an kein SED-Sympathisant und hätte den Appell nie unterschrieben. Sympathischer findet Dr. Schorlemmer den SPD-Ministerpräsidenten Erwin Sellering. Dessen relativierende Äußerungen (Schule gut, Kita gut, Gesundheitswesen gut, zwar ein Schuss Willkür, aber kein totaler Unrechtsstaat, auch BRD hat Schwächen) verteidigt er ausführlich. Wo? Im „Neuen Deutschland“!

Am schönsten hat ein Künstler in einer Fotoausstellung zur Wende im Haus der Kulturen der Welt in Berlin die Enttäuschung einiger Bürgerrechtler wie etwa Schorlemmer in Worte gekleidet: (Etwa so:) „Die Bürgerrechtler machten eine Revolution, dann aber übergab das Volk das gerade befreite Land an die westdeutschen Konzerne.“ Mit Brecht hätten sich die Bürgerrechtler wohl ein neues Volk suchen müssen.

Update August 2014: Wenn es nach dem Pfarrer und Bürgerrechtler Dr. Schorlemmer gegangen wäre, so ist zu vermuten, lebte der Osten Deutschlands unter einem Generalsekretär Dr. Gysi leicht gewendet, fort, einbezogen in die Zonenrandförderung der BRD, und Pfarrerkinder dürften auch das Abitur machen, zumal der SED die Arbeiterkinder auf der EOS sowieso schon ausgegangen waren. Vielleicht würde man weniger Tellerminen an die Aufständischen rund um den Globus liefern oder nur über einen Joint Venture mit Rheinmetall.

Sowohl die Verteidigung der DDR als auch der Haß auf den Bundespräsidenten sind bei ihm ohne Maß. Er mobilisiert einige Dutzend Gesinnungsfreunde unter ostdeutschen Pfarrern, die Gauck bei seinen Worten zur militärischen Intervention als ultima ratio Hetze unterstellen, genauso wie es seine linken Freunde tun. Warum ist er nicht so ehrlich und tritt auch offiziell in die Linkspartei ein?

Jedenfalls missachtet er souverän, dass Gauck, was dieser noch einmal für seine kritischen ostdeutschen Kolleg/-innen wiederholte, sich auf ein 2005 festgelegtes UNO-Prinzip bezog, das eine Schutzverantwortung der Weltgemeinschaft konstatiert, wenn ein Staat nicht mehr in der Lage sei, seine eigene Bevölkerung vor Massenverbrechen zu schützen. Erst nach dieser für die Ostdeutschen verfassten Wiederholung ließen diese gönnerhaft wissen, jetzt hätten sie Gauck verstanden und dankten für die „Klarstellung“.

Nachtrag Oktober 2014: Wie sich der evangelische Theologe Dr. Schorlemmer beim Unrechtsstaat-Begriff windet, nimmt Ralf Schuler aufs Korn. Schorlemmer schrieb in der SZ: “Wer die DDR noch 25 Jahre nach ihrem Ende in toto zum Unrechtsstaat erklärt, der kann zu keiner differenzierenden Betrachtung des Lebens in diesem Land gelangen.” So kann man jede Diktatur ein bisschen rechtsstaatlich aussehen lassen.

Nachtrag November 2014: Dr. Schorlemmer meldet sich natürlich auch zu Wort, wenn Bundespräsident Gauck die Regierungsfähigkeit der Linken in Thüringen bezweifelt und den Wandel der SED-Nachfolger zu einer demokratischen Partei in Frage stellt. Es würde mich nicht wundern, wenn die Linke Schorlemmer zu ihrem nächsten Bundespräsidentenkandidaten ernennt.

Schorlemmer gehört neben Micha Brumlik, Dan Diner, Jürgen Habermas und Walter Jens  (verst.) zu den Linken, die die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ herausgeben, nachdem die SED ab 1990 als Zahlmeister für das „unabhängige“ Blatt ausfiel.

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2 Kommentare zu „Pfarrer Schorlemmer, Egon Krenz und der Ausverkauf der Werte der DDR

    Frank sagte:
    27/10/2014 um 1:59 pm

    Ich habe im Namen des Volkes 30 Monate Haft wegen versuchter Republikflucht bekommen. Das war die Rache der Stasi, die mich als 15 Jährigen anwerben wollte, um den Pfarrer und einige Mitglieder der Jungen Gemeinde zu bespitzeln. Ich war in Gewissensnot und warnte meine Freunde und den Jugendpfarrer und scheiterte bei meiner anschließenden Flucht. Alle Behandlungen bei der 6- monatigen Einzelhaft bei der Stasi und die während der weiteren 2 Jahre im Jugendstrafvollzug Dessau kamen mir wirklich wie ein Dejawue vor! Denn auch ich habe im Fernsehen gesehen und im Staatsbürgerkunde-Unterricht gehört, was die GESTAPO war und tat. Mir läuft noch heute manchmal ein kalter Schauer über den Rücken, wenn ich im Rückblick erkenne, wie ähnlich die Methoden waren und wie wenig wir aus unserer Geschichte gelernt haben. Gut ist, daß wir heute über diese Thematik offen diskutieren können, dafür gab ich auch einen Teil meiner besten Jugendjahre her, aber Mancher sollte sich schon etwas vorher informieren, befor er sich eine Meinung bildet. Einen Besuch der Gedenkstätte Hohenschönhausen oder Gedenkstätte Stasi-U-Haftanstalt Lindenalle Potsdam bietet jedem die Möglichkeit des Vergleichs.
    oder z.B. auf diesen Seiten:

    http://www.christhard-laepple.de/archiv-dessau.html

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    […] Er mahnt für die SED den Beutelsbacher Konsens an. Am Schluss warnt er davor, den Ostalgiker Dr. Schorlemmer zitierend, die Delegitimierung der DDR würde allmählich selbst totalitär werden. Frau Teuteberg […]

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